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Wogrollys Couch: Chris Hadfield, der Mann aus dem Weltall

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Chris Hadfield

©APA-Images / Eyevine / Gareth Iwan Jones

Ob Commander, Colonel oder einfach nur Chris: Der erste kanadische Kommandant der Internationalen Raumstation, Chris Hadfield, ist trotz seiner Verdienste am Boden geblieben. Er betrachtet es als Privileg, dass Millionen Menschen buchstäblich zu ihm aufschauen. Heute lässt er andere an seinen einzigartigen Erfahrungen im Weltall teilhaben, indem er sie in Büchern und Vorträgen eindrucksvoll und mit großer Leidenschaft weitergibt.

Commander Hadfield, Sie sind einer, der real erlebt hat, wovon andere nur träumen, und dessen Videos in der Schwerelosigkeit viral gingen. Ein Superhero auf Erden, zu Lebzeiten mit Legenden-Status …

Jemand hat vor langer Zeit gesagt, dass niemand ein Held ist. Du musst immer noch den Müll raustragen und dein ganz normales Leben führen. Es ist ein riesiges Privileg und eine enorme Verantwortung, dass manche bewundern, was ich in meinem Leben gemacht habe.

Ich hatte aber nie das Ziel, eine Art Idol zu sein. Ich habe mich darauf konzentriert, meine Aufgaben so gut wie möglich zu erledigen. Und nun versuche ich, meine Erkenntnisse und Erfahrungen im Weltall auf der Erde zu teilen. Wenn andere das fasziniert und inspiriert, ist das ein wunderbarer Nebeneff ekt.

Manche vergleichen das Rückkehren von der ISS zur Erde mit der Erfahrung der Geburt.

Wieder in die Atmosphäre einzutreten, gleichsam auf der Erde aufzuprallen und wackelig auf den Beinen aus der Raumkapsel zu steigen, ist tatsächlich ein bisschen wie eine Wiedergeburt. Ein neuer frischer Blick und Zugang auf das Leben entwickelt sich besonders eindrucksvoll, vor allem nach einem so langen Aufenthalt wie meinem dritten, bei dem ich fast ein halbes Jahr lang im All war. Man spürt es auch körperlich, wenn man sechs Monate lang schwerelos war und der Körper nicht mehr an die Schwerkraft gewöhnt ist. Nach ein paar Wochen Reha ist man aber physisch wieder in Form.

Ist die Raumfahrt ein spirituelles Erlebnis?

Stellen Sie sich bitte vor, Sie könnten in den nächsten 90 Minuten die ganze Welt sehen – in etwa die Zeit, die ein Abendessen dauert. Genau so sah unser Alltag auf der Internationalen Raumstation aus: Alle 90 Minuten eine Umrundung, bis zu 16 Mal am Tag. Zuerst ist das überwältigend. Man sieht Tausende Kilometer in jede Richtung.

Ich bin ja tatsächlich Tausende Male um die Erde gekreist. Da beginnt man zu begreifen, was diese Welt wirklich ist: Ihre unvorstellbare Größe und zugleich ihre Zerbrechlichkeit, ihre Schönheit – und ihr Schweigen. Wir leben auf einem erstaunlichen, widerstandsfähigen Planeten. Wenn wir aber eine gute Lebensqualität für zehn Milliarden Menschen erreichen wollen, müssen wir uns dafür einsetzen.

Ich selbst war bereits bei zwei Weltraumeinsätzen außerhalb der Raumstation. Das ist die seltenste aller menschlichen Erfahrungen

Chris Hadfield

Gibt es eine Weltraum-Euphorie, so wie es einen Höhenrausch gibt?

Der Grund, warum Menschen in großer Höhe Euphorie und Dissoziation verspüren, ist die sauerstoffärmere Luft. Auf der Raumstation ist die Luft jedoch nicht dünn. Wir halten den Druck im Raumschiff exakt gleich wie beispielsweise in Österreich oder hier in Kanada. Es gibt keine physiologischen Veränderungen des Sauerstoffgehalts im Blut oder der Körperfunktionen. Die Euphorie entsteht dennoch, weil man sich bewusst macht, dass von den 8,3 Milliarden Menschen, die derzeit leben, sechs oder sieben die Erde verlassen haben und sie umkreisen.

Ich selbst war bereits bei zwei Weltraumeinsätzen außerhalb der Raumstation. Das ist die seltenste aller menschlichen Erfahrungen. Kaum jemand unserer Spezies hat das in der gesamten Geschichte unseres Planeten erlebt. Die Welt nur durch das hauchdünne Visier zu sehen und physisch nicht nur von der Erde, sondern auch vom Raumschiff getrennt zu sein, eröffnet eine neue Erfahrungsdimension und die Chance, die eigene Perspektive zu erweitern und über seine eigene Wertigkeit und Bedeutung in der Zeit und Geschichte des Lebens nachzudenken.

Die beiden Außenbordeinsätze waren die intensivsten 15 Stunden meines Lebens. Für einen professionellen Astronauten verdichtet sich darin der Kern seiner gesamten Mission. Ich habe 21 Jahre bei den Raumfahrtagenturen gearbeitet und war nur sechs Monate im Weltraum. Über 20 Jahre lang habe ich studiert, mich vorbereitet, andere Flüge unterstützt und all die anderen notwendigen Arbeiten erledigt. Und somit ist der Flug in das All einfach ein Teil davon.

Glauben Sie, dass es intelligente Wesen gibt, die nicht auf der Erde leben?

Das ist natürlich möglich. Beweise gibt es keine. Deshalb beobachten unsere besten Teleskope Planeten, die andere Sterne umkreisen, wie beispielsweise das James-Webb-Weltraumteleskop. Wir versuchen, in den Atmosphären dieser Planeten chemische Signaturen nachzuweisen, die auf biologische Prozesse – oder technologische Aktivität – hindeuten können. Aus diesem Grund bohren wir auf dem Mars.

Wir nehmen Proben, um nach Spuren früheren Lebens zu suchen und herauszufinden, ob sich dort jemals Organismen entwickelt haben. Darum ist derzeit auch eine Sonde unterwegs zu einem der Jupitermonde, zu Europa, der womöglich mehr flüssiges Wasser enthält als die Erde. Wir wissen, dass sich das Leben vor Milliarden von Jahren im Wasser der Erde entwickelt hat. Vielleicht gibt es also auch Leben auf Europa.

Wogrollys Couch: Das Interview zum Ansehen

Auf ihre Couch bittet Monika Wogrolly den ISS-Kommandanten und Astronauten Chris Hadfield, der sich in Kanada an sein Notebook setzt. Sie spricht vom indischen Ozean mit ihm in einer Zoom-Sitzung über Lebensformen im Weltall und seine Rückkehr auf die Erde nach sechs Monaten Schwerelosigkeit. Gegen Ende des Gesprächs nimmt noch Johannes Jaksch in Wien am Gespräch teil, der Hadfield in Wien 2025 bei einem Vortrag erlebte

Aber was wir kürzlich entdeckt haben – und das ist entscheidend für die Beantwortung Ihrer Frage –, ist, dass jeder Stern mindestens einen Planeten besitzt. Das wussten wir bis vor Kurzem nicht, unsere Teleskope waren dafür nicht leistungsfähig genug. Jetzt wissen wir es und können Sterne zählen, weil sie hell sind, und wir können Galaxien zählen, die Milliarden von Sternen enthalten, weil sie ebenfalls hell sind. Dann können wir berechnen, wie viele Planeten es im Universum gibt, und die Zahl ist nahezu unendlich.

Wir wissen also, dass es Leben auf der Erde gibt. Und wenn wir wissen, dass es da oben unzählige Planeten gibt, wäre es ziemlich arrogant und engstirnig zu glauben, wir seien die einzige mögliche Lebensform. Ich vermute, dass Leben im Universum weit verbreitet, intelligentes Leben aber extrem selten ist, da es viereinhalb Milliarden Jahre brauchte, um auf die Erde zu gelangen. Aber ich könnte mich irren. Deshalb erforschen wir das Weltall. Wir versuchen, diese Frage zu beantworten.

Warum geht man ein Risiko ein? Die Raumfahrt ist extrem gefährlich …

Ja, das Ganze ist gefährlich. Du lebst sechs Monate lang in einer hauchdünnen Aluminiumblase im leeren, tödlichen Vakuum des Weltraums. Und das Gefährlichste, was ich je getan habe, war ein Start mit einem Space Shuttle. Bei meinem ersten Start lag die Wahrscheinlichkeit zu sterben bei 1 zu 38. Wenn man die Geschichte der 135 Shuttle-Flüge, die zwei schweren Unfälle und all die Beinahe-Unfälle statistisch analysiert, dann lag die Wahrscheinlichkeit, in den ersten 8,5 Minuten zu sterben, bei 1 zu 38.

Das ist unglaublich gefährlich, verglichen mit den Risiken, die man im Alltag eingeht. Wenn man das 38 Mal macht, stirbt man. Das sind keine guten Aussichten. Ich bin kein Adrenalinjunkie. Ich mache die Dinge nicht aus Nervenkitzel. Ich gehe nur dann ein Risiko ein, wenn ich glaube, dass das Ergebnis es wert ist, mein Leben dafür zu riskieren. Sobald man sich entschieden hat, dass etwas im Leben so wichtig ist, dass es sich lohnt, dafür sein Leben zu riskieren, ändert sich alles. Man würfelt nicht mehr einfach, oder was auch immer. Jetzt muss man sich auf die tatsächliche Gefahr vorbereiten.

Als ich also beschloss, Astronaut zu werden und Raumschiffe zu fliegen, sagte ich mir: Okay, das ist ein Risiko, das ich eingehen möchte. Bungee-Jumping würde ich nie machen. Es gibt viele Dinge, die ich niemals tun würde. Ich bin kein Motorradfahrer. Klar, es macht Spaß, aber für mich ist es das Risiko einfach nicht wert. Aber das Universum zu erforschen, das ist ein Risiko, das ich eingehen möchte. Meine Aufgabe ist es also, so viel wie möglich zu lernen und mich bestmöglich vorzubereiten, bevor es wirklich gefährlich wird. Das beste Mittel gegen Angst und Nervosität ist Kompetenz.

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Was denken Sie über den Tod?

Mir ist bewusst, dass mein Leben, wie bei so vielen meiner Freunde, morgen schon vorbei sein kann. Deshalb übernehme ich die Verantwortung für alles, was ich beeinflussen kann. Ich achte auf meine Gesundheit und lerne ständig dazu, fordere mich selbst heraus und nutze jede Chance, mein Leben neu zu gestalten. Meine Frau macht gerade ihren fünften Universitätsabschluss und hat schon viele Berufe ausgeübt. Warum sollte man das nicht tun?

Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, war Abfahrtsläufer, Ingenieur, Kampfpilot, Testpilot, Astronaut, bin in mehreren Unternehmen im Aufsichtsrat, leite ein großes Technologie-Zentrum, schreibe Romane und Bücher und trete mit meiner Band auf. Es ist wichtig, jeden Tag aufzuwachen und sich der unglaublichen Möglichkeiten bewusst zu sein, die einem offenstehen, diese bestmöglich zu nutzen und die Endlichkeit des Lebens zu akzeptieren.

Man sollte diese Endlichkeit als Stärke, nicht als Schwäche sehen. Natürlich möchte ich leben und werde traurig sein, wenn das Leben endet, aber das trübt nicht die Freude am heutigen Tag.

© CSA

Steckbrief

Chris Hadfield

geboren
29.08.1959

Chris Hadfield ist ein kanadischer Astronaut, Ingenieur, ehemaliger Kampfpilot, Musiker, Autor von Bestsellern und Speaker. Weltweit bekannt wurde Hadfield als erster Kanadier, der einen „Space Walk" (Außenbordeinsatz) machte, und als Kommandant der Internationalen Raumstation (ISS). Er spielte in der Schwerelosigkeit Gitarre und begeisterte so Millionen von Menschen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 06/2026 erschienen.

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