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Lindsey Vonn: Zwischen Gold und Grenzen

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©Daniel Milchev / Red Bull Content Pool

Kurz vor ihrem fünften Olympiastart landete Lindsey Vonns größtes Projekt zwischenzeitlich dort, wo ihre Karriere oft entschieden wurde – auf Eis. Nach einem Sturz war unklar, ob die 41-Jährige ihr triumphales Comeback bei den Olympischen Spielen weiterfeiern kann. Geht es als Sieg der Medizin in die Geschichte ein? Vonn will daran glauben. Es ist auch ein Kampf um Selbstermächtigung.

Schlechte Sicht, eisige Piste, Neuschnee. – Bei prekären Wetterverhältnissen stürzte Lindsey Vonn vor 13 Jahren in Schladming. Ihr rechtes Knie bleibt nachhaltig beschädigt. Sie fuhr dennoch weitere fünf Jahre, holte zweimal den Abfahrtsweltcup und einmal den Super-G-Weltcup. Die ähnlichen Wetterbedingungen bringen vor einer Woche drei der ersten sechs Abfahrtsläuferinnen in Crans Mon­tana zu Sturz. Als Sechste und Letzte erwischt es in einer fabelhaften Come­backsaison Lindsey Vonn, dann wird das Rennen abgebrochen. Diesmal ist es ihr linkes Knie, das sie beim Abrutschen ins Tal unter Schmerzen befühlt.

Ob ihr Traum, bei den Olympischen Spielen in Cortina d’Ampezzo ab dem nächsten Wochenende wieder Gold zu holen, nun unerfüllbar bleibt, war bei Redaktionsschluss nicht absehbar. Bis zum Sturz hat Vonn Skigeschichte geschrieben: Nach fünf Jahren Pause, mit einer Prothese im rechten Knie und sechs Jahre älter als die zweitälteste Rennläuferin Federica Brignone (35) hat sie die junge Konkurrenz überholt.

Unbändiger Kampfgeist

Noch vor wenigen Wochen sieht die Zukunft nach Gold aus. Am 12. Dezember 2025 kommt Lindsey Vonn bei der Abfahrt in St. Moritz als Schnellste ins Ziel. Sie jubelt und hält die Wange schräg an die gefalteten Hände – wie man einem Kind anzeigt, ins Bett zu gehen. Es ist die berühmte „Night-Night“-Geste, entlehnt von NBA-Star Stephen Curry. Sie signalisiert der Konkurrenz: „Schlafens­zeit“. Ein spielerischer Ausdruck von Dominanz.

13 Monate lang hat sich Vonn für diesen Moment zurückgekämpft. Mit 41 Jahren wird sie in St. Moritz die älteste Weltcupsiegerin der Geschichte. Bis zum Sturz in Crans Montana ist sie im Rennen um die Weltcup-Kristallkugeln für den Gesamtsieg in Abfahrt und Super-G vorn dabei. 20 dieser Trophäen besitzt sie bereits, so viele wie keine andere Skifahrerin. Bis heute ist sie in der Abfahrt und im Super-G die Weltbeste.

Ihr Traum, auf der spektakulären Olympia-Abfahrt in Cortina d’Ampezzo kommenden Sonntag (8. Februar) Gold zu holen, hatte sie zum Comeback motiviert. Der Lauf zwischen den Tofana-Felsen zählt zu ihren Lieblingsstrecken, dort hat sie zwölf Weltcupsiege gefeiert. Dort will sie – sagt sie wenige Stunden nach dem Crans-Montana-Sturz vergangenen Freitag – noch immer zu Olympia-Gold fahren. „Ich evaluiere den Zustand meines verletzten linken Knies mit meinen Ärzten. Wenn es etwas gibt, das ich drauf habe, dann ist es ein Comeback. Mein olympischer Traum ist nicht vorbei.“

Ich habe mich vom Sport zurückgezogen, weil mein Körper kaputt war

Lindsey Vonnamerikanische Skirennläuferin

„Irreparabel beschädigt“

Abfahrt und Super-G sind die gefährlichsten Skidisziplinen, in der Abfahrt erreichen die Rennläuferinnen Spitzengeschwindigkeiten von über 140 km/h. Absolute Kontrolle ist eine Illusion, Verletzungen an der Tagesordnung. Als Vonn 2019 im Alter von 35 Jahren unter Tränen ihren Rücktritt bekannt gab, hatte sie bereits eine zweistellige Zahl von Operationen hinter sich.

„Irreparabel beschädigt“, nannte sie ihren Körper. Es war eine vom Körper erzwungene Entscheidung. „Ich habe mich vom Sport zurückgezogen, weil mein Körper kaputt war. Ich bin zu oft gestürzt und konnte einfach nicht mehr weitermachen“, erklärte sie ihren fast drei Millionen Followern auf Instagram. Ihr Comeback-Kampf galt auch der Selbstbestimmung: Nicht der Körper soll diktieren, wann Schluss ist.

Die Medizin entschied die Rückkehr

Der Rücktritt vom Rücktritt entschied sich, als Vonn im Kampf gegen anhaltende Knieschmerzen in Florida fündig wurde. Dr. Martin Roche verpasste ihr im Frühjahr 2024 eine Teilprothese mittels robotergestützter Operation samt 3-DCT. Oberschenkelknochen und Unterschenkel (Tibiakopf) werden mit Titanplatten versehen, dazwischen fungiert ein Keramikteil zur Dämpfung als neuer Meniskus. Ersetzt werden bei dieser Methode minimalinvasiv nur verletzte oder zerstörte Teile, weshalb Patienten nach der Operation schneller wieder fit sind.

Vonn konnte schmerzfrei laufen, sogar Tennis spielen. Der Gedanke, wieder Skirennen zu fahren, lag nah. Acht Monate nach der Operation war es so weit.

Heftige Kritik: „Brandgefährlich“

Schon die Comeback-Ankündigung sorgte flächendeckend für Irritationen. „Wenn sie das mit kaputtem Knie und der Prothese wirklich macht, hat sie einen Vollschuss“, reagierte Österreichs Abfahrtskaiser Franz Klammer damals gegenüber oe24. Doppel-Olympiasiegerin ­Michaela Dorfmeister ordnete das Vorhaben als „brandgefährlich“ ein und äußerte im „NÖN“-Gespräch Sorge: „Sie sollte einen Psychologen aufsuchen. Ihr Geltungsdrang dürfte riesig sein.“ Die ehemalige Schweizer Riesentorlauf-Weltmeisterin Sonja Nef beurteilte im Blick Vonns Plan als „bescheuert“: „Kein Chirurg dieser Welt würde sagen, dass das intelligent ist.“

Womöglich verheerende Folgen eines weiteren Sturzes mit einem Titan-Knie wurden landauf, landab diskutiert. Immerhin stürzte US-Landsmann und Abfahrts-Olympiasieger Billy Johnson nach einem Comeback so schwer, dass er zum Pflegefall wurde, fast jährlich verunglücken Rennläufer schwer oder tödlich, zuletzt der junge Italiener Matteo Franzoso im Herbst.

Gleichzeitig ist Vonn als rückkehrende Spitzensportlerin in bester Gesellschaft: Tennis-Ass Venus Williams griff mit 45 wieder zum Tennis-Racket, der japanische Skispringer Noriaki Kasai kämpfte mit 53 bis zuletzt um einen Olympia-Startplatz. Der Südtiroler Skifahrer Christof Innerhofer ist wie Vonn 41 Jahre alt. Selbst Österreichs Slalom-­Ass Marcel Hirscher probierte 2024 mit 35 Jahren ein Comeback.

„Die mentale Härte ist wichtig“

Vonn quittierte die Kritik mit Humor. Bei Jimmy Fallon verglich sie sich im US-Late-Night-Talk mit dem „Terminator“. „Ich wurde bereits mehrmals wieder neu zusammengebaut“, bestätigte sie via Sportbild.

Ich habe gelernt, wie ich Rückschläge überwinde und wie ich mental mit all diesen Verletzungen klarkomme

Lindsey Vonnamerikanische Skirennläuferin

Acht Monate nach der Operation startete sie beim Heimrennen in Beaver Creek als Vorläuferin. Wenig später gab sie mittels FIS-Sondergenehmigung ihr offizielles Weltcup-Comeback und kam auf Anhieb in die Top 30. „Ich habe gelernt, wie ich Rückschläge überwinde und wie ich mental mit all diesen Verletzungen klarkomme. Die mentale Härte zu besitzen, ist wichtig fürs Leben und auch in Skirennen“, so Vonn in Sportbild.

„Ihr Speed-Talent war früh klar“

Die hohen Erwartungen ihres Vaters lasteten früh auf ihr. Vonn, gebürtig aus Burnsville, Minnesota, lernte Skifahren beim gebürtigen Österreicher Erich Sailer auf einem lokalen Hügel. Ihr Vater, Alan Kildow, selbst Rennläufer mit begrenztem Erfolg, entwarf einen Zehnjahresplan, um seine Tochter zu einem Skistar zu formen. Der Druck führte später zu einem tiefen Bruch: Vater und Tochter sprachen jahrelang kein Wort miteinander.

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Familie. Vonn (3. v. li.) bei der WM in Schweden mit Schwester Karin Kildow, Bruder Reed Kildow und Vater Alan Kildow (v. li.)

 © APA-Images / EXPA / SM

Mit elf Jahren zog Vonn nach Vail, um ihr Training in den Rocky Mountains zu professionalisieren. Eigentlich sei sie zunächst eine Slalomfahrerin gewesen, erinnert sich Patrick Riml, der Vonn seit ihrem 15. Lebensjahr in verschiedenen Funktionen beim US-Skiverband begleitete. Heute leitet Riml die Ski-Abteilung des Red-Bull-Projekts Special Athlete Project (ASP) und arbeitet erneut eng mit der Deutsch sprechenden Amerikanerin zusammen. „Es war sehr früh klar, dass sie vor allem ein herausragendes Talent hat: Das war Speed“, sagt Riml.

Mit 16 Jahren startete Vonn im Jahr 2000 erstmals im Weltcup, bei den Olympischen Spielen war sie mit 18 Jahren. Während in Österreich die Ära von Michaela Dorfmeister, Alexandra Meissnitzer und Renate Götschl begann auszulaufen, startete im internationalen Skisport jene von Lindsey Vonn.

Leben für die Herausforderung

Vonn verschob Grenzen: Sie gewann schnell, oft und spektakulär. Ihre aggressive Linienwahl galt als neu.

„Durch sie haben wir in den Kurven Schräglagen gesehen, die wir bis dahin nicht gekannt haben“, erklärt Ex-Rennläuferin und Ex-ORF-Kommentatorin Ale­xandra Meissnitzer. Vor allem in den Speeddisziplinen war Vonn lange kaum zu schlagen. Auch weil sie begann, auf besonders harten, ursprünglich für Männer konzipierten Skiern zu fahren.

Doppel-Weltmeisterin 2009, olympisches Abfahrts-Gold 2010, vier Weltcup-Gesamtsiege zwischen 2007 und 2012 verstärkten ihre Strahlkraft. Zudem versuchte sie jahrelang, bei Männer-Rennen starten zu dürfen – vergeblich.

Als überheblich oder arrogant interpretierten manche Konkurrentinnen Vonns Auftreten. Nicht zuletzt wegen ihrer häufigen Stürze und der emotionalen Inszenierung von Verletzungen: Die mediale Aufmerksamkeit galt oft wochenlang nur Vonns Befinden.

Auch abseits der Pisten wurde sie zur öffentlichen Figur: spielte eine Nebenrolle in Law & Order, posierte für die Swimsuit-Ausgabe von Sports Illustrated, machte als Beinahe-Gast Richard Lugners am Opernball Schlagzeilen, datete mit Tiger Woods von 2013 bis 2015 einen Golfstar und später mit P.K. Subban einen Eishockeycrack.

Ein PR-Glück für den Skisport

Vonns spektakuläre Erfolge und Strahlkraft holten gleichzeitig den international kaum beachteten Skisport ins Rampenlicht. Der frühere FIS-Präsident Gian-­Franco Kasper bezeichnete sie als „beste PR-Mitarbeiterin des Skisports“.

Die heutige FIS-Funktionärin Alexandra Meiss­nitzer begrüßt auch aus diesem Grund Vonns Rückkehr in den Skizirkus. „Lindsey bringt den Sport in Länder, in denen normalerweise niemand ans Skifahren denkt. Ihr Sieg in St. Moritz ist bis nach Indien registriert worden. Sie verschiebt Grenzen. Sie ist eine Inspiration.“

Ihr Vorbild macht Mut, urteilt Aksel Lund Svindal, der an einer vergleichbaren Knieverletzung leidet, aus persönlicher Erfahrung: „Ich kann mir jetzt auch eine Prothese vorstellen. – Nur nicht für ein Comeback!“ Der Doppel-Olympiasieger Svindal begleitet Vonns Comeback als Privatcoach und weiß, was mit medizinischer Hilfe im Spitzensport möglich ist. Tennisstar Andy Murray konnte etwa mit einer künstlichen Hüfte Erfolge feiern.

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Olympia-Team. Doppel-Olympiasieger Aksel Lund Svindal begleitet Vonn als Privatcoach: Er testet Material und dosiert Trainingseinheiten

 © Erich Spiess / Red Bull Content Pool

Das Motto: Leben wie ein Hai

Nachvollziehbar ist auch für Elisabeth Görgl, zwischenzeitlich mit 34 älteste Weltcupsiegerin, der Drang zurück auf die Piste: „Es hat natürlich seinen Reiz, etwas möglichst lange auszuüben, was man selbst bis zur Meisterschaft gebracht hat. Das hat Suchtpotenzial!“

Argumente der Sturzgefahr zählen nicht im Umfeld von Lindsey Vonn. „Wenn es nicht gefährlich ist, ist es keine richtige Abfahrt. Wenn es eine kann, dann Lindsey“, sagt Ex-ÖSV-Abfahrtscoach Robert Trenkwalder, der Vonn ins Red-Bull-ASP geholt hat.

Als sie die Olympiaqualifikation geschafft hat, erklärte Vonn selbst die Frage nach dem „Warum“ auf CBS feministisch: „Ab einem gewissen Alter wird von Frauen erwartet, dass sie zu Hause bleiben und Kinder bekommen. Ich hoffe, dazu beizutragen, dass Frauen sich nicht die Erwartungen anderer diktieren lassen, egal, wie alt sie sind.“

Beweisen müsse sie dies nur noch sich selbst: „Und ich habe eigentlich schon gewonnen, einfach dadurch, dass ich wieder zurück bin.“

Die Energie, mit 41 im harten Skisport konsequent nach vorne zu blicken, schreibt Vonn Mutter Linda zu, die 2022 an ALS starb. Von ihr habe sie gelernt, nach Rückschlägen immer wieder aufzustehen und nach vorne zu blicken, so Vonn. Das Motto hat sie mittels Tattoo auf ihrem Körper verewigt: Es zeigt einen Hai, ein Tier, das nur überlebt, wenn es sich weiterbewegt.

Die Ablehnung des Stillstands scheint größer als das Risiko, Schaden zu nehmen. „Wenn wir stürzen, dann stürzen wir. Ich für meinen Teil stürze lieber bei 100 Prozent, als Zehnte zu werden und mich dann zu fragen, was falsch gelaufen ist“, so Vonns Einordnung vor dem Rennen in Crans Montana bei Eurosport-Expertin Viktoria Rebensburg.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 06/2026 erschienen.

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