Filmwirtschaft urgiert dringend Investitionsverpflichtung nach internationalem Vorbild. Mit einem Appell, vor massiver Österreich-Präsenz bei der Berlinale, wird eine internationale Verleihförderung gefordert.
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„Wir hatten vor einem Jahr einen extrem schlechten Start mit wenig Sicht und rumpeliger Piste, waren zur Zwischenzeit ganz gut unterwegs und hoffen, dass wir nun die letzten Schwünge absolvieren und das Ganze über die Ziellinie bringen.“ Olympiagemäß wählte Produzent Alexander Dumreicher-Ivanceanu am Montag bei einer Pressekonferenz für die laufenden Verhandlungen über die Zukunft des österreichischen Films einen sportlichen Vergleich: „Es ist ein sehr komplexer Slalom.“
Der heutige Appell, die laufenden Gespräche zu einem raschen Abschluss zu bringen, kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem große Erfolge gefeiert werden. Die Weihnachtskomödie Aufputzt is' von Claudia Jüptner-Jonstorff avancierte mit über 445.000 Zuseherinnen und Zusehern zum besucherstärksten österreichischen Kinofilm der vergangenen 25 Jahre. Und bei der kommenden Berlinale sind gleich zwölf österreichische Filme zu sehen, zwei davon im Wettbewerb.
Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) und der für Auslandskultur zuständige Staatssekretär Sepp Schellhorn (NEOS) werden laut Dumreicher-Ivanceanu, dem als Produzent mit Ulrike Ottingers Die Blutgräfin in Berlin vertretenen Obmann des Fachverbands der Film- und Musikwirtschaft in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), in Berlin erwartet. „Das ist wichtig und gut“ - und würde sich auch als Rahmen für Abschlüsse und Verlautbarungen eignen. „In einer idealen Welt gibt es auch Neuigkeiten in Berlin. Es wäre ein schöner Ort, um diesen wichtigen Schritt zu gehen.“
Künftige cineastische Ernten in Gefahr
Konkret geht es um Maßnahmen, die weitere Erfolge des österreichischen Films möglich machen. „Was wir jetzt ernten können, ist in den letzten Jahren gesät worden“, sagte der Fachverbandsobmann. Seither seien jedoch die Fördermittel des Österreichischen Filminstituts (ÖFI) massiv gekürzt und auch die im Wirtschaftsministerium angesiedelten Mittel von FISAplus deutlich geringer geworden. Es drohe eine Austrocknung der eben noch blühenden heimischen Filmwirtschaft, hieß es.
„Ich hab im vergangenen Jahr eines meiner stärksten Jahre gehabt und durchgehend gedreht. Für heuer ist kein einziger Drehtag bestätigt“, meinte Schauspielerin Susi Stach, deren mit FISAplus produzierte Krimiserie Die Fälle der Gerti B. am 9. März mit der neuen Staffel startet. „Das betrifft nicht nur mich, viele erzählen mir, dass sie für heuer nichts haben.“ Werde nicht gegengesteuert, kämen keine neuen Filme nach, aber auch kein Nachwuchs. „Kann man jungen Menschen heute wirklich raten, in einem Film-Departement einzusteigen? Ich weiß es nicht.“
„Aktuell ist es unsicher, in der Filmbranche zu arbeiten, denn wenn wir von der Berlinale zurückkommen, wissen wir alle nicht, was wir im Herbst arbeiten werden. Dann ist das Geld aus“, sagte der Regisseur und Drehbuchautor Markus Schleinzer, der mit seinem Film Rose im Berlinale-Wettbewerb startet und Vorsitzender des Dachverbands der österreichischen Filmschaffenden ist. Viele aus der Branche würden dann beim AMS landen, wo gerade die Möglichkeit für Zuverdienste gestrichen worden sei.
„Selbst minimale Absicherungen sind unterblieben. Es trifft die Ärmsten der Armen.“ Statt durch Investitionen in den heimischen Film Wertschöpfung zu generieren, müsste künftig mehr Arbeitslosengeld in die Branche fließen: „Wir zahlen doppelt.“ Dabei zeigten alle Untersuchungen, dass Filmförderungen mehr Geld ins Budget zurück spülten und die Filmbranche viele tausend Arbeitsplätze schaffe. „Nicht in den heimischen Film zu investieren, bedeutet, den österreichischen Steuerzahler:innen Geld zu unterschlagen.“
Vorschläge sollen nicht Geld kosten, sondern bringen
Die von der österreichischen Filmbranche eingebrachten Vorschläge würden nämlich - kein schlechtes Argument in Zeiten der Budgetsanierung, meinten die Branchenvertreter - nicht Geld kosten, sondern bringen. Konkret fordert man nämlich nicht die Erhöhung von budgetären Fördermitteln, sondern eine Investitionsverpflichtung in österreichische Produktionen für alle Streaming-Anbieter von insgesamt 25 Prozent des hierzulande gemachten Umsatzes, nämlich 7 Prozent als Abgabe (Levy) und 18 Prozent als direkte Investitionsverpflichtung (Investment obligation).
40 Mio. Euro könnten durch eine Abgabe jährlich generiert, 90 Mio. Euro pro Jahr an Investitionen vor Ort ausgelöst werden, so Dumreicher-Ivanceanu, der auf Rückenwind aus Deutschland verwies, wo eine Investitionsverpflichtung kürzlich auf den Weg gebracht wurde.
„Wir brauchen das Rad nicht neu erfinden, es gibt in 16 Ländern Europas das, was wir jetzt fordern“, sagte die Regisseurin und Produzentin Ruth Beckermann, die ihren neuen Film Wax & Gold bei der Berlinale vorstellt. 25 Prozent wäre etwa das Niveau, das in Frankreich verlangt wird. Beckermann, deren letzter Film Favoriten ihr zufolge auf rund 70 Festivals vertreten war, verwies auf einen anderen Aspekt: „Es kostet sehr wenig, österreichische Filme um die Welt zu schicken, viel weniger als ein Orchester. Es kostet fast nichts und bedeutet für die Auslandskultur unheimlich viel Prestige.“ Markus Schleinzer verwies in dem Zusammenhang auf die weiterhin in Österreich fehlende internationale Verleihförderung, über die fast alle europäischen Länder verfügten.
„Es gibt keinen Grund außer Trägheit.“
Schleinzer hob einen weiteren Punkt hervor: „Das, was wir fordern, ist eigentlich im Regierungsprogramm festgeschrieben.“ Er freue sich auf hoffentlich konstruktive filmpolitische Gespräche in Berlin, „beim Empfang, bei meiner Premierenfeier oder wo auch immer“. Gespräche, die aber nun endlich zu einem Abschluss und zu einer Umsetzung der Maßnahmen noch in diesem Jahr führen sollten. „2026 wird zu einem Schicksalsjahr für den österreichischen Film. Wir spüren die grundsätzlich positive Haltung, aber jetzt muss man in die Umsetzung kommen“, fasste Dumreicher-Ivanceanu zusammen.
Woran hapert es also noch? An der Vielzahl der aktuellen politischen Baustellen, glaubt der Spartenobmann: „Ich glaube, dass die Bundesregierung viele komplexe Gemengelagen hat.“ Beckermann gab sich da weniger diplomatisch: „Es gibt keinen Grund außer Trägheit.“







