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Spitzentöne: Intrigen gegen Hinterhäuser: albern und gefährlich

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Heinz Sichrovsky

©Bild: Matt Observe

Die Salzburger Festspiele sind glänzend besucht und werden, wie ihr Intendant Markus Hinterhäuser, mit Ehren überhäuft. Aber ein offensichtlich alberner Konflikt um die Theaterchefin soll zur Affäre aufgebläht werden. Es wäre nicht der einzige Katastrophenfall der vergangenen Jahrzehnte.

Das Archiv lässt mich im Stich. Ich finde nicht mehr heraus, wann ich das Salzburger Dilemma erstmals in eine giftige Pointe gefasst habe. Kurz nach der Jahrtausendwende könnte es gewesen sein, als die Ära Peter Ruzicka, eine der glänzendsten der Festspielgeschichte, nach vier Jahren am politischen Dilettantismus zerschellt ist (ich erzähle Ihnen im Verlauf dieser Kolumne noch die Details). Die Geschicke Mozarts, Verdis und Richard Strauss’, so schrieb ich damals, lägen wieder einmal in den Händen von Provinzwoiwoden und Kleinstadtschulzen.

Ich erzähle Ihnen das ausdrücklich nicht, weil ich etwa glaube, dass sich im Augenblick wieder eine solche Besetzung am weltführenden Hochkulturfestival zu schaffen macht. Vielmehr habe ich die nunmehrige Landeshauptfrau Edtstadler (ÖVP) schon als Ausreißerin in der unglücklichen Kurz-Partie geschätzt.

Und den Bürgermeister Auinger (SPÖ) kenne ich schlicht nicht. Aber wie sie dem Festspielintendanten Markus Hinterhäuser zuletzt aus läppischen Gründen die „Gelbe Karte“ präsentiert haben, nicht ohne drohend auf die politisch besetzte Kuratoriumssitzung vom 26. Februar zu verweisen: Das gefällt mir nicht.

Eigeninteressenten aus der Festspielnomenklatura und Krakeeler dienen sich der Politik an

Was geschehen ist, verdient kaum die Erwähnung: Demnächst soll die neue Schauspielchefin der Festspiele bekanntgegeben werden. Ihre Auswahl obliegt einzig dem Intendanten, dennoch wurde ausgeschrieben. 23 sollen sich beworben haben. Es ist allerdings eher ungewöhnlich als ausgemacht, dass sich große Kaliber offensiv bewerben. Sie werden vielmehr diskret in den Ernennungsvorgang eingeschleust, um am Ende mit Glück auch bestellt zu werden.

Idealbesetzung Bergmann

Den Namen haben diesfalls kundige und informierte Kollegen herausgefunden: Die frühere Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann verkörpert in der Tat Idealformat, nachdem die Vorgängerinnen Bettina Hering und Marina Daydova eine Spur der Verwüstung hinterlassen haben. Dazu befragt, versicherte der Intendant Karin Bergmann seiner höchsten Wertschätzung. Worauf sie allseits als Favoritin geführt wurde. Deshalb sei das gesetzlich gar nicht vorgeschriebene Auswahlverfahren unterlaufen worden, eine Lächerlichkeit für jeden Kundigen.

Vielmehr sieht man plastisch vor sich, wie die einschlägig noch nicht eingearbeitete Politik hier instrumentalisiert werden soll: von Eigeninteressenten aus der Festspielnomenklatura, die mit Kunst nur peripher befasst sind, von Ohrenbläsern und Krakeelern, die sich als Experten andienen – man könnte sie alle mit Namen nennen.

Ehe ich Ihnen nun erzähle, weshalb ich Hinterhäuser für unersetzbar halte (und keineswegs nur, weil demnächst der alle Kräfte erfordernde Umbau des Festspielbezirks beginnt), lassen Sie mich ins Jahr 2004 zurückspringen.

Die Katastrophe vor 22 Jahren

Damals wurde bekannt, dass die Vertragsverlängerung des Festspielintendanten Peter Ruzicka nach dem Mozart-Jahr 2006 politischerseits nicht beabsichtigt sei. Die Begründung hätte alberner nicht sein können – Ruzicka habe bei einem kleinen Festival im benachbarten Bayern einen Vortrag gehalten. In Wahrheit war der SPÖ-Bürgermeister Schaden u. a. beleidigt, weil (glauben Sie es oder nicht) Landeshauptmann Schausberger (ÖVP) in einem Interview mit mir Ruzickas Verlängerung angekündigt hatte. Schausberger wurde abgewählt, ihm folgte Gabi Burgstaller (SPÖ), und vorbei war es mit Ruzicka.

Der wiederum schlug schon am ersten Abend seiner kurzen Intendanz ein: In einem atemberaubenden, heute historischen „Don Giovanni“ wurde Anna Netrebko entdeckt. Nach ihr taten Jonas Kaufmann, Nina Stemme, Elina Garanca und Anja Harteros via Salzburg den Schritt in die Weltelite. Mehr ging damals nicht, der kongeniale Besetzungsdirektor Josef Hussek schrieb kapitelweise Geschichte und füllte Ruzickas exzellentes Konzept mit vokaler Weltklasse.

So. Kaum wurde Ruzickas Nichtverlängerung ruchbar, begann ein Chaos von neun Jahren: Burgstaller verhinderte so lang jeden qualifizierten Kandidaten, bis Schauspielchef Jürgen Flimm einsprang. Er ging alsbald im Konflikt, ebenso sein Nachfolger Alexander Pereira. Nach zweijährigem Kriseninterregnum durch Präsidentin Rabl-Stadler und Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf übernahm 2016 Hinterhäuser.

Maßstabsetzer Hinterhäuser

Und er setzt seither – bei selbstverständlichem fallweisem Misslingen – Jahr für Jahr Maßstäbe. In glückhafter Symbiose mit dem Regisseur Romeo Castellucci wurde Asmik Grigorian als Triumphatorin einer „Salome“-Produktion entdeckt. Produktionen wie „Così fan tutte“, Weinbergs „Idiot“, Martinus „Griechische Passion“, Donizettis „Maria Stuarda“ wurden serienweise prämiiert. Inmitten des pandemischen Untergangs warfen die Festspiele ein helles Licht über die verzweifelnde Branche. Hinterhäuser selbst empfing kürzlich eine der höchsten französischen Ehrungen, die Festspiele sind trotz des herausfordernden Programms ausverkauft.

Außerdem hat Hinterhäuser persönlich den fabulösen neuen „Jedermann“ erfunden, und das von ihm interimistisch erstellte Schauspielprogramm des kommenden Sommers ist das spannendste seit Jahrzehnten.

PS.: Sollten Sie nicht mehr wissen, was aus Bürgermeister Schaden und Landeshauptfrau Burgstaller wurde, bemühen Sie bitte die Suchmaschine Google. Und ohne Sie „triggern“ zu wollen: Schönes werden Sie nicht zu lesen bekommen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 07/2026 erschienen.

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