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Tal Shoham: 505 Tage in der Hölle

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©Amir Cohen / REUTERS / picturedesk.com

Der israelisch-österreichische Doppelstaatsbürger Tal Shoham wurde am 7. Oktober 2023 von der Hamas nach Gaza entführt. Auch dank diplomatischer Bemühungen Österreichs kommt er diesen Februar frei. Trotz des Erlebten hat Shoham keine Rachegedanken.

Im April besucht Tal Shoham erstmals Wien. Er hätte eigentlich früher kommen wollen. Denn seit Herbst 2020 können direkte Nachkommen von Verfolgten des NS-Regimes um die österreichische Staatsbürgerschaft ansuchen. Shoham, selbst 1985 in Israel geboren, machte von dieser Möglichkeit Gebrauch. Seine Großmutter stammte aus Wien und war in den 1930er-Jahren vor den Nationalsozialisten geflohen. Doch aus seinem Plan, mit seiner Familie seine nun zweite Heimat zu bereisen, wurde vorerst nichts.

Als er im Oktober 2023 anlässlich des Laubhüttenfests mit seiner Frau Adi, Tochter Yahel (damals drei Jahre alt) und Sohn Naveh (damals acht) die Schwiegereltern im Kibbuz Be’eri besuchte, wurden sie alle sowie weitere Angehörige seiner Frau von der Hamas nach Gaza entführt. Andere wurden ermordet, darunter auch sein Schwiegervater.

Das war das erste Mal, dass ich mir erlaubte zu weinen. Da wusste ich, dass ich jetzt den Kampf um mein eigenes Leben führen konnte.

Tal Shoham

Tal Shoham wurde bei der Entführung von seiner Frau und den Kindern getrennt. 50 Tage lang wusste er nicht, ob diese noch lebten. Nach seiner Freilassung erzählte er: In dieser Zeit habe er um jeden von ihnen getrauert. Seine Frau und seine Kinder kamen im Rahmen des ersten Deals mit der Hamas – israelische Geiseln wurden gegen palästinensische Häftlinge ausgetauscht – im November 2023 wieder frei. Damals ließ ihm ein Hamas-Terrorist einen Brief seiner Frau zukommen. „Das war das erste Mal, dass ich mir erlaubte zu weinen. Da wusste ich, dass ich jetzt den Kampf um mein eigenes Leben führen konnte.“

Das, was er in diversen Interviews, aber auch bei seinem Aufenthalt in Wien erzählt, macht betroffen und wütend: Mit drei weiteren Geiseln, die in Gaza zu seinen Brüdern wurden, verbrachte er den Großteil der eineinhalb Jahre in Haft im Tunnelsystem. Die vier Männer wurden geschlagen und gefoltert, sie verbrachten viel Zeit in einem sehr engen Raum in totaler Dunkelheit. „In dem Raum hat es ein Loch als Toilette gegeben. Sonst nichts.“. Sie wurden bewusst ausgehungert. Shoham verlor 27 Kilo und litt an Skorbut.

Bei seinem Wien-Besuch im April hat sich Shoham – zumindest körperlich – bereits sichtlich erholt. Was beeindruckt, ist sein dennoch versöhnlicher Ton trotz des von ihm Erlebten. Er spüre kein Verlangen nach Rache, meint er. Wofür er sich mit aller Kraft einsetzte: Dass auch Guy Gilboa-Dalal und Eviatar David, mit denen er gemeinsam in Geiselhaft war, und die nicht so wie Omer Wenkert und er im Februar freikamen, befreit werden. Inzwischen befinden auch sie sich wieder in Israel. Nun wünscht sich Shoham vor allem eines: Normalität für sich und seine Familie. Österreich ist er dafür dankbar, sich so für seine Freilassung eingesetzt zu haben.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 51+52/2025 erschienen.

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