Jüdischer Humor beginnt dort, wo anderen das Lachen vergeht. Gerade in Zeiten von Antisemitismus und Überforderung wird Ironie zur Form der Selbstbehauptung.
Aaron Rosenberg, seit zwei Jahren verwitwet, betritt mit seiner neuen, jungen Frau ein Restaurant, wo er jede Woche seine Freunde trifft. Als sie auf die Toilette geht, fragt David: „Wo hast die her, so jung, so schön?“ Aaron antwortet: „Ich hab mit meinem Alter gelogen.“ „Ha“, sagt David, „du hast ihr gesagt, du bist 50!“ „Nein“, antwortet Aaron, „ich sagte ihr, ich sei 90.“
Dieser verdrehte Humor fiel mir ein, als mir ein sogenannter Bekannter in einem Wiener Café einen Artikel über den Anschlag auf ein jüdisches Restaurant in München zeigte. Er erklärte mir, mühsam seiner Logik folgend, warum es zu antisemitischen Anschlägen kommen würde: „Bedanke dich bei Netanjahu!“ Ich dachte an Aaron Rosenberg und antwortete: „Ich bin ihm dankbar.“
Zynismus
„Das ist nicht dein Ernst!“, reagierte er entrüstet. „Doch“, antwortete ich, „alle Juden sollten sich bedanken.“ Er rückte mit dem Stuhl zurück, als erlebe er die Distanz zu mir als Schutz vor einer ansteckenden Krankheit. Dann nannte er Künstler und Intellektuelle, die sogar – betonte er – als Juden Israel verurteilen würden.
„Das sind anständige Juden“, sagte ich, „zu denen gehöre ich nicht.“ Er stand auf und verließ das Café, ohne seinen Kaffee zu bezahlen. „Was ist denn los mit dem?“, fragte mich der Ober. Ich zuckte mit den Schultern und sagte: „Er kann mich plötzlich nicht mehr leiden.“
Er verstand mich nicht. Nicht meinen Spott, nicht meinen Zynismus, nicht die Verzweiflung in meiner Antwort als Reflex auf seine absurde Theorie. Netanjahu, ein jüdisches Restaurant, der Antisemitismus – ein logischer Zusammenhang? In einer jüdischen Bäckerei in New York stritt ich mit Paul über die Regierung Israels, unsere Freundschaft drohte zu zerbrechen. Dann pressten Demonstranten rote Hände gegen die Scheiben und brüllten ‚Babykiller‘ – der trennende Streit wich unserer verbindenden Wut und Verzweiflung.
Wirklichkeit
Seit Israels Reaktion auf den Überfall der Hamas leben Juden weltweit mit der Kollektivschuld. Zunächst irritiert und verteidigend, später mit Ironie und Sarkasmus reagierte ich auf den Vorwurf der Mitverantwortung mit sprachlicher Verdrehung dieser Wirklichkeit, bis sie erträglich wurde. Ironie ist keine Kapitulation, sondern Kontrolle.
Prinzip des jüdischen Humors ist die Prinzipienlosigkeit. Er kehrt Argumente um, misstraut der Eindeutigkeit, stellt alles infrage und treibt es ins Paradox. Ein Humor ohne Illusion, in der unmittelbaren Nähe von Tragik und Komik eines widersprüchlichen Daseins, geprägt von Vorwürfen und Bedrohung. Das Wort bleibt als Waffe der Wehrlosen, untergräbt Autorität, entlarvt Pathos und zerlegt Theorien mit der Präzision eines oft bitteren Lachens.
Doch wozu Philosophie, wenn ein Witz den jüdischen Humor erklärt: Zwei ältere Damen sitzen im Speisesaal eines Altersheim und warten auf das Abendessen. Die Betreuerin kommt mit dem Wagen, auf dem die Teller stehen. Sie gibt den beiden das Essen. Die eine sagt: „Schon wieder so ein verdammter Fraß!“ Die andere antwortet: „Ja, und die Portionen werden immer kleiner.“
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 17/2026 erschienen.







