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20 Jahre Josefstadt: Föttingers langer und etwas zorniger Blick zurück

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Herbert Föttinger©Matt Observe

20 Jahre, in denen wenig falsch gemacht wurde. Der Schauspieler Herbert Föttinger wurde 2006 ein wegweisend innovativer und doch traditionsbewusster Josefstadt-Direktor. Mit Peter Turrini hat er begonnen, mit Turrini feiert er die letzte Premiere. Der Blick über zwei Jahrzehnte bringt Deutliches und auch Überraschendes: Ein Nebensatz in News hat einiges in Gang gesetzt.

Schauspieler, sagt der scheidende Direktor, seien eben flexible Menschen, wie auch die Zeitgeschichte unter viel schlimmeren Umständen bewiesen habe. „Ich kann das bis zu einem gewissen Grad verstehen. Es kommt eine neue Direktion, jeder muss schauen, wo er bleibt. Da spürt man schon gewisse Hinwendungen in eine andere Richtung, wenn der Wind dreht.“

Schauspielertypus Nummer zwei seien die Abwartenden, und Nummer drei, die Traurigen, sähen dem Auslaufen ihrer Verträge Ende Juni entgegen. „Die meisten waren ja sehr lange an diesem Haus, und plötzlich heißt es, es ist vorbei, und eine ganze Ära dazu.“

Fünf von ihnen proben gerade die letzte Premiere unter Föttingers Direktion, „Was für ein schönes Ende“ von Peter Turrini, dem Schutzheiligen der mehrheitlich glückhaften 20 Jahre. Die gekündigte Doyenne Marianne Nentwich sagt damit Adieu, die 25-jährige Juliette Larat, der legendäre Johannes Seilern, Ensemblestütze Ljubiša Lupo Grujčić. Und schließlich der Direktor selbst. Er und seine Frau Sandra Cervik sind zwei von etwa 30 Nichtverlängerten im Haus. Unter ihnen 18 Schauspieler, zu denen noch der freiwillig scheidende Bernhard Schir kommt.

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Herbert Föttinger im Gespräch mit News-Redakteur Heinz Sichrovsky

Zu Neuengagements der kompetenten Niederösterreicherin Marie Rötzer ist auch über interne Kanäle wenig zu erfahren. Verbindlich erwartet wird die Tirolerin Olivia Grigolli, derzeit Graz. Aber das Programm mit den Klassikern Schnitzler, Shakespeare, Nestroy, Molière und Tennessee Williams war an dieser Stelle schon in seinen Konturen nachzulesen. Klugerweise bleibt auch Peter Turrini mit der schon selbst klassischen Beaumarchais-Überschreibung „Der tollste Tag“ im Spiel.

Was Föttinger jetzt in der Regie des Polen Janusz Kica probt, ist die radikale Neufassung des vielleicht größten Misserfolgs im Leben des Weltdramatikers. Erzählt wird die wahnwitzige Lebensgeschichte des Mozart-Librettisten Lorenzo da Ponte.

„Nie mehr ein Haus“

Das Direktorenpaar wird dann schon den Frieden des gemieteten Hauses auf der ägyptischen Seite des Roten Meers genießen. Anschließend inszeniert Föttinger am Münchner Gärtnerplatztheater Gounods Romeo-und-Julia-Oper.

Die Übernahme einer Intendanz beliebiger Größenordnung schließt er leidenschaftlich aus, nachdem er seinerzeit schon als ministrabel für die Burg-Direktion erachtet wurde. Auch nichts Kleines käme infrage? Gmunden, von wo die emeritierte Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann soeben an die Spitze der mutwillig destabilisierten Salzburger Festspiele aufbrach? „Niemals!“ Der Direktor hat sich schon erkennbar die Charaktermaske des cholerischen Melancholikers Da Ponte übergezogen. „Ich gehe doch nicht von der Josefstadt weg und übernehme Gmunden! Soll ich mich dann mit 70 freuen, dass ich endlich in Perchtoldsdorf bin?“

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Nur eine bleibt. Maria Köstlinger (2. v. li) wird übernommen. Marianne Nentwich, Herbert Föttinger und Juliette Larat gehen.

 © Moritz Schell

Zeit der Denunzianten

Wie der erfolgreiche Markus Hinterhäuser politischerseits in Salzburg abmontiert wurde, und das unter Zuhilfenahme anonymer Anwürfe im „Spiegel“: Das kommentiert Föttinger mit Empörung, zumal er im Herbst 2024 selbst fast Opfer einer identischen Kampagne geworden wäre. Auch hier ging es um mangelndes Wohlverhalten infolge Probenschreiens und „Angstverbreitung“.

„Wenn man 20 Jahre Intendant ist, wird es schon passieren, dass man jemanden verletzt. Das tut mir auch sehr leid. Aber die anonymen Denunzianten, die tun mir nicht leid. Du kannst jemanden in einer verantwortungsvollen, wichtigen Position, in dem Fall meistens Männer, fertig machen, killen, töten. Und in Salzburg ist es schon sehr eigenartig“, kommt er auf den Anlassfall: Hinterhäuser selbst hatte, was sein Recht ist, Karin Bergmann als Schauspielchefin favorisiert. Das politisch besetzte Festspielkuratorium beschuldigte ihn daraufhin nebulos, Fristen nicht eingehalten zu haben, und ernannte just Karin Bergmann zur Interima, die das Chaos einfangen soll.

„Prinzip Niedertracht“

Föttinger: „Frau Bergmann hat es ganz gut zusammengefasst: ,Es ist eine Ungeheuerlichkeit, dass ich hier stehe.‘ Wenn man das Wort ,ungeheuerlich‘ googelt, kommt man ja auch auf Synonyme wie ,niederträchtig‘.“

Hätte er selbst in ihrer Situation übernommen, um den Festspielen zu helfen? „Nein, unter keinen Umständen, weil ich diesen Vorgang nicht nachvollziehen kann. Die ganze Welt“, kommt er auf das große Ganze jenseits des Anlasses, „ist umzingelt von einer gewissen Niederträchtigkeit. Medien können Dinge behaupten, die nicht der Wahrheit entsprechen. Man muss nur drunterschreiben, es gilt die Unschuldsvermutung. Oder sie schreiben drunter, sie hätten eidesstattliche Erklärungen. Da die aber anonym bleiben müssen, wird sie kein Mensch sehen. Alles ein gewaltiges Spiel mit Fake News.“

Die Kulturpolitik habe sich zuletzt selbst in verheerenden Zustand versetzt. „Seit Corona stellt man nur noch leere, verblasene Sätze in den Raum, nehmen Sie nur die Reaktion von Herrn Babler auf die Ereignisse in Salzburg. So geht es, wenn Menschen an politischen Hebeln sitzen, die keine Ahnung haben, was sie tun, und denen das auch ein bisschen wurscht ist.“

Blick über 20 Jahre

Womit es Zeit wird, das vorerst Bleibende zu reflektieren: die weder von Dilettanten noch von Denunzianten auslöschbaren 20 Jahre. Als Föttinger 2006 die Nachfolge des großen Helmuth Lohner antrat, wurde er medienseitig mit halblauter Herablassung willkommen geheißen: ein seit zehn Jahren maßvoll auffälliger Ensembleprotagonist in den Schuhen von Max Reinhardt und Otto Schenk?

Da sei ihm nur eine Frage mitsamt der alles entscheidenden Antwort geblieben, erinnert sich Föttinger, den der so schlaue wie einflussreiche Josefstadt-Geschäftsführer Robert Jungbluth ins Amt favorisiert hatte. „Ich hatte selbst meine Zweifel, also habe ich mir die Frage gestellt: Was mache ich besser als die anderen? Was ändere ich? Ändere ich überhaupt etwas?“

Als Erstes entschied er, die literarische Gegenwart ins Haus zu lassen: Die Ära Föttinger bilanziert heute, konkurrenzlos in dieser Hinsicht, mit 42 richtigen Uraufführungen von richtigen Dramatikern, unter ihnen neun von Turrini, fünf von Felix Mitterer, vier von Daniel Kehlmann, dazu riskante Hochqualität der jungen Österreicher Thomas Arzt und Lisa Wentz.

Die violett gefärbten Hofratswitwen im Publikum wurden belächelt, weil sie die Schauspieler geliebt haben, die belächelt wurden, weil sie in Inszenierungen waren, die auch belächelt wurden

Herbert Föttinger
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 © Matt Observe

Und dann dieser Satz, vom News-Gesprächspartner vor einer Ewigkeit leicht in den Raum geschrieben: Die Josefstadt, stand da zur Empörung der Apostrophierten, laboriere an einem „mediokren Ensemble“. Der Satz sei gesessen, sagt das damalige Ensemblemitglied Föttinger. „Wir fanden das sehr bösartig, weil wir uns nicht so empfunden haben. Aber irgendwas wird schon dran gewesen sein, und es wurde vielleicht eine Triebfeder meiner Intendanz. Weil ich das Gefühl hatte, dass die Josefstadt als solche belächelt wurde, und zwar seit langer Zeit. Die violett gefärbten Hofratswitwen im Publikum wurden belächelt, weil sie die Schauspieler geliebt haben, die belächelt wurden, weil sie in Inszenierungen waren, die auch belächelt wurden. Wir waren Underdogs. Weil wir doch angeblich medioker waren.“

Föttinger ging es zunächst über die Gäste an. Burg-Emeritus Claus Peymann, der das Konkurrenzhaus eine Schnarchbude genannt hatte, las gleich die ihn ins Gigantische karikierenden Bernhard-Dramolette. Und dann formierte sich organisch ein neues, exzellentes Ensemble. 2006, gibt Föttinger zu bedenken, hätte jeder Reinhardt-Seminarist auf Engagementsuche einen geräumigen Bogen um das Haus gemacht. Heute werden die spannendsten Jungen des Landes fast vollzählig von der neuen Direktorin verabschiedet.

Nach der Jahrtausendwende begann auch der Goldesel zu kränkeln: Das Zweithaus Kammerspiele, über Jahrzehnte Heimat des klassischen Schwanks in der Obhut der Olympier Ernst Waldbrunn, Ossy Kolmann, Elfriede Ott, Maxi und Alfred Böhm, marodierte zügig Richtung „Boeing Boeing“ und vergleichbarem Plastikboulevard. Föttinger reagierte tollkühn mit einer fabulösen „Dreigroschenoper“ und einem raren Ionesco unter dem alten Josefstadt-Verächter Peymann. Der dann auch am Haupthaus neben Andrea Breth die aussterbende Weltklasse aufrief.

Keine Freude mehr am Spielen

Deren Nimbus auch nur irgendwie aufrechtzuerhalten, werde heute zusehends kompliziert, kommt Föttinger, ein Identitätsstifter auch als inszenierender Schauspieler, auf die Sorgen der Gegenwart. Man dürfe ja als Regisseur nicht mehr laut werden, ohne sich in ein eventuell tödliches Wohlverhaltensdilemma zu begeben.

Und als Schauspieler? Nicht, dass er sich kategorisch aus dem Verkehr zu ziehen gedächte. „Aber eigentlich möchte ich im Moment überhaupt nirgendwo mitspielen, weil mich das nicht interessiert.“ Wie das? Föttinger verweist auf das nahe Volkstheater, wo, weitgehend akklamiert, Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ mit Dialogen im Walzertakt gezeigt wird. Fast alle Frauen werden von Männern gespielt, umgekehrt genauso.

So kommt es, dass der Zauberkönig, eine der pestigsten Altmännerrollen der Theatergeschichte, unter der Obhut einer Siebenundzwanzigjährigen quasi spurlos verschwindet. „Da nimmt man mir meinen Beruf. Ich bin ja alt geworden, um endlich diese Rollen zu spielen. Wenn uns das einer wegnimmt, bleiben nur die Haie in Ägypten.“

Und die Nachfolgerin

Der Spielplan der Nachfolgerin, von News nicht zur Freude Beteiligter skizziert? „Er schreckt das Publikum nicht ab, sondern lädt ein und hat einen Hauch von Positivität. Er ist nicht wahnsinnig riskant, aber vielleicht ist das ja klug“, übermittelt er ein zart vergiftetes Kompliment. Hier seien dauerhaft 7,8 Millionen einzuspielen, bei sprachraumweit schwer erreichbaren 30 Prozent Eigendeckung. Vor Corona sei man bei 38 gelegen, unerreichbar bis auf Weiteres.

Die Kündigungen? „Das ist jetzt überall so: Tabula rasa, wenn ein neuer Intendant kommt. Bei uns ist das halt ein bisschen ungewohnt gekommen.“

Letzte Frage zu einem, der nur noch Thema ist, wenn er mit Getöse ins nächste Verhängnis stürzt: Florian Teichtmeister stand schon beinahe als Föttingers Nachfolger fest, als sich die Abgründe seiner Biografie öffneten. Jüngst ging es noch ein Stück weiter abwärts, als er mitten in der Bewährungszeit auf dem Münchner Oktoberfest beim Kokainkonsum überrascht und daraufhin für mehrere Wochen in der Sonderstrafanstalt Mittersteig verwahrt wurde.

Und jetzt? Gibt es nach Verbüßung der Strafe einen Weg in ein gebahntes Weiterleben? „Am Theater glaube ich nicht. Das geht nicht mehr.“ Dagegen nehmen sich andere Verhängnisse bezwinglich aus.

„Ein fieberhafter Poet und Humanist“

Steckbrief

Herbert Föttinger

geboren
25.07.1961
Geburtsort
Wien

Geboren am 25. Juli 1961 in Wien, begann er schon während der Gymnasialzeit in Jugendtheatergruppen und kam über kleinere deutsche Bühnen nach Graz, schließlich an Emmy Werners Volkstheater. Otto Schenk holte ihn an die Josefstadt, wo er sich zum Protagonisten und Regisseur profilierte. 2006 übernahm er das Haus überraschend von Helmuth Lohner.

Seine zwanzigjährige Direktionszeit war durch Uraufführungs- und Publikumsrekorde, die Sanierung der beiden Spielstätten und zuletzt harte Attacken gekennzeichnet. Die Direktion endet im Juni 2026, auf Föttinger folgt Marie Rötzer, derzeit St. Pölten. Föttinger ist mit der Schauspielerin Sandra Cervik verheiratet, sie haben einen Sohn und leben in Wien.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 17/2026 erschienen.

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