Katharina Sieverding, Die Sonne um Mitternacht schauen SDO/NASA (Blue), 2010–15
©Foto: Klaus Mettig; Bildrecht, Wien 2026Wie würde die Welt aussehen, wenn es den Menschen nicht gäbe? Unter dem Ausstellungstitel „The World Without Us“ wagt das Linzer Kunstmuseum Lentos ein „Gedankenexperiment“, wie es Direktorin Hemma Schmutz nennt. Die unterschiedlichsten Werke 20 internationaler Künstler, von Albrecht Dürer bis ins Heute, sollen anregen, sich mit dieser Frage zu befassen.
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Die Ausstellung im Untergeschoß des Lentos ist in einem völlig schwarzen Raum verortet, die einzelnen Exponate sind singulär beleuchtet. Der Besucher wandelt quasi durch die Tiefen des Kosmos und begegnet immer wieder einem Himmelskörper respektive Exponat. Die Ausstellung entwirft nicht eine konkrete Vision einer Welt ohne Menschen und gibt daher auch nicht vor, ob sich die Menschheit selbst vernichtet oder einfach evolutionär nicht ergeben hat. Vielmehr besteht die Schau aus einer Aneinanderreihung künstlerischer Positionen, die zum Nachdenken über solche alternativen Realitäten einladen.
Publikum soll Raum und Zeit wirken lassen
„Die Ausstellung bietet dem Publikum die Möglichkeit, einen Schritt zurückzutreten, um temporär eine erweiterte Perspektive zuzulassen“, so Markus Proschek, der die Schau gemeinsam mit Schmutz kuratiert hat, bei der Presseführung am Donnerstag. Die vier Abschnitte stehen unter den Überschriften „Verschwinden“, „Deep Time“, „Deep Space“ - also unendliche Weiten von Zeit und Raum - sowie „Cosmic Horror“, das auch die Angst vor dem Unbekannten umfasst.
Der erste der zwei Räume wird von dem Video „Tschernobyl Safari“ von Anna Jermolaewa dominiert, in dem diese mit Wildkameras eingefangen hat, wie sich die Natur die evakuierte „Zone“ zurückerobert. Mit 200 Millionen Jahre alten Baumstämmen aus Madagaskar gibt Christian Kosmas Mayer dem Zeitbegriff eine neue Dimension. Eine Marmorstele von Nicolás Lamas („The Agony of the Past“) - zwei hohe Blöcke unterbrochen von einem dünnen Buch - zeigt, wie klein das Anthropozän im Vergleich zum Rest ist.
Was die Evolution (noch) nicht hervorgebracht hat
Aus der Wand wachsen vermeintliche Dornenranken, doch sie sind nicht pflanzlich, sondern Nika Neelova hat sie mit fossilen Haifischzähnen besetzt. Sie reichen hinüber in den zweiten Raum, der von einer blauen Sonne beherrscht wird, welche die auch hier herrschende Schwärze nur wenig erleuchtet. Aus der Dunkelheit tauchen fantasievolle Gebilde aus unterschiedlichen Materialien auf, die mögliche Kreaturen zeigen, die die Evolution (noch) nicht hervorgebracht hat - organisch-mineralische Mischwesen, biologisch-technische Hybride, Dinge, zwischen ästhetischen möglichen Tiefseeorganismen und Filmaliens.
Flankiert werden sie von Gemälden, wie etwa der „Sternwarte“ von Klemens Brosch aus dem Jahr 1926, die man als damalige Vorstellung einer Raumstation deuten könnte. Das wohl - abgesehen von Fossilien und Meteoriten - älteste Exponat der Schau ist Albrecht Dürers „Melancholie“, die neben dem „Sinnieren über die Vergänglichkeit“ auch die älteste korrekte Darstellung eines Meteoriten beinhaltet, wie die Kuratoren sagen. Zu sehen ist die Ausstellung bis 10. Mai.






