Elf Jahre nach Conchita und 59 Jahre nach Udo Jürgens holt Johannes „JJ“ Pietsch Österreichs dritten Sieg beim Eurovision Song Contest. Nach kritischen Polit-Aussagen legt der Countertenor den Fokus zur 70. Jubiläumsshow in Wien 2026 rein auf die Musik.
Es sind Momente, die Österreich liebt, weil sie selten sind. Am 17. Mai ruft Moderatorin Hazel Brugger in Basel „Congratulations Austria!“ und ganz Europa schaut zu. Der 24-jährige Sänger Johannes Pietsch gewinnt den Eurovision Song Contest (ESC) und erlebt einen Sieg, der größer scheint als das ganze Leben davor.
Zwischen Oper und Pop
Pietsch kommt aus Wien, wächst viersprachig in Dubai zwischen österreichischer und philippinischer Familienkultur auf und maturiert in Wien. Er besucht die Opernschule der Wiener Staatsoper und studiert Gesang an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien.
Seine Stimme – ein Countertenor – bringt eine klassische Herkunft mit, die seinen ESC-Beitrag „Wasted Love“ zwischen Oper und Pop einzigartig im Wettbewerb macht. Es ist kein politischer Song, kein Kommentar zur Gegenwart, sondern ein sauber komponiertes Stück über ein Zuviel an verschenkter Liebe.
Das ist so überdimensional groß, dass es noch dauern wird, bis ich es wirklich begreifen kann
JJ, wie er sich nennt, hat Mühe, die Tränen zurückzuhalten, fasst sich ungläubig an den Kopf und bedeckt die Augen. „Bis heute der ärgste Moment meines Lebens“, sagt er im Rückblick. Seinen Sieg, könne er immer noch nicht fassen: „Das ist so überdimensional groß, dass es noch dauern wird, bis ich es wirklich begreifen kann.“
An seine Eltern im Publikum denkt er zuerst, sieht sie aufspringen vor Freude. Sie sind die Ersten, denen er dankt, bevor er sagt: „Liebe ist die stärkste Kraft der Welt. Lasst uns mehr Liebe verbreiten.“
Musik, die universelle Sprache
Nach dem Triumph bekommt seine Heldenreise ihren Knacks, als er sich öffentlich kritisch zur Teilnahme Israels am ESC äußert. Die Reaktionen sind prompt, breit und heftig: Österreichs Bundesregierung, kulturelle Institutionen, allen voran die Staatsoper, distanzieren sich; die IKG reagiert scharf. JJ bedauert daraufhin, „falls meine Worte missverstanden wurden“ und betont, „jegliche Form von Gewalt gegen Zivilisten – sei es gegen Israelis oder Palästinenser – abzulehnen“.
Im Rückblick auf die Verantwortung angesprochen, die politische Aussagen bedeuten, verlagert JJ den Fokus auf die Kunst. Sein Schwerpunkt liege „auf der Musik als Sprache“, die alle Menschen verbinde. Mit seinem neuen Lied „Haunting Me“ schließt er – nach „Wasted Love“ und „Back to Forgetting“ – eine emotionale Trilogie – ab und absolviert aktuell Auftritte vor ESC-Fans in ganz Europa. Der Countdown zur 70. Jubiläumsausgabe des ESC in Wien 2026 hat begonnen. Auch JJ wird auf der Bühne, wenn auch nicht als Moderator, mit dabei sein und noch zuvor sein Album veröffentlichen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 51+52/2025 erschienen.







