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Yaël Meier: Die Schweizerin, die Zukunft verkauft

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Yaël Meier

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Jünger werden! Danach streben namhafte Marken. Bevor die Kunden und mit ihnen Profite wegsterben, gilt es, die junge Zielgruppe zu gewinnen. Auch junge Mitarbeiter werden gesucht. Aber wie beeindruckt man die Gen Z? Yaël Meier weiß es. Sie hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Und erntet massig Kritik.

Beim firmeninternen Seminar nach dem Vorbild von Speed-Dating treffen einander Jung und Alt. Ein Kartendeck mit Fragen bringt das Gespräch in Schwung. „Stell dir vor, du wärst CEO unseres Unternehmens: Welche Veränderungen würdest du anstoßen, um das Unternehmen attraktiv für kommende Generationen zu machen?“, steht auf einer Karte für die Alten. Die Jungen fragen die ältere Generation nach dem Jugendwort ihrer Zeit.

Yaël Meier hat das Kartenspiel mit ihrer Agentur Zeam entwickelt, um die Kommunikation mit der Gen Z anzukurbeln, erzählt Meier im Branchenmagazin Brand Eins. Bei Procter & Gamble oder der Düsseldorfer Stadtsparkasse kam es bereits zur Anwendung. „Man muss mit jungen Menschen sprechen, nicht über sie“, lautet die vielzitierte Mission der 25-Jährigen.

Die neuen Jobregeln der Gen Z

Die umworbene Generation Z umfasst die zwischen 1995 und 2010 Geborenen, die aufgrund niedriger Geburtenraten am Arbeitsmarkt hohe Nachfrage verbuchen. Mit kompromisslosen Ansprüchen stellen sie ihn auf den Kopf. Die 16- bis 31-Jährigen stellen alte Spielregeln infrage, fordern digital optimierte Bewerbungsprozesse, wertschätzende Ansprache, Vertrauen und eigenverantwort­liches Arbeiten von Beginn an. So zeigt es eine Studie von hokify und der FH Wien WKW. Mit Stelleninseraten und Messeständen ist bei der Gen Z nichts zu holen.

Für Porsche entwickelte Yaël Meiers Agentur eine Social-Media-Kampagne, um Mitarbeiter aus dem MINT-Bereich zu finden. „Wenn wir junge Nachwuchstalente für Porsche gewinnen und halten wollen, müssen wir noch besser verstehen, was sie antreibt“, lässt sich Andreas Haffner, Porsche-Vorstand Personalwesen, dazu zitieren.

Frischzellenkur für Zalando & Potter

Glaubt man Christoph Lütke Schelhowe, General Manager DACH Zalando, hat Yaël Meier auch „das Einkaufs- und Medienverhalten“ ihrer Generation im kleinen Finger: Sie unterstützt den Moderiesen bei der Verjüngung des Kundenstamms. Für Warner Bros. Deutsch­land entwickelt Zeam eine Social-Media-Präsenz von Harry Potter, damit der Zauberer, dessen erster Auftritt 1997 erfolgte, relevant bleibt.

Vom Schweizer Bundesamt Gesundheit konnte ihre Agentur den mit 3,05 Millionen Franken budgetierten Etat für eine Aufklärungskampagne über sexuelle Gesundheit gewinnen. „Connecting companies with the future“, verspricht Zeam. Meier hat die Agentur 2020 mit ihrem Lebenspartner Jo Dietrich, 28, gegründet, beide wurden in die „30 under 30“-Liste von Forbes aufgenommen. Zur Gründung war sie mit ihrem ersten Kind schwanger, dieser Tage wird das Paar zum dritten Mal Eltern.

Marketing-Kunst oder Schönfärberei?

Yaël Meier sitzt seit Jahren an den Tischen, die älteren Männern vorbehalten waren. Und erzählt lautstark davon. „Als junge Frau in der Wirtschaft kann ich mir Bescheidenheit nicht leisten“, sagt sie im Branchenmagazin Brand Eins.

Schüchtern war die Frau, die in Vitznau am Vierwaldstättersee aufgewachsen ist, nie. Die Jüngste zu sein, wurde ihr Markenzeichen: Mit 14 ergatterte sie die Hauptrolle im Spielfilm „Upload“, mit 17 maturierte sie und zog nach Zürich. Um neben der Schauspielerei Geld zu verdienen, jobbte sie beim Schweizer Boulevardblatt Blick, bekam eine Kolumne und ein Podcast-Format.

Als junge Frau in der Wirtschaft kann ich mir Bescheidenheit nicht leisten

Yaël MeierInfluencerin

Statt einem Uniabschluss hinterzujagen, setzte sie auf „learning by doing“ und gründete mit ihrem Lebensgefährten die Agentur rund um das Wissen ihrer Generation. Dass ihr Lebensgefährte und Agentur-Mitgründer Jo Dietrich der Sohn von Blick-Chefredakteurs Andreas Dietrich ist, und unter anderem an der Nova School of Business and Economics in Lissabon studiert hat, bringt Yaël Meier den Vorwurf ein, ein „Nepo-Baby“ zu sein. Jemand, der vom Erfolg der Eltern (in diesem Fall der Schwiegereltern in spe) profitiert. „Meine Existenz ist eine Provokation“, sagt Meier. Immer wieder, zuletzt im Interview mit NZZ. So münzt man Kritik zum Markenzeichen.

Jüngst wurde ihr die eigene Überhöhung vorgeworfen: Ihre Büroadresse sei nicht, wie behauptet, am Zürcher Paradeplatz, sondern ein paar Hundert Meter entfernt. Die Universität St. Gallen, an der sie vorgetragen hat, sei nicht die beste Wirtschaftsuni der Welt, wie von Meier behauptet. Mit Schönfärberei habe das nichts zu tun, sagt sie dazu der NZZ. „Durch Social Media haben wir dieses amerikanische Denken übernommen, Dinge zuerst einmal aufregend zu finden. Dass das manchmal falsch rüberkommen kann, ist möglich.“

Meine Existenz ist eine Provokation

Yaël MeierInfluencerin
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„Alles bleibt möglich“

Ihre erste Schwangerschaft versteckte Yaël Meier zur Zeit der Firmengründung vor den Investoren. Und rät Gründerinnen, es ihr gleich zu tun. Als Gründerin lebe man vom Potenzial, das andere in einem sehen, erzählt sie der NZZ. Seit ihrer zweiten Schwangerschaft lässt sie die Öffentlichkeit am Familienleben via Instagram teilhaben. Sie spricht davon, wie mit partnerschaftlicher Aufteilung Karriere und Familie erfüllend von der Hand gehen. Frau kann alles haben, ist die Botschaft.

Dass Meier die eigenen Privilegien dabei übersieht, wird ihr übel genommen. Sie lächelt die Hater weg. Auf ihrem Insta-Account sagt sie im Video „die Wahrheit über Hater“: „Kritik ist immer auch eine Form von Bewunderung.“

Strategisches Storytelling im Blut

Gegenüber Brand Eins formuliert Meier die Erwartungen der Gen Z an Chefs. Das sei erstens Türen öffnen und Tipps geben, zweitens Verantwortung übertragen und dafür bezahlen, drittens Platz machen und abgeben.

Dass sie es wissen muss, knallt sie älteren Semestern in einer Keynote strategisch vor den Latz: Die Zuhörer wüssten bestimmt, wo sie am 11. September 2001 waren, mutmaßt sie. Während ältere Semester die Bilder der Katastrophe abrufen und erschauern, erinnert sie sie: Die Gen Z hat keine emotionale Erinnerung an diesen Tag, die meisten waren noch nicht geboren. Die Tiefe der trennenden Kluft ist damit eindrücklich dargestellt. Und die Brückenbauerin auf der Bühne auch.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 04/2026 erschienen.

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