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Wenn Blumen beim Opernball Regie führen

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©Matt Observe

40.000 Blumen, monatelange Planung, kein Raum für Fehler: Emil Doll schmückt die Oper für ihren Ball. Die Arbeit dauert zehn Tage, das Ergebnis existiert für einige Stunden. Kreative Freiheit hat er bedingt: Welche Rose es auf die Feststiege schafft, entscheiden auch Kameralicht und Lieferketten.

Wenn der letzte Walzer verklungen ist und Ballgäste am Heimweg die Rosen aus den Blumenarrangements zupfen, genießt er längst die Ruhe. Emil Doll verlässt die Wiener Oper, für die er zehn Tage lang durchgehend gearbeitet hat, gegen 18 Uhr. Um 20 Uhr sitzt er zu Hause, mit Freunden und Familie, auf dem Tisch wartet Prosecco. Im Fernsehen läuft der Opernball.

„Eine Ballnacht würde ich gar nicht mehr schaffen“, sagt er. „Ich bin froh, wenn ich das Ergebnis in Ruhe daheim genießen kann.“ Der 30-Jährige zeichnet zum fünften Mal für den Blumenschmuck beim Ball der Bälle verantwortlich. 40.000 Stiele – so der Fachjargon für eine einzelne Blume in der Bestellung – werden verarbeitet. Rund 15.000 davon sind dieses Jahr Rosen namens „Red Naomi Futura“. Zusammen mit rotem Amaranthus schmücken sie die Oper in sattem Rot und tiefem Violett.

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Florist Emil Doll mit News-Redakteurin Lisa Ulrich-Gödel im Interview

 © Matt Observe

Blumenmanagement in Excel-Tabellen

Über 320.000 Blütenblätter werden händisch aufgefaltet. 15 Personen sind drei Tage lang ausschließlich damit beschäftigt. Das Gelingen führt über Excel-Tabellen. „Wir entwerfen Probegestecke, damit wir kalkulieren können, welche Menge Blumen wir für alle Positionen brauchen“, erklärt Doll. Dann werden Excel-Listen mit den benötigten Blumen erstellt: „Dabei rechnen wir mit einem Spielraum von zehn Prozent.“

Exakte Planung ist spielentscheidend. Jede Abweichung – sei es durch mindere Lieferqualität – würde Budget und Ergebnis gefährden. Bestellt wird monatelang im Voraus. Mit Gärtnern wird schon im März über den Ball des kommenden Winters gesprochen. Das ist umso wichtiger, wenn der Ball wie heuer nahe am Valentinstag liegt, an dem alle Welt nach Blumen verlangt. Nachbestellen ist ausgeschlossen. Was nicht da ist, fehlt.

Die Aufgabe: 200 Blumen pro Stunde

Die Arbeit an den Arrangements beginnt eine Woche vor dem Ball, wenn die 40.000 Blumen – gewässert in Kübeln – angeliefert und dann drei Tage lang händisch durchgeputzt werden: Blätter entfernen, anschneiden, frisch wässern. Ab dem Wochenende beginnt das händische Auffalten der Blütenblätter. „Rund 200 Blumen kann eine Person pro Stunde putzen“, weiß Doll.

Das 25-köpfige Team von Doll’s Blumen Wien wird für den Anlass auf über 40 Personen aufgestockt. Die Bewerbungen für diese besondere Aufgabe sind regelmäßig so zahlreich, dass Doll bereits im November nur noch Absagen erteilen kann. „Für viele ist es ein Lebenstraum, einmal beim Opernball mitzuarbeiten. Aus Wels kommt die Mannschaft einer ganzen Blumenhandlung, die sperren dafür ihr Geschäft zu. Aus Italien kommt eine Meisterfloristin, Nunzia Guerino. Es ist Teamarbeit“, beschreibt er. Die Vorfreude ist ihm anzusehen, auch wenn die Herausforderung riesig ist.

Pastelltöne – ein No-Go

Am Ball-Tag ist die Wiener Staatsoper Bühne und Fernsehstudio. Die Lichtverhältnisse bestimmen mit, welche Blumen verwendet werden. „Im Fernsehen schaut alles anders aus als am Ball selbst“, erklärt Doll. Farben, die im Raum elegant wirken, erscheinen auf dem Bildschirm blass und bedeutungslos, Pastelltöne etwa. „Wir hatten einmal eine wirklich schöne Kreation: Zitronengelb-Creme mit einem Heidelbeerjoghurtfarbigen Ton. Edel, zurückhaltend, wir waren uns alle einig: Das wird es! Bis der ORF gemeint hat: Das wirkt nicht im Fernsehen, vergesst das“, erinnert sich Emil Doll an entscheidende Lehren.

Gemeinsam mit Maryam Yeganehfar, die als Mitglied des Opernballkomitees die Dekoration der Räume verantwortet, fertigt er schon in den Monaten nach dem Ball Probegestecke für das kommende Jahr. Mit Fotostudiolicht werden sie in der Oper dem Härtetest unterzogen. Im Sommer wäre es dafür zu spät, erzählt er, denn das Blumenangebot im Sommer stehe im Winter nicht zur Verfügung.

Das Schöne und Herausfordernde ist, dass wir uns in der gleichen Location immer wieder neu erfinden.

Maryam Yeganehfar

Jedem Raum der passende Farbmix

Es war Maryam Yeganehfar, die Emil Doll ermutigte, sich an der Ausschreibung für den Opernball zu beteiligen. Die Event Design Direktorin mit eigener Firma Yamyam Event Production kannte und schätzte seine Arbeit und suchte einen Partner für die Umsetzung neuer Ideen. Dieses Jahr legt sie den Fokus darauf, die Architektur der Oper stärker in Szene zu setzen. „Die Oper soll mit Blumen akzentuiert werden, aber nicht überladen. Sie ist wunderschön, das soll man auch sehen“, so Yeganehfar.

Yeganehfar und Doll gestalten den Blumenschmuck deshalb skulptural, spielen mit Höhe und Tiefe. „Es sind wasserfallartige Kreationen, die sich über einen Tisch biegen oder an der Balustrade der Feststiege hinaufranken“, erzählt die Eventdesignerin. „Das Schöne und Herausfordernde ist, dass wir uns in der gleichen Location immer wieder neu erfinden.“

Im Vorjahr arbeiteten sie mit Obst und Gemüse, damals ergänzten herabhängende Trauben ein violettes Blumenarrangement. Zudem wird die Dekoration an die Farb- und Lichtstimmung verschiedener Räume angeglichen. In der Hinterbühne wirkt violett besser als rot, so eines der Learnings. „,Geht nicht‘ hörst du nie von Emil, wir ergänzen einander perfekt“, sagt Yeganehfar. Sie weiß um den Stellenwert des Blumenschmucks am Ball: Viele Gäste wählen ihre Kleider nach den Farben der floralen Dekoration. Dieses Jahr heißt das Motto „Opus Florale Avantgarde“.

Tröpfchenweise Gießen

Es ist das Deutliche, das am Opernball funktioniert. „In der Oper braucht es Mut, im Tun wie im Denken“, sagt Doll. „Es ist ein großes Gebäude mit vielen Gästen, das heißt klotzen, nicht kleckern.“ Das gilt für den Vasenschmuck auf rund 300 Kaffeehaustischen genauso wie für die Gestecke in Dutzenden eigens angefertigten, durchnummerierten Gefäßen. Jedes passt nur auf eine Position entlang der Balustrade, wo die Blumenkästen absturz- und brandsicher befestigt werden. Ähnlich ist es mit den eigens getischlerten Holzbögen für den Schmuck an der Decke. Sie werden für eine Nacht in die Oper gebaut, um Überkopf Blumenschmuck zu ermöglichen. Die Steckschwämme in der Deckenkonstruktion werden eingepackt –schließlich darf nichts hinuntertropfen.

Es ist hochgradig körperliche Arbeit, die Emil Doll und sein Team leisten: „Kübel tragen, Gestecke verteilen, quer durch ein riesiges Gebäude. Das wird oft unterschätzt.“ Der Aufbau in der Oper beginnt am Dienstag vor dem Ball, zur Generalprobe am Mittwoch sollen alle Blumen im Haus sein. Ohne Nachtschichten ginge es nicht. Die Blumen bis zum Ball am Donnerstagabend frisch zu halten, beschreibt Doll als eine der größten Herausforderungen.

„Das Wasser in den Steckschwämmen ist gemessen an der Anzahl der Blumen, die drinnenstecken, wenig. Das ist nach ein paar Stunden ausgetrunken. Deshalb laufen zwei, drei Mitarbeitende die ganze Zeit durch die Oper und füllen tröpfchenweise die Schwämme nach. Übergehen dürfen sie natürlich auch nicht.“

Von meiner Mutter habe ich den Blick für Details und Farben. Und: wie wichtig es ist, stetig Perfektion abzuliefern. Nicht einmal gut, einmal mittelmäßig, sondern immer perfekt.

Emil Doll

„Keine Frage zu blöd“

Emil Doll hat nicht auf dieses Highlight im Floristenleben hingearbeitet. Das Blumengeschäft, das seine Eltern Karin und Bernd Doll 1993 in Wien-Josefstadt führen, interessierte ihn wenig. Er absolvierte die Hotelfachschule Modul und jobbte danach, um auf Reisen zu gehen und sich vielleicht den Traum vom eigenen Lokal erfüllen zu können. Geld dafür hatte er nicht.

„Meine Eltern haben mir keins gegeben“, sagt er und lächelt verständnisvoll. Irgendwann arbeitete er dann doch im elterlichen Betrieb mit. Und blieb. Über Fachlektüre eignete er sich das nötige Wissen an. „Und ich habe unsere Floristen ausgefragt. Keine Frage war mir zu blöd“, erzählt er über die Leidenschaft, die ihn gepackt hat. „Die buchhalterischen und organisatorischen Belange habe ich von meinem Vater gelernt, der ist darin ein Genie. Von meiner Mutter habe ich den Blick für Details und Farben. Und: wie wichtig es ist, stetig Perfektion abzuliefern. Nicht einmal gut, einmal mittelmäßig, sondern immer perfekt“, sagt der nunmehrige Geschäftsführer Doll.

Wohnen zwischen Blumenbeeten

Das Nach-vorne-Denken, liegt ihm. Er baute einen Online-Shop für das Geschäft auf, der sich kurze Zeit später in der Pandemie bewährte. Als die Eltern damals im Ausland weilten, übernahm er im Betrieb das Ruder. Der Wunsch, selbst Blumen zu produzieren, kam bald danach. Vor fünf Jahren nahm er einen Kredit auf, um eine verlassene Gärtnerei im 21. Bezirk zu kaufen. „Sein Baby“ nennt er sie. Produziert wird dort in Bio-Qualität.

Doll wohnt auch in der Gärtnerei, mit Blick auf seine Blumenbeete. In mehrstündigen Workshops kann man vor Ort lernen, was gerade wächst, wie floral gestaltet und gebunden wird. Leidenschaft inklusive. Den Opernball aus Doll’s Gärtnerei zu beliefern, ist keine Option. Die Saison beginnt hierzulande erst im März. Die Ball-Rosen kommen vom holländischen Lieferanten Porta Nova. Das Unternehmen betreibt moderne Glashäuser mit Wärmespeichern und Windkraft, um den CO2-Ausstoß zu minimieren. Der Opernball ist schließlich ein Green Event: Die „Red Naomi Futura“ zählt mit einem CO2-Ausstoß von 56 Gramm pro Stiel zu den klimafreundlichsten Rosen am europäischen Markt.

Die Mutigen machen einander in Ballkleidern die Räuberleiter, um die letzten Blumen zu erwischen.

Emil Doll

Happy mit einer schwarzen Null

Wenn Emil Doll und sein Team um fünf Uhr früh zum Abbau in die Oper kommen, sind kaum Blumen übrig. „Die Mutigen machen einander in Ballkleidern die Räuberleiter, um die letzten Blumen zu erwischen. Es ist schön, wenn die bei den Ballgästen zu Hause noch ein paar Tage Freude verbreiten“, sagt Doll. Für sein Team beginnt dann die Ideenfindung für den Ball 2027.

Es ist diese Herausforderung und Weiterentwicklung, die das Team antreibt und auch genießt, beschreibt der Chef. Wenn es gelingt, Trends zu setzen, wie mit der Pink-Floyd-Rose, die nach dem Ball in ganz Wien ausverkauft war, ist die Freude noch größer.

Dieser Teil des Opernballauftrags sei weit bedeutender als die wirtschaftliche Komponente, merkt er an: „Wenn ich mit einer schwarzen Null aussteige, bin ich happy.“ Die Frage nach der Vergänglichkeit stellt sich in seinem Beruf unausweichlich. Wochenlange Arbeit, wenige Stunden Wirkung. „Gerade die Vergänglichkeit ist das Besondere“, meint Emil Doll. „Gäbe es diese Kreationen ewig, würde man sie nicht so wertschätzen. Sie wirken im Moment.“

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 07/2026 erschienen.

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