Als kritischer Chronist Europas empfing der Österreicher Robert Menasse Ehren bis zum Deutschen Buchpreis. Nun unterbrach er die Arbeit am dritten Band seiner EU-Trilogie und widmete sich furios dem kürzeren Genre: Die Novelle „Die Lebensentscheidung“ führt eine private Tragödie mit dem EU-Thema zusammen. Im Interview spricht Menasse über das drohende Scheitern des europäischen Projekts, die Notwendigkeit der Aufrüstung und die Sterbehilfe. Dabei dringt er atypisch weit ins Höchstpersönliche vor.
Der dritte Band war schon in Arbeit, da unterbrach der große Österreicher und augenhohe Europäer Robert Menasse, 71, die Arbeit. Band eins und zwei seiner Europa-Trilogie wurden mit Auszeichnungen überhäuft, nun wechselte er zu aller Überraschung die Gattung: „Die Lebensentscheidung“ ist eine vergleichsweise schmale Novelle von 158 Seiten (mit denen andere allerdings mühelos ihren jährlichen Romanausstoß bestreiten), und sie führt tief in eine private Tragödie, freilich ohne das Herzensthema Europa zu vernachlässigen. Franz Fiala war stets ein engagierter Beamter der Europäischen Union. Aber seine Enttäuschung über die Verhältnisse in Brüssel steigt derart, dass er sich frühpensionieren lässt und nach Wien heimkehrt.
Da ereilt ihn eine Nachricht von ganz anderer Dringlichkeit: Er ist an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, seine Lebenszeit ist eng begrenzt. In Wien droht derweil ein vergleichbares Problem: Die Mutter ist im Verfallen und baut täglich Lebensenergie ab.
Der Sterbenden die letzte, schlimmste Nachricht – den Tod des eigenen Kindes – zu ersparen, wird nun zum Lebensinhalt: Fiala kämpft unter Qualen darum, seine Mutter zu überleben, und sei es nur um Tage. Das Modell der Geschichte ist Franz Werfels Erzählung „Der Tod des Kleinbürgers“ (1927) – der sterbende Titelträger schleppt sich unter Qualen bis zu seinem 65. Geburtstag, damit seine Familie nicht der 20.000 Schilling für die Lebensversicherung verlustig geht. Sogar den Familiennamen Fiala teilen die Protagonisten.
Auch abgesehen vom Großthema Europa (der Abschlussband der Trilogie ist nur aufgeschoben) legt Menasse andererseits Spuren zur eigenen Biografie: So war sein Vater ein bedeutender Spieler des Fußballklubs Vienna, der im Buch vorkommt. Klar, dass das Gespräch mit einer leise besorgten Frage beginnt.

Robert Menasse im News-Interview
© Matt Observe
Herr Menasse, geradeheraus gefragt: Wie geht es Ihnen denn?
Meinen Sie gesundheitlich? Gut. Und meine Gemütsverfassung ist besser, wenn ich ein paar Tage keine Nachrichten konsumiere.
Und wie geht es Ihrer Mutter?
Sehr gut. Ich wünsche jedem eine Mutter, die mit 92 noch witzig, agil und schmerzfrei ist, und Auto fährt, ohne jemanden zu gefährden. Aber eigentlich wollen Sie doch fragen, ob mein neues Buch autobiografisch ist, stimmt’s?
Man kann diesen Gedanken haben, und hofft, dass es nicht so ist.
Es ist nicht so. Auch wenn man natürlich nicht gänzlich unbeeinflusst von seiner Biografie schreiben kann. Wie man sozialisiert wurde, was einen geprägt hat, wogegen man sich gewehrt hat, was einen aus irgendwelchen Gründen immer wieder wütend oder schwermütig macht, das alles ist sicherlich auch beim fiktionalen Schreiben unterschwellig da. Andererseits ist eine Mutter-Sohn-Beziehung, wie glücklich oder schwierig auch immer, per se nichts Exklusives, es ist naturgemäß ein Massenphänomen. Das Besondere in meinem Fall ist, dass ich in meinem Alter noch eine Mutter habe, die glücklich am Leben ist, oder umgekehrt, dass meine Mutter es erlebt, einen Sohn im Pensionsalter zu haben.
Wird die Nähe zur Mutter größer, wenn man dem Teenageralter entwachsen ist?
Nein. Warum? Ich weiß nicht. Ich hatte fast immer ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Mutter. Aber worüber ich jetzt mehr nachdenke, ist, dass ich immer deutlicher erkenne, was ich von ihr habe. Also Charaktereigenschaften, Schrullen, Eigenheiten, worüber ich früher nicht nachgedacht habe.
Von Mütterlein die Frohnatur und Lust zu fabulieren, wie Goethe gesagt hat. Was empfinden Sie dabei?
Manchmal erklärt es mir etwas über mich selbst. Wenn ich merke, dass mich etwas an ihr nervt, was ich auch schon an mir selbst beobachtet habe, dann denke ich mir, verdammt, das habe ich von ihr.
Ist sie stolz auf Sie?
Sie sagt es. Und sie zeigt es.
Ist Ihnen das wichtig?
Ich glaube, dass ich das bei ihr immer voraussetzen konnte, während ich darum kämpfte, dass mein Vater stolz auf mich ist. Ich war für ihn nicht der Sohn, den er sich gewünscht hätte. Er wollte einen Sportler, keinen Leser. Als ich ihm sagte, dass ich ein Literat, ein Romancier werden will, warnte er mich sorgenumwölkt, ich werde in der Gosse landen, während meine Mutter sagte, das entspricht deinem Talent und deswegen wirst du es schaffen. Also das war der Unterschied zwischen meinen Eltern.
Ihr Vater war zwar nicht im Eisenhandel tätig wie der Ihrer Hauptfigur Fiala, aber der Fußballklub Vienna blitzt im Roman auf. Und so wie Sie Fialas Mutter beschreiben, klingt das doch autobiografisch, nicht?
Wie gesagt, nein. Oder nur insofern, als die Erzählung Erfahrungen verarbeitet, die man eben hat, wenn man aus dieser soziologischen Schicht kommt: also aus dem Kleinbürgertum mit Aufstiegsdenken und das in einer Zeit, die ja wirklich von Hoffnungen geprägt war. Die biografische Kurve führte von der Prägung durch die Kreisky-Zeit zur EU-Mitgliedschaft und zur ursprünglich damit verbundenen Euphorie. Und dann zur Frustration. Damit beginnt die Novelle. Wo der Beamte sagt, drei Prozent der europäischen Bevölkerung sind Bauern, aber sie bekommen ein Drittel der EU-Subventionen. Man muss sich das vorstellen! Dafür schreddern sie den Green Deal, legen mit ihren Traktoren europäische Städte lahm, blockieren die Entwicklung der EU. Ich bin froh, dass ich die Novelle schon fertig hatte, als die Debatten über die Unterzeichnung des Mercosur-Abkommens ausgebrochen sind. Da wurde es in Österreich völlig skurril. Alleine die ÖVP: der Wirtschaftsbund dafür, der Bauernbund dagegen, sie setzt durch, dass Österreich in Brüssel dagegen stimmt, und hofft, dass die anderen dafür stimmen. Ich hätte viel Zeit mit der Fertigstellung meiner Novelle verloren, weil ich womöglich in Grotesken abgebogen wäre, die nichts mit der Geschichte zu tun haben, die ich erzählen wollte.
Ihre Novelle ist an Werfels „Tod des Kleinbürgers“ angelehnt. Gibt es das Modell, dass man als Kleinbürger den Aufstieg schaffen kann, überhaupt noch?
Kaum. Offensichtlich schwindet der Glaube, dass es weiter aufwärts geht und dass man sich durch Arbeit wirklich etwas schaffen kann, ein Haus und eine gewisse Sicherheit im Leben. Andererseits war für die meisten die Ankunft im Kleinbürgertum eben der Aufstieg, der möglich war. Ist mehr zu erwarten gewesen? Vielleicht schon, bei dem Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte! Da kommen wir zur Verteilungsfrage. Heute las ich in der „Presse“: Es könne keine Demokratie ohne Wirtschaftswachstum geben. Das ist natürlich ideologischer Unsinn. Es muss heißen: Es kann auf Dauer keinen Kapitalismus ohne Wirtschaftswachstum geben. Aber Demokratie? Es gibt viele Demokratiemodelle, aber ich kenne keines, in dem festgeschrieben ist, dass es nur bei Wirtschaftswachstum funktioniert. In einer funktionierenden Demokratie funktioniert die Verteilung des gesellschaftlich erwirtschafteten Reichtums. Wenn das nicht funktioniert, ist die Demokratie durch die Demokratie selbst bedroht, nämlich durch das Wahlverhalten frustrierter Kleinbürger. Das erleben wir gerade.


Das Buch
Über die Jahrzehnte war Franz Fiala ein engagierter Beamter in der Europäischen Union. Kurz nach seinem 58. Geburtstag lässt er sich frühzeitig pensionieren. Er ahnt jedoch nicht, dass „Die Lebensentscheidung“ in Kürze eine andere Bedeutung für ihn bekommt. Er erkrankt an Krebs. Die Ärzte geben ihm nur noch wenige Monate. Nun will er seiner todkranken Mutter den Schmerz über den Verlust ihres Sohnes ersparen, ein Kampf auf Leben und Tod beginnt: Kann er durchhalten, bis sie gestorben ist?
Suhrkamp, € 22,70
Am Beginn Ihrer Novelle steht ein frustrierter EU-Beamter, der seinen Job hinschmeißt. Ist das Ihre Antwort darauf und auf Ihre ersten beiden Romane?
Das kann man so interpretieren. Aber es ist nicht das Thema der Novelle. Weil es allerdings eine zeitgenössische Novelle ist, hat sie eben dieses Rauschen im Hintergrund. Und dass ich mittlerweile pessimistisch bin, was die Europäische Union betrifft, ist, glaube ich, nachvollziehbar.
In der Novelle schreiben Sie: „Solange es Rettungsmöglichkeiten gibt, akzeptiert man nicht den drohenden Untergang“. Droht der schon jetzt?
Wenn der Weg in die Zukunft gewohnte Verhältnisse bedroht, droht der Untergang immer. Zumindest drohen Rückschläge, oder nur halbherzige Schritte. Ich habe vor zehn Jahren gesagt, Europa braucht eine eigene Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Das bedeutet natürlich auch ein europäisches Heer. Und zwar aus einem einfachen Grund: Europa ist ein Friedensprojekt, aber man muss den Frieden auch verteidigen können. Sonst droht der Untergang. Es ist auch nicht einzusehen, dass der europäische Friede, die Verteidigung Europas durch die NATO, unter amerikanischem Oberbefehl steht. Das ist vollkommen verrückt. Ich habe seinerzeit Freunde verloren, weil ich für sie ein Kriegshetzer gewesen sei. Absurd. Jetzt haben wir Krieg in Europa, an der Grenze zur EU, und eine Sicherheitskrise. Und ich habe die Freunde wieder. Oder was man so nennt.
Warum?
Weil jetzt allen wegen Putin und Trump klar ist, was ich früher gesagt hatte, nämlich dass sich Europa verteidigen können muss und unabhängiger, also souverän werden muss.
Aber welche konkrete militärische Bedrohung besteht denn? Ist es ernsthaft vorstellbar, dass Putin Österreich angreift?
Zu dem Satz, was alles nicht vorstellbar ist, möchte ich etwas Grundsätzliches sagen. Allein ich in meiner Lebenszeit habe ich sieben oder acht Mal Dinge erlebt, die noch kurz davor nicht vorstellbar waren. Das deutlichste Beispiel ist der Fall der Berliner Mauer. Noch zwei Wochen davor unvorstellbar. Dass die Sowjetunion zusammenbricht. Noch nach dem Fall der Mauer unvorstellbar. Oder dass Trump wiedergewählt wird. Unvorstellbar. Als er dann wieder im Amt war, hat man sich nicht vorstellen können, dass er sagt, ich hätte gern Kanada und Grönland. Man hat sich nicht vorstellen können, dass Putin wirklich in ein anderes Land einmarschiert. Ununterbrochen haben wir etwas erlebt, das wir uns davor nicht vorstellen konnten. Man muss nicht erst 70 geworden sein, man sollte heute auch schon mit 35 wissen: Das Unvorhergesehene ist wahrscheinlicher als die bloße Verlängerung eines Ist-Zustands. Auch historische Erfahrungen sollten uns zu denken geben. Zum Beispiel das Münchner Abkommen*: Man hat damals wirklich geglaubt, wenn man Hitler die Tschechische Republik überlässt, sei Friede gesichert. Alle Politik heute im Hinblick sowohl auf Putin als auch auf Trump erinnert mich an das Münchner Abkommen. Ein bisschen schmeicheln, ihn nicht verärgern, ihm was geben, und dann wird Ruhe sein. Das ist die falsche Politik. Wenn man Putin einen Teil der Ukraine zugesteht, wird er nicht zufrieden sein, sondern denken: Das ist gut gegangen, jetzt schauen wir uns Lettland und Georgien an.
Münchner Abkommen
Das Münchner Abkommen wurde in der Nacht vom 29. auf 30. September 1938 von den Regierungschefs Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und Deutschlands unterschrieben. Darin wurde beschlossen, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an Deutschland abtreten und binnen zehn Tagen räumen müsse.
Und was geht uns, als Advocatus diaboli gefragt, Lettland an?
Man könnte sagen, wir haben unseren kleinen kuscheligen Nationalstaat, was geht es mich an, solange nicht bei uns einmarschiert wird? Aber wir leben in einer nachnationalen Welt, und unser Kontinent ist bereits in einer Weise vernetzt, dass uns das sehr wohl etwas angeht. Lettland ist EU-Mitglied, wer Lettland angreift, greift unseren Rechtszustand und unser Friedensprojekt an.
Sie schreiben explizit von Military preparedness. Was meinen Sie damit?
Das ist jetzt ein Schwerpunkt der Europäischen Kommission, so wie früher der mittlerweile kastrierte Green Deal. Da geht es jetzt um den Ausbau einer gemeinsamen Sicherheitspolitik, man macht Milliarden dafür frei. Endlich. Und doch macht man es wieder falsch. Statt einer gemeinsamen Verteidigungspolitik werden die Milliarden so verteilt, dass sich jedes Mitgliedsland alleine aufrüsten kann. Salopp gesagt: Die Franzosen steigern ihre Munitionsproduktion, die Deutschen produzieren mehr Sturmgewehre. Aber leider passt ein französisches Projektil nicht in ein deutsches Sturmgewehr.
Das klingt nicht zielführend.
Dazu kommt, sie betteln noch immer um den amerikanischen Oberbefehl über die europäische Sicherheit, während die USA ein europäisches NATO-Mitglied bedrohen, ja sogar die Groteske wird hingenommen, dass zwei NATO-Staaten gegeneinander aufrüsten, nämlich Griechenland und die Türkei. Und das mit Geld der EU. Aber alle Experten, also auch die Zeitungsleser, behaupten, dass ein Europa ohne NATO unvorstellbar ist. Aber mit unseren Erfahrungen sollten wir beginnen, es uns vorzustellen.
Keiner will in einen Krieg einrücken müssen. Aber die Mehrheit will auch nicht in einer Diktatur leben.

In Österreich und Deutschland wird schon Wehrpflicht für alle gefordert. Sollen unsere Töchter und Ihre Enkelkinder denn zum Militär?
Kein normaler Mensch will, dass er oder seine Kinder oder seine Enkel in einen Krieg einrücken müssen. Das ist vollkommen klar. Aber zumindest will die Mehrheit der Menschen auch nicht in einer Diktatur leben. Hoffe ich. In Wirklichkeit, geht es gar nicht darum, in den Krieg zu ziehen, sondern klarzumachen: Billig kriegst du uns nicht.
Sie lassen im Buch fast keines der aktuellen großen Themen aus. Nur der Antisemitismus ist komplett ausgespart. Warum?
Weil das für diese Figur keine relevante Frage ist. Auch wenn es heute wirklich besorgniserregend ist. Vor Kurzem noch unvorstellbar. Obwohl ich sagen muss, mir war der linke Antisemitismus seit den 70er-Jahren bekannt. Genau so, nämlich mit dem Gefühl einer moralischen Überlegenheit, weil antiimperialistisch und antikolonialistisch geframt. Ich muss zu meiner Schande gestehen, ich habe das damals nicht ernst genommen. Jedenfalls schlug er gesellschaftlich noch nicht durch.
Und was soll man tun, wenn Kickl wirklich Kanzler wird?
Solange er keine absolute Mehrheit schafft, wird er nicht Kanzler. Man muss Regierungskoalitionen ohne ihn bilden, zur Not auch eine Vierer-Koalition. Nach jeder Wahl. In 30 Jahren kann der Boulevard den pensionierten Oppositionspolitiker Kickl im Altersheim besuchen und eine Reportage darüber machen, wie er mit John Otti traurige Lieder singt. Die Gefahr ist nicht Kickl. Die Gefahr ist die ÖVP, wir wissen, dass sie treu zu ihrer Prinzipienlosigkeit steht.
Es war nicht meine Entscheidung, auf die Welt zu kommen, ich will schon deshalb nicht entscheiden, wann ich die Welt verlasse.
Sterbehilfe ist ein großes Thema in Ihrer Novelle. Gab es dazu einen konkreten Anlass?
Nicht einen. Das wird ja immer wieder diskutiert. Zuletzt zum Beispiel im Fall von Niki Glattauer.
Wäre das eine Option für Sie?
Nie. Und zwar aus einem einfachen Grund, weil die Schmerzmedizin und die Palliativmedizin heute so gut sind, dass ein menschenwürdiges Sterben möglich ist. Es war nicht meine Entscheidung, auf die Welt zu kommen, ich will schon deshalb nicht entscheiden, wann ich die Welt verlasse. Das klingt religiös, soll sein, ich empfinde es so. Aus dem Grund, dass ich eh nichts mehr vom Leben habe, was am Ende doch auch zum Leben gehört, würde ich also niemals Suizid begehen. Nie im Leben.
Wann kommt Ihr dritter Europa-Roman?
Den habe ich unterbrochen, um die Novelle zu schreiben. Man kann sie unabhängig von der Trilogie lesen. Oder als Zwischenstück. Dann besteht die Trilogie eben aus vier Büchern. Auch meine „Trilogie der Entgeisterung“ besteht aus vier Büchern. Und auch die drei Musketiere waren zu viert.
Aber wie kamen Sie als Romancier der großen Form auf die Kurzform der Novelle?
Ich hatte schon eine Wohnung in der Stadt gemietet, in der mein nächster Roman spielen sollte. Dann bekam ich eine kleine Krise, ich dachte, nein, ich will jetzt nicht gleich wieder eine Arbeit beginnen, für die ich drei oder vier Jahre brauche, und bei der ich wieder lange von zu Hause fort bin. Dann hat mich dieser Stoff angeweht, er hat mich sofort sehr beschäftigt, und ich dachte, das ist ein Stofffür eine Novelle, das könnte ich in einem Jahr schreiben und dabei zu Hause sein. Dann fand ich im Keller zufällig ein Skriptum aus meiner Studienzeit: „Die deutsche Novelle von Goethe bis Grass“. Mit meinen damaligen Anmerkungen und Mitschriften. Also sollte es sein, und es begann eine glückliche Zeit. Ich habe fast zwei Monate nichts geschrieben, sondern nur alle möglichen Novellen gelesen, wunderbar. Und ich habe gemerkt, wie ich das Gefühl für diese Gattung bekomme. Ohne Größenwahn und Eitelkeit hatte ich dann das Gefühl, ich schreibe eine klassische Novelle.
Die aber die Gegenwart abbildet. Ihr Fiala kauft im Kleiderhaus Knize ein, das machen auch Thomas Bernhards Figuren. War Bernhard da Ihr Vorbild?
Ich habe bei Knize an Stefan Zweig gedacht. Aber das ist unwichtig.
An der Figur der Natalie, die an das Frauen-Ideal in Goethes „Wilhelm Meister“ erinnert, demonstrieren Sie, dass es auch heute noch eine unüberwindbare Kluft zwischen den sozialen Schichten gibt. Ist das richtig?
In meiner Novelle gibt es die Spiegelung zwischen einem, der aufsteigt, und einer, die schon von Geburt an sozusagen oben ist und sich oben nur behaupten muss. Sie treffen sich auf derselben Ebene, und trotzdem passt es nicht. Na ja, Kleinbürgerschicksal, das kenne ich.
Sie nehmen in Ihrer Novelle nicht nur auf Werfel Bezug, auch auf Goethe und Storm und Zweig und Thomas Bernhard. Referenzen auf Ihre eigenen Geschichten blitzen immer wieder auf. Wie ist das für Sie, Ihre schriftstellerischen Arbeiten mit anderen zu verbinden?
Es ist nicht notwendig, dass man das erkennt, um das Buch mit Gewinn und Genuss zu lesen. Aber andererseits ist es für mich als Autor schön, sich mit großen Vorbildern zu vernetzen.
Sie wirken bei diesem Interview irgendwie beglückt. Ist das auf die Novelle zurückzuführen?
Das Schreiben der Novelle hat mich wirklich glücklich gemacht.

Steckbrief
Robert Menasse
Robert Menasse wurde am 21. Juni 1954 in Wien geboren. Nach dem Studium der Germanistik und der Philosophie in Wien lehrte er als Gastdozent an der Universität von São Paulo, Brasilien, Literatur. Seine Essays über österreichische Innenpolitik und Europa sind bedeutende Analysen der Gegenwart. 2017 erschien der erste Teil seiner Romantrilogie über Europa, „Die Hauptstadt". 2022 folgte Teil zwei, „Die Erweiterung". Menasse ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt in Wien und im Waldviertel.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 07/2026 erschienen.








