ABO

Spitzentöne: Beste Köpfe für Latein, Trump als Opernkreatur

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
7 min
Artikelbild

Heinz Sichrovsky

©Bild: Matt Observe

Welch schöne Woche! Nicht genug, dass in Hamburg die fabulöse Uraufführung der Operngroteske „Monster’s Paradise“ von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek bejubelt wurde: Die Petition zur Rettung des Latein-Unterrichts ist heraußen. Unterschreiben auch Sie an der Seite von drei Nobelpreisträgern!

Dass unsereinem vor Freude die Augen übergehen, ist auch im grenzmethusalemischen Alter möglich, und das öfter, als man selbst annehmen würde. Die Kunst, innerhalb derer man als Ressort-Autist freudvoll festsitzt, hat nämlich erstaunliche Befeuerungskräfte. Peter Handke hat mir vor Jahren die folgende Definition diktiert: „Glück ist etwas für den Augenblick. Aber Freude ist etwas Dauerhaftes.“

Peter Handke ist auch einer der Auslöser meiner aktuell freudvollen Gefühle: Er ist einer von 88 Proponenten aus der intellektuellen und künstlerischen Elite des Landes, die sich unter eine Petition mit dem Titel „Latein ist kein Luxus – es ist Bildung“ geschrieben haben. Auf Seite 66 dieser News-Ausgabe finden Sie die Petition mitsamt ihren Paten: neben Handke auch noch die Nobelpreiskollegen Elfriede Jelinek und Anton Zeilinger, sehr große Autoren, Spitzenmediziner, Schauspielstars, Intendanten, Legenden aus der Politik …. mit einem Wort: Klicken Sie die Seite aufstehn.at an, unterschreiben Sie und leiten Sie weiter was geht!

Wir werden uns dann, so hoffe ich doch, alle gemeinsam von der Beratungsaffinität des Ministers überzeugen. Auch die Schüler, deren Zuschriften Sie auf meiner Leserbriefseite nachlesen können, werden den Entwicklungen mit Interesse folgen. Denn mag Minister Wiederkehr auch eventuell argumentieren, für Nobelpreisträger nicht zuständig zu sein: Dass außer ihm selbst auch der eine oder andere Schüler zu seiner Kernklientel gehört, sollte doch kommunizierbar sein.

Patriotischer Triumph in Hamburg

Womit ich mich elegant zum zweiten Thema dieser Woche weiterschwingen kann: Auf der Petition finden sich neben Elfriede Jelinek auch die Komponistin Olga Neuwirth und Georg Nigl, Träger des Österreichischen Musiktheaterpreises als Sänger des Jahres 2025. Das Wirken aller drei Koryphäen konnte ich am Sonntag freudebeschwipst in der Hamburgischen Staatsoper begutachten. Da wurde Olga Neuwirths Oper „Monster’s Paradise“ mit dem Libretto von Elfriede Jelinek uraufgeführt. Und Nigl leistete Fabulöses in der Rolle des verfressenen „Königs-Präsidenten“, einer nur notdürftig adaptierungsbedürftigen Variante von Alfred Jarrys trotteligem Königssäugling Ubu.

Dass dieses grellorange Schrecknis in Windelhosen verbindlich in Washington zu suchen ist, darüber lassen der

Regisseur Tobias Kratzer und sein kongenialer Bühnenbildner Rainer Sellmaier keine Unklarheiten aufkommen. So wie auch über die Identitäten der Vampirdamen Vampi und Bampi, hinter denen sich die Librettistin und die Komponistin mehr offenbaren als verbergen.

Olympische Vampiretten

Beide bringen sich buchstäblich mit Leib und Seele in die groteske Kasperlkomödie ein: Sie porträtieren sich in den Gestalten zweier „Vampiretten“, die antreten, die zum Untergang durch Krieg und Hitze verdammte Welt in letzter Minute zu retten. Zu diesem Behufe muss der Schurkenpräsident mit seiner Zombie-Armee ausgeschaltet werden. Auf der Seite der Guten steht das weise Monster Gorgonzilla, das auf seiner Friedensinsel haust und den Unhold am Ende verschlingt. Die Welt geht trotzdem unter. Aber die Kunst bleibt: Die beiden schwimmen auf einem betörend verstimmten Klavier mit Schuberts sich immer rasender steigernder f-Moll-Fantasie in die Ewigkeit des Ozeans hinaus (die Hauptstimme des vierhändigen Ewigkeitswerks hat Elisabeth Leonskaja eingespielt!).

Unter der Meisterhand des inszenierenden Intendanten, der das Werk für den Beginn seiner Amtszeit in Auftrag gegeben hat, wurden die Vampiretten verdoppelt: Der hohe Koloratursopran Sarah Defrise singt und Sylvie Rohrer spricht den Jelinek-Avatar Vampi, Kristina Stanek und Ruth Rosenfeld erwidern kongenial, alle vier in fotorealistischer Maske, alle vier fulminant.

Start-Ziel-Siege feiern wir schon lang nicht mehr im Sport. Aber in der Kunst sind sie fast Alltag

Am Beginn stehen Jelineks schwarz funkelnde Textflächen allein. Dann werden sie mit den verkündigungsschweren Mahnungen einer alten feministischen Göttin unterhoben. Die große Charlotte Rampling spricht sie von der Video-Wand. Sie sind von William Shakespeare und Karl Kraus, aber in ihrer zitathaften Isolation auch unleugbar banal, wodurch sich der Erhabenheitston relativiert. Wie gutartiger Kitsch nimmt sich auf den ersten Blick auch das Schein-Finale mit dem klimabesorgten Kinderchor aus. Aber auch hier funkelt und kichert der Schalk.

Ein Start-Ziel-Sieg

Diese Schwebezustände zwischen Groteske und Ernst kennzeichnen auch die Komposition. Olga Neuwirth ist eine geborene Musikdramatikerin mit der Fähigkeit, Gestalten punktscharf in musikalische Sprachen umzusetzen. Sie beherrscht als Pionierin die elektronischen Techniken, durchrast aber auch die Musikgeschichte von Wagner bis zum Jazz, vom „Frühlingsstimmenwalzer“ bis zu den „Bergkameraden“. Und doch offenbart sich die Handschrift auf den ersten Ton. Verbeugung vor dem Staatsorchester unter Titus Engel, das alle ungeheuren, von der Komponistin unmissverständlich artikulierten Anforderungen übererfüllt.

So ist das halt mit der Kunst und Österreich: Während wir bei der drohenden olympischen Herrenabfahrt in Bormio mit keinem Triumph rechnen sollten, feiern wir unsere Start-Ziel-Siege umso verlässlicher an der Waterkant.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 06/2026 erschienen.

Kunst & KulturKolumnen

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER