Tiroler Fotograf Gregor Sailer dokumentiert in „Cockaigne. Schlaraffenland der Zukunft?“ futuristische Labore und Hightech-Industriehallen, aber auch Beispiele natürlicher Produktion.
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Anschauliche Beispiele für eine mögliche Nahrungsmittelproduktion der Zukunft liefert bis 19. Juli eine kleine Ausstellung im Naturhistorischen Museum Wien (NHM). „Cockaigne. Schlaraffenland der Zukunft?“ heißt die Schau des 1980 geborenen Tiroler Fotografen Gregor Sailer, der für ein Langzeitprojekt Zugang zu futuristischen Laboren und Hightech-Industriehallen bekommen hat. In ihnen wird mit Arten der Ernährung experimentiert, die eher gespenstisch als genussvoll wirken.
Essen wir künftig Blaualgen und Mehlwürmer statt Schweine-, Rind- und Hühnerfleisch aus Massentierhaltung? Auf derartige Prognosen wollte sich Sailer am Dienstag bei einem Pressegespräch nicht einlassen. „Ich glaube, es muss in Zukunft eine Kombination geben. Es muss sicher nachhaltiger produziert werden, sonst geht sich das nicht mehr aus.“
Er wolle aber keine Kommentare und Bewertungen zu dem von ihm mit analoger Großformatkamera Dokumentierten abgeben. „Ich bin nicht der, der sagen kann, was die beste Lösung ist, aber ich kann Möglichkeiten aufzeigen. Ich bin kein Wissenschafter, aber ich kann Türen aufmachen. Mir ist sowohl die narrative wie die formalästhetische Ebene wichtig. Das funktioniert auch nur in Kombination. Bestenfalls entsteht so eine Plattform, auf der ein Diskurs stattfindet“, sagte er und bat, sich Zeit zu nehmen, „diese Bilder zu lesen“.
Inhaltliche und ästhetische Aspekte
Dass die Bilderwelten von Massentierhaltung und Monokulturen „fotografisch und thematisch abgearbeitet“ seien, sei ein Mitgrund gewesen, sich ganz auf die im Erprobungsstadium befindliche weitere Zukunft zu konzentrieren. Die Betonung des künstlerischen Aspekts seiner Arbeit helfe ihm - neben Hartnäckigkeit und Konsequenz - auch bei der Erhaltung von Fotografiergenehmigungen für die oftmals wie militärische Komplexe abgeschirmten Anlagen, sagte Sailer, der auch zugab: „Das ganze Material unterliegt der Zensur. Ich kann und würde nichts ohne Freigabe veröffentlichen.“
Er habe auch immer Begleitung beigestellt bekommen, zeige aber aus ästhetischen Gründen menschenleere Hallen. „Das hat nichts damit zu tun, dass ich Menschenfeind bin oder hier keine Menschen arbeiten, aber es steigert den surrealen Grundcharakter, die dystopische Atmosphäre, die hier mitschwingt.“ Zudem sei er durch seinen Vater, einen Architekten, schon von klein auf von Architektur fasziniert.
Karin Vohland, die Generaldirektorin und wissenschaftliche Geschäftsführerin des NHM, sind naturgemäß die inhaltlichen Aspekte wichtiger, möchte sie doch mit der Arbeit ihres Hauses Debattenbeiträge zu aktuellen Themenstellungen liefern. Cockaigne sei ein alter französischer Begriff für das Schlaraffenland, das man sich in ihrer Kindheit als Leben im Überfluss vorgestellt hab, bei dem einem gebratene Hühner in den Mund fliegen. Mehrere Revolutionen in der Geschichte der Landwirtschaft hätten zu immer höheren Erträgen geführt, die aber stets auch ihren Preis gehabt hätten. Ausbeutung der Ressourcen, hoher Energie- und Flächenbedarf beschleunigten die Suche nach alternativen Lösungen. „Einen Teil dieser Lösungen finden Sie in diesem Raum“, sagte Vohland.
Risiken und Ambivalenzen
Im Vorwort der begleitenden informativen Broschüre weist sie auf die Risiken und Ambivalenzen der gezeigten Ansätze hin: „Es handelt sich um genetisch einheitliche Monokulturen. Und auch der Betrieb der Rechenzentren braucht Rohstoffe und Energie. Unklar ist außerdem die Auswirkung auf Allergien, wenn Menschen mit weniger natürlichen Substanzen in Kontakt treten; und wahrscheinlich käme es zu einer weiteren Entfremdung von Prozessen der Nahrungsmittelproduktion.“
Sailer, der auch bei der Langen Nacht der Forschung am 24. April über seine Arbeit sprechen wird und das NHM „einen spannenden, einen idealen Ort“ für seine Ausstellung nannte, zeigt in seinen wie komponiert wirkenden Fotos aber nicht nur automatisierte Quallen-, Insekten- und Algenfarmen, futuristisch wirkende Gewächshäuser oder Labore, in denen Pflanzenproduktion für Arktis, Mond oder Mars erprobt wird, sondern auch Gegenwelten, in denen die Natur noch nicht der Hochtechnologie gewidmet ist. „Mich nur an der Hightechlandschaft zu bewegen, wäre nur an der Oberfläche zu kratzen.
Die Randzonen sind genauso wichtig“, erklärte er die „filmische Dramaturgie“ seiner Ausstellung, die in einem Flüchtlingscamp in Kenia, in dem menschliche Ausscheidungen als Dünger genützt werden, und einem alten „Food Forest“ im Atlas-Gebirge endet. Wichtig sei ihm ein „positiver Blick in die Zukunft“ gewesen, sagte der Fotograf. Die von ihm 2023 fotografierte Algenfarm in Bruck an der Leitha habe wenige Monate nachdem er sie fotografiert habe, übrigens wieder geschlossen. „So viel zur Nachhaltigkeit ...“






