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Ina Regen: „Ich hätte mich auch für Zynismus oder Verbitterung entscheiden können“

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Ina Regen

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Fast hätte Ina Regen alles verloren – und sich selbst gleich mit. Eine Geschichte über Macht, Geld, Verletzung und die radikale Entscheidung, weich zu bleiben, in einer Zeit, die Härte belohnt.

Es gibt Sätze, die Wendepunkte im Leben markieren. Ina Regen sagt diesen: „Es wäre einfacher gewesen, mich für Zynismus oder Verbitterung zu entscheiden.“ Diese Erkenntnis ist die Bilanz eines existentiell krisenhaften Jahres. Und sie ist die Selbstbeschreibung einer Künstlerin, die sich für den harten Weg entschieden und neue Freiheit gewonnen hat. „I fühl mi leichter, seit I bin wie I bin“, formuliert sie es auf ihrem Album „Revolution der Liebeslieder“. Ein Album, dass es fast nicht gegeben hätte.

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Ina Regen im Gespräch mit News-Redakteurin Lisa Ulrich-Gödel

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Vor eineinhalb Jahren war die 41-Jährige davor, alles hinzuschmeißen. Sicherheit weg. Geld weg. Vertrauen weg. Am Abend stand sie im Glitzerkostüm auf der Bühne. Im Tourbus sortierte sie die Scherben ihrer Karriere. Acht Jahre nachdem sich die als Regina Mallinger geborene Oberösterreicherin dem ganzen Land mit „Wie a Kind“ ins Herz sang, war sie äußerlich betrachtet am Höhepunkt. Innerhalb von zwölf Monaten hatte sie 2024 zwei Alben veröffentlicht. Das Orchesteralbum war auf Platz eins der Charts, der Goldene Saal des Wiener Musikvereins ausverkauft.

Nach mageren Pandemiejahren, die ihre wirtschaftlichen Reserven aufgezehrt hatten, schien die Karriere auf festem Boden angekommen. „Ich hatte das Gefühl, eine etablierte Künstlerin zu sein, die endlich nicht mehr zittern muss, ob es sie in einem halben Jahr noch gibt“, erinnert sich Regen. „Ich habe mich vom Leben sehr beschenkt gefühlt damals, stolz auf die Arbeit und privat glücklich.“

Ausverkauft und doch defizitär

Genau in diesem Moment brach hinter den Kulissen etwas weg. Ina Regen spricht von „massiven strukturellen Problemen im Team“. Von Rollenverteilungen, die große Lücken aufwiesen. Von einem „massiven Vertrauensbruch“. Als sie Missstände ansprechen wollte, sei ihr „die Rolle als Chefin meines eigenen Projekts teilweise abgesprochen“ worden. Sie trennte sich von mehreren Mitarbeitenden.

Wenig später kamen, auf der bereits geplanten Tour, weitere Altlasten ans Licht. Die Konzertreise war ausverkauft und dennoch defizitär. „Am Ende dieses Jahres habe ich mir von meinen Eltern Geld ausborgen müssen“, erzählt sie. „Eine unglaubliche Belastungsprobe.“ Es ist eine der großen Illusionen des Kulturbetriebs, dass Sichtbarkeit Sicherheit bedeutet oder Applaus ein tragfähiges Geschäftsmodell.

Das war ein Aufwand, mir keine andauernde Wut zu erlauben, sondern an der Liebe festzuhalten

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Die Wut bewältigen

Dem Narrativ der verletzten Künstlerin zu folgen, die am System scheitert, wäre einfach gewesen. Ina Regen wollte genauer hinschauen. Auch wenn es Monate dauerte das erschütterte Urvertrauen zu heilen. „Ich habe mich gefragt, welchen Anteil ich selbst trage: Wie viel Verantwortung an dem, was mir passiert ist, gehört mir?“, beschreibt Regen den Schritt aus der Opferrolle. „In diesem Prozess ist mir klar geworden, dass ich meine liebevolle Seite nicht verlieren will. Ich möchte weiterhin an die guten Menschen glauben und nicht zulassen, dass diese Erfahrung meinen Charakter verändert. Das war ein Aufwand, mir keine andauernde Wut zu erlauben, sondern an der Liebe festzuhalten.“

Diese Wahrhaftigkeit kostet Kraft. Weich zu bleiben, ist in der heutigen Zeit kein Selbstläufer, das ist Arbeit

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Lieder über Wut, Loslassen und Verzeihen erzählen mit Kraft und Zärtlichkeit von Ina Regens Weg in eine neue Zukunft. „Revolution der Liebeslieder“, kreist um die Erlaubnis, die eigene Wahrheit zu leben. – Auch und gerade erst recht in einem Umfeld, das dies nicht immer belohnt. „Diese Wahrhaftigkeit kostet Kraft. Weich zu bleiben, ist in der heutigen Zeit kein Selbstläufer, das ist Arbeit“, sagt Regen.

Ina Regens neue Single „Marmeladenglaslmoment“

Ina Regens Liebeserklärung an das große Glück, das man in kleinen Dingen findet (aus dem Album „Revolution der Liebslieder“)

Gleichzeitig hat die Künstlerin ihre Rolle neu definiert. Die Musikerin, Poetin und Sängerin hat sich als Unternehmerin stärker definiert. Lange habe sie gehofft, sagt sie, Letzteres delegieren zu können. „Das war ein Irrtum. Ich habe bitter gelernt, dass ich diese Verantwortung nicht abgeben kann.“

Haltung ist wirtschaftlich riskant

Alte Glaubenssätze gingen im Zuge der Selbstermächtigung von Bord. „Mich mit Geld zu beschäftigen, macht mich nicht zu einer schlechteren Künstlerin – im Gegenteil, es gibt mir Freiheit“, hat Regen erkannt. Schon 2022 gründete sie ihr eigenes Label Nannerl, weil sie spürte, „dass die Musikindustrie Kommerz verwaltet, aber nicht Kunst.“ Nun beschäftigte sie sich intensiv mit ihrer Rolle als Leaderin, mit ihrem Marktwert, mit Teamstrukturen und Zahlen. „Klarheit zu haben, lässt mich bessere Entscheidungen treffen“, stellt sie fest.

Kunst sollte risikofreudig sein und gesellschaftliche Debatten anstoßen

Ina Regen

Ihr Blick auf die Bedingungen, unter denen Kunst in einem kleinen Markt wie Österreich entsteht, ist nüchtern, aber optimistisch. Streaming, sagt sie, mache nachhaltiges Wirtschaften „für die meisten Künstler unmöglich“. Wenn Kultur in der eigenen Sprache erhalten bleiben soll, brauche es Unterstützung „durch Subventionen, Radio-Quoten oder andere Modelle“.

Der Druck, stets liefern und gleichzeitig gefällig bleiben zu müssen, greift aus ihrer Sicht tief in die künstlerische Freiheit ein. „Kunst sollte risikofreudig sein und gesellschaftliche Debatten anstoßen.“ Doch wer vom Mainstream ökonomisch abhängig ist, überlegt genau, welche Themen er angreifen darf und wie spitz er formulieren darf.

Laut gegen das Patriarchat

Als eine der lauten feministischen Stimmen hierzulande weiß Ina Regen, wovon sie spricht: „Natürlich gehe ich das Risiko ein, dass Hörer sagen könnten: Wenn die Ina Regen die ganze Zeit was zu bekritteln hat, will ich die nicht im Radio hören. Trotzdem kann ich bei dem Thema nicht leise sein. Dann bin ich halt unbequem. Kunst ist politisch, ob man will oder nicht.“

Im Lied „Na is a ganzer Satz“ singt sie gemeinsam mit Yasmo davon („Auf amoi bin I für di schwierig, weil I Augenhöhe wü. Für a Frau bin I zu gierig. Des Gleiche is doch vü zu vü“).

Frauen, so beschreibt sie es, gelten in der Branche oft als schwierig oder stur, während dasselbe Verhalten bei Männern als Entschlossenheit oder Vision gelesen werde. „Würde ich es jedes Mal an mich ranlassen, wenn mir patriarchale Missachtung passiert, würde ich bis ans Lebensende mit dem Wunden lecken nicht fertig werden“, sagt sie.

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Ina Regen spricht sich klar gegen patriarchale Missachtung in der Musikbranche aus

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Eingebrannt hat sich dennoch der Moment vor ihrem Donauinselfest-Auftritt 2018. Unmittelbar vor dem Konzert wurde sie von einem Interviewer gefragt, wie es sich anfühle, für die „Frauenquote“ auf der Bühne zu stehen. „Das war ein Schock“, sagt sie, „dass jemand meint, ich bin nicht auf dieser Bühne, weil ich einen der größten Hits des Jahres geliefert habe, sondern weil ich eine Quote erfülle. Eine halbe Stunde vor einem Auftritt vor 80.000 Menschen musst du dich dann innerlich wieder aufrichten, damit du dir selbst glaubst, dass du auf diese Bühne gehörst.“

Und die Männer so leise

In der aktuellen Debatte um Macht missbrauch und sexuelle Gewalt in der Musikszene kritisiert Ina Regen das Schweigen vieler männlicher Künstler. „Männliches Schweigen ist keine neutrale Position. Das ist ein Wegducken aus der Verantwortung“, sagt sie. Angesichts der zahlreichen männlich dominierten Räume in der Musikbranche – von Bands über Tourbusse und Technikcrews bis zu Entscheidern, die die Bühnen vergeben – entstehe zudem der Eindruck, dass intern patriarchalem Machtmissbrauch nicht widersprochen wird, wenn sich im Außen auch niemand positioniert.

Es schmerzt die Künstlerin, wenn die Diskursarbeit, die emotionale Arbeit, wieder einmal die Frauen übernehmen sollen. „Es braucht mehr Männer, die aktiv gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Wenn Frauen immer selbst dafür zuständig sind, sich zu schützen, werden sie Männern zunehmend weniger vertrauen und die Spaltung wird größer. Das kann nicht im Interesse einer offenen Gesellschaft sein.“

Die Beziehungsarbeit romantisieren

Bei Ina Regen ist Liebe eine bewusste Entscheidung gegen den Sog der Verhärtung. „Ich möchte Liebe als Widerstand leben“, sagt sie. Auf gesellschaftlicher Ebene wie auch in der Paarbeziehung bedeute das eine Haltung, die man wähle. Immer wieder neu. Auch gegen die eigene Erschöpfung. Dass Liebe oft mit Harmonie gleichgesetzt werde, sei missverständlich, sagt Regen.

Sich immer wieder für die Liebe zu entscheiden, in jedem alltäglichen Moment, ist eigentlich ein großer widerständischer Akt

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„Ich würde gerne die gemeinsame Beziehungsarbeit romantisieren, nicht diese ersten sechs Monate mit den Schmetterlingen im Bauch“, meint sie. „Liebe ist es, wenn man einander wirklich sieht. Wenn es Reibung gibt und man trotz dem bleibt.“ Liebe ist dann nicht als exklusives Gefühl zu verstehen, sondern ein Prinzip. Weg von der Hollywood Romantik, hin zum erwachsenen Mut. „Sich immer wieder für die Liebe zu entscheiden, in jedem alltäglichen Moment, ist eigentlich ein großer widerständischer Akt“, formuliert es Ina Regen.

In einer Zeit, die Zynismus oft mit Klugheit verwechselt, ist diese Haltung durchaus Revolution.

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Steckbrief

Ina Regen

Ina Regen, bürgerlich Regina Mallinger, kam 1984 in Grieskirchen, Oberösterreich, zur Welt. Sie studierte Jazz- und Popgesang an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz, arbeitete als Gesangspädagogin und Sängerin bevor sie sich ab ihrer Dialektballade „Wie a Kind“ (2017) zur wichtigen Stimme der heimischen Musikbranche entwickelte. Die Alben „Klee“ (2018), „Rot“ (2021), „Was ma heut net träumen“ (2024) erreichten Platz 1 der Charts, 2019 erhielt sie den Amadeus Austrian Music Award für das Album des Jahres

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 18/2026 erschienen.

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