Mozarts „Idomeneo“ feierte in Innsbruck Premiere: Regisseur Henry Mason verlegte den Mythos ins 20. Jahrhundert. Das Publikum reagierte mit großem Applaus und Stehovationen.
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Die Oper „Idomeneo“ von Wolfgang Amadeus Mozart hat Samstagabend im Großen Haus des Tiroler Landestheaters in der Regie von Henry Mason und unter der musikalischen Leitung von Gerrit Prießnitz Premiere gefeiert. Die Inszenierung des etwas im Schatten der späten Mozartopern stehenden Werks verlegte den mythologischen Stoff sowie die Mozart-Ausschmückungen ebenjenes kurzerhand in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Das Publikum reagierte mit euphorischem Applaus und Stehovationen.
Die Mozart-Oper war tatsächlich eine dankbare und denkbar gute Steilvorlage, um diese auf den ersten Blick durchaus gewagte „Zeitreise“ zu vollziehen. Sie steht nämlich ohnehin bereits seit jeher zwischen den Zeiten und den Stühlen: 1781 uraufgeführt und irgendwo im Nirgendwo zwischen klassizistischen Rückgriffen auf antike Werke und Werte und Aufklärung pendelnd, trat in „Idomeneo“ auch zugleich noch der typische, vorlaute Aberwitz von Mozart ins Opern-Rampenlicht. Wer sich also damals eine werkgetreue Abhandlung des Stoffes rund um den blutigen trojanischen Krieg erwartete, wurde enttäuscht.
Bildgewaltige Videoarbeit und Regie erschufen "Zwischenwelt"
Diese Unbestimmtheit in Bezug auf die Form und Ausgestaltung der Oper, diese Aufbruchsstimmung und dadurch entstehenden Zwischenräume hat der in Großbritannien geborene, aber in Österreich lebende Mason in seiner ersten Regiearbeit am Tiroler Landestheater wahrlich zu seinen Gunsten genutzt. Unterstützt von der bildgewaltigen, präzisen Videoarbeit von Sven Stratmann und der Kostümkunst von Jan Meier erschuf er für „Idomeneo“ eine beeindruckende, leicht mythisch und in Teilen traumwandlerisch anmutende Welt.
Trotz klarer Anspielungen - erste schwarz-weiß Fernseher, Mode-Codes oder etwa zeitlich recht klar eingrenzbare, historische Mikrofone und Kameras - ließ sich diese Welt nur schwer greifen. Es war eine halb-mythische Zwischenwelt, die zugleich verortet, aber dennoch überaus offen für Interpretationen blieb. So gelang die Quadratur des Kreises: Der mythologische Stoff, bei dem der König Idomeneo seinen Sohn Idamante opfern soll, um den Meereskönig Neptun zu besänftigen, war präsent, aber streckenweise überschrieben mit Neudeutungen und für die Oper „fremden“ Zeitbezügen. Das öffnete das Werk jedoch auf eindrucksvolle Weise und ließ die Kraft des „Urstoffes“ nur umso stärker zum Vorschein kommen.
„Diktator“ Neptun, starkes „Happy End“
In der Innsbruck-Inszenierung war Neptun etwa nicht nur - wie in der Oper angelegt - gnadenloser Gott, sondern auch skrupelloser Kriegstreiber und hartherziger Diktator. Neben dieser kraftvollen Rolle, die mit wenigen Gesangsparts auskam, wirkte die kleine Liebesgeschichte rund um Idamante, der gleichzeitig von Ilia und Elettra begehrt wurde und die letzten Endes auch zu einer Art Happy End führte, fast schon trivial. Aber auch sie hatte ihre klare Funktion und eine allzu deutliche Aussage: Liebe ist stärker als der Krieg. Die „Kampfzonen“ befanden sich damit auf mehreren Ebenen: Zwischen den Zeiten und universell gültig und nicht zuletzt im Zwischenmenschlichen.
Getragen wurde die mehr als gelungene Regiearbeit von Mason dabei von einem auf hohem Niveau, kräftig und zupackend und doch glasklar musizierendem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck und einer durchwegs starken Sängerinnen- und Sänger-Riege, allen voran von Dovlet Nurgeldiyev als Idomeneo, Camilla Lehmeier in der Hosenrolle als Idamante, Anastasia Lerman als Ilia und Publikumsliebling Susanne Langbein als Elettra. Eindrucksvoll auch „Neptun“ Oliver Sailer, der größtenteils wortlos mit schierer Präsenz glänzte.
Für ebenjene sowie für den Regisseur Mason und den musikalischen Leiter des Abends Prießnitz gab es heftige, lang anhaltende Beifallsbekundungen im fast ausverkauften Großen Haus. Diese mündeten schließlich in fast kollektiven Stehovationen.





