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Ein Grübler unter machtgeilen Hedonisten: „Hamlet“ in der Josefstadt

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©Moritz Schell

Stephan Müller inszeniert den Shakespeare-Klassiker im düsteren Setting mit konventionellen Mitteln - Claudius von Stolzmann überzeugt als schon recht erwachsener Dänenprinz.

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Gleich zwei Mal serviert Herbert Föttinger dem Josefstadt-Publikum in seiner letzten Saison Shakespeare. Auf Josef E. Köpplingers pompösen Sommernachtstraum im Herbst folgte nun am Mittwoch ein düsterer, entschlackter, am Ende aber doch äußerst konventioneller Hamlet in der Regie von Stephan Müller. Claudius von Stolzmann legt seinen Dänenprinzen mit wehendem Haar als besonnenen Grübler an, der den Akt des Sprechens - bis zum letzten Atemzug - zur Erkenntnisfindung nützt.

Hamlet in Wien, das war in den vergangenen Jahren vor allem die Erinnerung an Andrea Breths sechsstündigen, düsteren Polit- und Psychothriller mit August Diehl im Jahr 2013 am Burgtheater. Doch dann kam im Herbst 2024 Karin Henkel zu Beginn von Stefan Bachmanns Burg-Direktion ans Haus und ergründete die Innenwelt Hamlets mit nicht weniger als fünf Akteurinnen und Akteuren (darunter Katharina Lorenz und Benny Claessens) und stellte ganz nebenbei auch noch die Inszenierbarkeit des Klassikers zur Diskussion.

Mit Stephan Müllers knapp dreistündiger Inszenierung steht nun wieder eine auch für Schulen geeignete Deutung auf dem Programm, die sich stark auf die Haupthandlung konzentriert und Nebenstränge lediglich andeutet.

Tödliche Intrigen an einem dunklen Ort

Das Helsingör von Bühnenbildnerin Sophie Lux ist ein düsterer Ort mit einsam wehender Dänemark-Flagge, der mit wenig Mobiliar auskommt und mithilfe von für beeindruckende Projektionen genützten Zwischenvorhängen und aus dem Schnürboden fahrenden, streng geometrischen Wandpaneelen ein zeitloses Setting schafft, in dem das von Birgit Hutter sehr heutig eingekleidete royale Personal seine tödlichen Intrigen spinnt. Der 45-jährige Claudius von Stolzmann ist hier ein bereits recht erwachsener Hamlet, der lange den Versuch unternimmt, seine Verzweiflung über den Tod des Vaters wegzuphilosophieren. Damit steht er in starkem Kontrast zu seiner nicht viel älter wirkenden Mutter Gertrud und deren neuem Ehemann Claudius: Martina Stilp, die am Freitag ihren 53. Geburtstag feiert, und Daniel Jesch (51) geben ein hedonistisch angehauchtes Paar, dem man die Lenkung eines Staates nicht so recht zutrauen will.

Gemeinsam mit Hamlet bilden das dominante Trio des Abends, während die restlichen Figuren (oft in Mehrfachbesetzungen wie Martin Niedermair und Tobias Reinthaller als Rosencrantz und Guildenstern) von der Regie zu wenig Aufmerksamkeit bekommen haben. Etwas blass an von Stolzmanns Seite bleibt Dominic Oley als Hamlets Freund Horatio, Niedermair verkörpert als Laertes in seinem goldenen Anzug den nach Macht strebenden Nachwuchs und den fürsorglichen Bruder von Ophelia. Johanna Mahaffy - in eine hässliche weiße Felljacke gezwängt und mit zu kleinen Knoten auf den Kopf gedrehten Haaren - kann der Rolle der unglücklich Verliebten nur wenig Profil verleihen und bleibt an dem von viel statischem Spiel geprägten Abend hinter ihren Möglichkeiten.

Der Geist von Hamlets Vater als projizierte Erscheinung

Ausgerechnet der beklemmendste Auftritt kommt vom Band: Wer gehofft hat, Johannes Krisch leibhaftig als Geist von Hamlets Vater auf der Bühne zu sehen, wird enttäuscht. Er bleibt im wahrsten Sinne eine Erscheinung: In starker weißer Schminke und digital verzerrt spricht er im Großformat als Projektion von der Bühnenrückwand und raunt Hamlet die Wahrheit über seinen Tod zu - und entschwindet so rätselhaft, wie er aufgetaucht ist. Im daraufhin von Hamlet ersonnenen Schauspiel, mit dem er Claudius des Mordes überführen will, schlüpft von Stolzmann selbst hinter einer überdimensionalen Maske in die Rolle des Mörders. Doch die Enttarnung geht seltsam emotionslos über die Bühne.

Viel Liebe zum Detail steckt unterdessen in der Friedhofsszene, in der Marcello De Nardo hüfttief im Grab des Hofnarren Yorick steckt und Hamlet dessen Schädel achtlos wie einen Ball in die Hände spielt. Etwas zu lang geraten ist hingegen das ausführliche Duell mit Laertes, in dem Niedermair und von Stolzmann demonstrieren, dass sie den Fechtkampf (Kampfchoreografie: Martin Woldan) meisterhaft beherrschen. Da gerät das Sterben Gertruds - auch räumlich - in den Hintergrund und wer in der Hitze des Gefechts wen umbringt, bleibt offen. Am Ende geht die einsame Flagge Dänemarks jedenfalls in Flammen auf. Das Publikum quittierte den mit einigen Längen wenig mitreißenden Abend mit freundlichem Applaus. Wien hat nun also einen zweiten Hamlet.

Wer Lust auf einen direkten Vergleich hat, hat am 1. März noch im Burgtheater die Möglichkeit.

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