Der Theatermann Paulus Manker schuf mit dem Stationendrama „Alma“ anno 1996 ein Ereignis, das fortan jährlich die Welt umrundete. Das verfallende Schloss Neugebäude in Wien-Simmering wäre der ideale Schauplatz für die Wiederaufnahme. Manker hat ein Nutzungskonzept samt Finanzierung vorgelegt, scheitert aber laut eigener Aussage an der nebulosen Ausschreibung.
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Das Datum gäbe Anlass für die Würdigung eines herausragenden Kapitels jüngerer österreichischer Theatergeschichte: Vor 30 Jahren, am 29. Mai 1996, brachte Paulus Manker das Stationendrama „Alma“ als Festwochenpremiere im Sanatorium Purkersdorf zur Uraufführung. Die Lebensreise der Ehefrau Gustav Mahlers, Walter Gropius’ und Franz Werfels erwies sich als etwas aufregend Neues und faszinierte seither Hunderttausende Besucher. Gespielt wird auf mehreren Stationen gleichzeitig, das Publikum kann entscheiden, welche Szenen es verfolgen will. Elementar verkörpert Autor und Regisseur Manker bis heute den Maler Oskar Kokoschka, der Alma bis zum Wahnsinn verfallen war.
Ein Welterfolg ist obdachlos
Manker reiste mit der Produktion um die Welt, an Orte, wo die legendenumwobene Emigrantin selbst gelebt hatte. Man stemmte Aufführungen in Venedig, Lissabon, Los Angeles, Berlin, Jerusalem. Über Jahrzehnte verging kaum ein Sommer, in dem „Alma“ nicht irgendwo gezeigt wurde. Bis die ausverkaufte Serie im Südbahnhotel auf dem Semmering 2023 im gerichtsnotorischen Eklat mit dem Hoteleigner endete.
In Wien verweigert man uns die Chance, in einem noch dazu brachliegenden Schloss, das ein wahrer Schatz ist, unser Jubiläum feiern zu können
Seither ist „Alma“ obdachlos und der bekannt aufbrausende Theatermann auf der Suche. Dabei wäre jetzt das Jubiläum zu feiern, und Manker wüsste auch die ideale Immobilie, die noch dazu im Eigentum seiner Heimatstadt Wien steht. „Wir haben, wo immer wir auch waren, in jeder Stadt auf drei Kontinenten, die tollsten und schönsten Gebäude für
,Alma‘ gefunden. Das waren Palazzi, Filmpaläste, historische Industriehallen, Klöster und Kirchen. Nur in Wien verweigert man uns die Chance, in einem noch dazu brachliegenden Schloss, das ein wahrer Schatz ist, unser Jubiläum feiern zu können.“
Ein idealer Aufführungsort
Dieser Schatz ist Schloss Neugebäude in Wien-Simmering und wird von der Gemeinde an private Nutzer vergeben. Vor der verfallenden Immobilie, deren Bau der Habsburger Maximilian II. 1569 initiierte, träumt ein Garten mit Platanen, verwitterte Holztiger und anderes Getier bewohnen den Kinderspielplatz. Vom bisherigen Nutzer wurden lediglich im Jahr 2000 zwei lange Schläuche im Erdgeschoß für Jugendtheateraufführungen, Weihnachtsmärkte und Ritterspiele saniert. Der Hof wurde im Sommer zum Freiluftkino.
Hier sah Manker seinen idealen Aufführungsort. Womit ein Hindernis-Parcours vom Schlimmsten begann.
Im November 2025 erfuhr er von der Neuvergabe des Schlosses. Umgehend fragt er bei der zuständigen Vizebürgermeisterin Kathrin Gaál um Zwischennutzung bis Sommer 2026 an. „Schon damals habe ich zugesagt, 100.000 Euro ins Neugebäude zu investieren und das gesamte Schloss endlich umfassend veranstaltungstauglich zu machen.“ Mit Hinweis auf ein bevorstehendes „transparenten Verfahren“ habe Gaál das Ansuchen abgelehnt. „Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, uns wenigstens im ersten Halbjahr 2026 unser Jubiläum veranstalten zu lassen und danach einen neuen Benützer zu bestimmen.“


Schloss Neugebäude im heutigen Zustand
© Matt ObserveSein Programm bis 2029
Das Vergabeverfahren wurde der Rechtsanwaltskanzlei Schramm-Öhler überantwortet. Am 19. Jänner schickte Manker dort ein 48 Seiten umfassendes Konzept für fünf Jahre ein, das News vorliegt. Detailliert führt er aus, wie bisher ungenutzte Räumlichkeiten, etwa der imperiale Reitstall, dem Publikum zugänglich gemacht werden könnten. Bis zu den Künstlergarderoben ist alles durchgeplant. „Auch hier mit der Zusage, 100.000 Euro in das Neugebäude zu investieren, für Instandsetzung, Elektrifizierung und Notbeleuchtung. Alle diese Investitionen wären dort verblieben und daher der Stadt Wien zugute gekommen.“
Die Planung für fünf Jahre nimmt sich attraktiv aus. 2027 würde die gefeierten Inszenierung der Weltkriegsapokalypse „Die letzten Tage der Menschheit“ gezeigt, 2028 via Neuproduktion König Artus’ Tafelrunde in Simmering heimisch gemacht und 2029 Mankers „Wagnerdämmerung“ aus dem Jahr 2013 wiederaufgenommen.
Unklarheit statt Transparenz?
Dann aber sei das Verfahren undurchsichtig geworden. Am 2. Februar fragte Manker vorsorglich nach, ob sich an der Ausschreibung etwas geändert habe. Eindeutige Antwort: „Eine neuerliche Abgabe ist nicht notwendig.“
Also alles klar soweit? Keineswegs. Am 26. Februar 2026 erfährt Manker, dass die nächste Phase eingeleitet worden und ein Vergabeverfahren für den Abschluss eines Benützungsübereinkommens bekanntgemacht worden sei. Wer, so sagt er, würde da annehmen, dass er sein seit Monaten vorliegendes Konzept nochmals einreichen müsse?
Kathrin Gaál zieht sich im März aus ihren Ämtern zurück. Manker wendet sich wegen der Zwischennutzung für „Alma“ an ihre Nachfolgerin Elke Hanel-Torsch. Sie lässt ihm eine Absage zukommen: Die MA34 könne „aufgrund des laufenden Auswahl- und Entscheidungsverfahrens zur Findung eines Partners für eine zukünftige Nutzung des Schlosses einer temporären und kurzfristigen Zwischennutzung nicht zustimmen“.
Was von Gaál als „transparentes Verfahren“ angekündigt wurde, schafft per heutigem Stand vor allem Verwirrung. So ist der „Markterkundung“ Folgendes zu entnehmen: „Die Interessenten, die eine Interessenbekundung abgeben, werden bei Bedarf gesondert von der AG zu einem Informationsgespräch eingeladen.“ Und: „Die AG* behält sich vor, im Zuge eines allfälligen zukünftigen Auswahlverfahrens die Interessenten um Vorlage eines Konzepts zu ersuchen.“
AG ...
... bezeichnet die Auftraggeberin des Vergabeverfahrens, die MA34 für Bau- und Gebäudemanagement
Verstummt Alma im 30. Jahr?
Manker dazu: „Ich habe dann am 3. April angefragt, wann man erfährt, ob man zur Legung eines Angebots eingeladen wird und wer entscheidet, wer zur Legung eines Angebots in der 2. Stufe eingeladen wird. Auf diese Fragen habe ich von Schramm & Öhler nie eine Antwort bekommen.“ Bis ihn die Anwaltskanzlei am 24. April auf sein Drängen informierte, dass er am Vergabeverfahren nicht teilnehmen könne. Warum? Er hätte dazu „Mindestanforderungen an die technische und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit“ erfüllen und Nachweise übermitteln müssen, „aus denen die Erfüllung dieser Anforderungen hervorgehen (sic!)“.
Ich bin erschüttert, dass einem nach 30 Jahren Erfolg, an dem ja die Stadt Wien nicht ganz unbeteiligt war, jede Unterstützung entzogen wird

Genau jene habe er aber in seinem 48-seitigen Konzept ausreichend dargelegt, empört sich Manker. „,Alma‘ ist die erfolgreichste Theateraufführung der österreichischen Nachkriegsgeschichte, gemessen an Laufzeit, Aufführungsanzahl und Spielorten. Jede andere Stadt der Welt würde alles daransetzen, dass diese Erfolgsgeschichte weitergeht und auch entsprechend gefeiert werden kann. Ich bin erschüttert, dass einem nach 30 Jahren Erfolg, an dem ja die Stadt Wien nicht ganz unbeteiligt war, jede Unterstützung entzogen wird.“
Das Verfahren wirkt jedenfalls nur begrenzt überschaubar. Einerseits soll das Schloss explizit „kulturellen Zwecken und Veranstaltungszwecken dienen, die primär für die Öffentlichkeit zugänglich sind“. Andererseits heißt es: „Eine Verpflichtung zur Abhaltung von Veranstaltungen wird nicht vorgesehen sein.“ Manker vermisst zudem Auskunft über die Anzahl der Bewerber und über die Vergabekriterien.
Sein Schlusswort ist bitter: „Bürgermeister Michael Häupl hat uns in all den Jahren unermüdlich unterstützt. Ob wir in Los Angeles waren, in Jerusalem oder in Lissabon, in Venedig oder in Berlin, die Stadt Wien war immer unser treuester und verlässlichster Unterstützer.“ Dass nun ausgerechnet Simmering unerreichbar sein soll, ist zumindest eigenwillig.
Schloss Neugebäude
Der Habsburger Maximilian II. initiierte den Bau 1569 an jenem Ort, an dem Sultan Süleyman während der ersten Türkenbelagerung seine Zeltburg errichtet hatte. Die Fertigstellung erlebte Maximilian nicht. 1922 kam das Schloss in den Besitz der Stadt Wien. Im Zweiten Weltkrieg wurden dort von Häftlingen des Konzentrationslagers Mauthausen Zwangsarbeiten verrichtet. Nun wird die Nutzung des verfallenden Juwels ausgeschrieben.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 18/2026 erschienen.






