Mit 80 hat Helen Mirren eine neue Rolle gefunden: Zwischen Dreharbeiten für „MobLand“ und „The Thursday Murder Club“ rettet sie in ihrer zweiten Heimat Apulien Olivenbäume. Bei einem Mittagessen erzählt sie von ihrer neuen Leidenschaft.
von
Michael O'Dell
*Zuerst erschienen in „The Times Magazine“ am 6. 5. 2026, veröffentlicht unter Lizenz © The Times Magazine / News Licensing
Der Tag vor dem Interview war ein langer Arbeitstag für Helen Mirren. Trotzdem erscheint sie frisch, gut gelaunt und sonnengebräunt beim Mittagessen. „Ich habe Johnny Flynn gequält“, sagt Mirren über den jüngeren Schauspielkollegen. „Danach habe ich herrlich geschlafen. Wie ich feststellen muss, hat es etwas Belebendes eine durch und durch schlechte Person zu spielen.“
Der gestrige Drehtag war der letzte für Guy Ritchies Dramaserie „MobLand“, in dem sie Maeve Harrigan spielt, die unbarmherzige Chefin eines Londoner Verbrechersyndikats. „Sie ist eine richtige Bitch, ich habe viel Spaß mit ihr“, sagt Mirren. „Eine falsche Bewegung und Maeve lässt dich dafür zahlen.“
Die KI-Stimme in den USA begrüßt mich bei der Einreise immer mit: ,Willkommen zurück, Helen‘. Ich bin froh, dass sie nicht sagte: ,Beeil dich Bitch!‘
Die oscarprämierte Schauspielerin empfängt zum Gespräch beim Mittagessen und es war schwierig, vorab zu klären, wie die korrekte Anrede für die 80-Jährige lautet. Jack Nicholson gab ihr bei den Dreharbeiten zu „The Pledge“ (2001) den Spitznamen „Schätzchen“. Bis Regisseur Sean Penn es ihm verbot. „Sagen Sie einfach Helen. So nennt mich auch die KI-Stimme der US-Einwanderungsbehörde“, rät Mirren.
Mirren und ihr Mann, der Filmproduzent Taylor Hackford, besitzen ein Haus in Los Angeles. Kürzlich meldete er das Paar für das Fast-Track-Immigration-Service Global Entry an. Man bezahlt 120 Dollar pro Person, hat ein Interview mit der Behörde sowie Gesichtsscans, dafür erspart man sich bei der Einreise die lange Warteschlange und gelangt nach einem schnellen KI-Check in die USA. „Die KI-Stimme begrüßt mich immer mit: ,Willkommen zurück, Helen‘“, erzählt sie kichernd.
Die Italiener lieben ihre Energie
Die korrekte Anrede wäre Dame Helen Mirren, doch das kostet sie nur ein Schulterzucken. „Das ist nunmal Amerika. Ich bin froh, dass die Stimme nicht sagt: ,Beeil dich Bitch!‘“, sagt sie und liefert gleich noch eine Anekdote über das Leben mit der künstlichen Intelligenz in ihrem neuen Tesla. Das selbstfahrende Auto hat eingebaute Kameras im Innenbereich, die überwachen, dass der Fahrer nicht einschläft.
Nur trägt Mirrens Mann gerne eine Baseballkappe, was verhindert, dass die Kameras seine Augen kontrollieren können. Mirren: „Das Auto wird dann richtig streng und alle möglichen Alarmsirenen gehen los. Wenn du es nicht überzeugen kannst, dass du wach bist, sperrt es die Selbstfahrfunktion für einen ganzen Monat. Das fühlt sich an, wie früher in der Schule eine Strafe zu kassieren.“
An ihrer Jacke geheftet trägt Mirren den Orden des Sterns von Italien. Die höchste Auszeichnung des Landes für Ausländer wurde ihr in der italienischen Botschaft verliehen. „Es wirkt eitel, das zu tragen, aber der Botschafter meinte, ich bringe gute Energie nach Italien“, sagt sie.


Mit ihrem Mann Taylor Hackford fand sie in Apulien eine zweite Heimat.
© Matthew Taplinger/CBS via Getty ImagesEin Kampf gegen die Spuckwanze
Mirren kämpft gegen die Krise der Olivenbäume in Apulien, wo sie und Hackford ein Haus besitzen. Im Jahr 2008 kaufte das Paar einen verfallenen Gutshof in der Gemeinde Tiggiano und renoviert ihn fünf Jahre lang. Kurz nach dem Einzug bemerkten Mirren, Hackford und alle anderen in der Gegend 2013, dass die Olivenhaine verdorrten.
Ein tödliches Pflanzenpathogen namens Xylella fastidiosa breitete sich aus. Übertragen durch den Speichel eines Insekts namens Spuckwanze, das aus Costa Rica eingeschleppt wurde, hat es inzwischen eine Region verwüstet, die sich nördlich 150 Kilometer entlang des Absatzes des italienischen „Stiefels“ erstreckt.
Wenn du erlebst, wie einheimische Familie weinen, weil die Olivenhaine, die ihre Großeltern und die Generationen davor gepflanzt hatten, absterben, musst du etwas tun
„Wir mussten unsere Bäume vernichten und sie durch eine widerstandsfähigere Sorte ersetzen“, sagt sie. „Aber hier geht es nicht um uns. Wir haben etwa 80 Bäume verloren, was nichts ist. Es geht um die Kleinbauern, die ihren Lebensunterhalt mit der Olivenölproduktion bestreiten. Sie haben alles verloren. Insgesamt sind 20 Millionen Bäume eingegangen“, erzählt Mirren.
Im Jahr 2023 gründeten Mirren und Hackford gemeinsam mit Nachbarn und Freunden an ihrem apulischen Esstisch die gemeinnützige Organisation „Save the Olives“. „Wenn du erlebst, wie einheimische Familie weinen, weil die Olivenhaine, die ihre Großeltern und die Generationen davor gepflanzt hatten, absterben, musst du etwas tun“, sagt sie.
Es gibt mehrere Strategien, wie die Neubepflanzung der Haine mit Xylella-resistenten Sorten wie Favolosa und Leccino. „Die sind in Ordnung, aber sie liefern nicht das allerbeste Öl“, erklärt Mirren. „Und in Italien sind die Leute sehr wählerisch, was den Geschmack ihres Öls angeht.“ Die zweite Strategie bestand darin, einige der ursprünglichen tausendjährigen Bäume zu retten, indem man sie mit Xylella-resistenten Sorten veredelte. Wenn man früh genug eingreift, überleben diese alten Bäume und produzieren innerhalb von drei Jahren wieder Öl.


Diese Masseria, eine Art befestigter Gutshof aus dem 16. Jahrhundert am Rande des Städtchens Gallipoli, kauften Mirren und ihr Mann Taylor Hackford 2010 um kolportierte 338.000 Euro. Die fünfjährige Renovierung zum solarbetriebenen Eco-Retreat kostete noch einmal so viel.
© APA-Images / LaPresse / OlycomEine Olivenbaumsorte namens Helen?
„Die Italiener nennen die alten Exemplare ‚monumentale Bäume‘, weil sie aus der Zeit vor dem Bau des Kolosseums in Rom stammen“, erzählt die Schauspielerin. „Und für mich sind sie bedeutender als das Kolosseum, weil sie leben. Man kann für rund 500 Dollar einen Olivenbaum adoptieren, damit sind die Veredelungskosten gedeckt und man ist Teil der Geschichte.“
Eines der Probleme bei der Mobilisierung lokaler Unterstützung war die Verbreitung von Verschwörungstheorien. „Einige Einheimische glauben, die großen Produzenten im Norden hätten unsere Bäume absichtlich infiziert, weil sie unser Land wollen“, sagt Mirren. „Wir mussten kämpfen und aufklären, denn wenn alle an einem Strang ziehen müssen, braucht es Vertrauen.“
Es gibt Anzeichen der Hoffnung. Das 150 Jahre alte Olivenölunternehmen Filippo Berio kofinanziert die genetische Forschung an Tausenden neuer Pflanzensorten und unterstützt die Kampagne „Save the Olives“. „Die italienische Regierung hat fast nichts unternommen, um zu helfen, aber dank Helen machen wir Fortschritte“, sagt Patrizio Ziggiotti, ein Freund von Mirren und Generalsekretär der Kampagne. „Ein Agrarwissenschaftler züchtet derzeit eine neue Sorte, von der man hofft, dass sie gegen Xylella resistent ist. Wenn daraus gutes Öl gewonnen wird, braucht sie einen guten Namen. Ich glaube, wir werden sie Helen nennen.“
Für viele ist das Öl ein Geschäft
„Nein, nein, nein“, ruft Mirren. „Das ist sehr schmeichelhaft, aber ich bin anderer Meinung. Sie sollte nach dem Agrarwissenschaftler benannt werden. Ihr müsst sie ‚Giovanni‘ nennen.“
Wenn man außerhalb des betroffenen Gebiets lebt, ist Olivenöl mit dem Namen einer Berühmtheit natürlich ein großes Geschäft. Weiter nördlich in der Toskana produzieren Sting und seine Frau, die Filmproduzentin Trudie Styler, ihr Olivenöl „Il Palagio“. Die Olivenölproduktion von Brad Pitt und Angelina Jolie hat ihre Trennung im Jahr 2016 überstanden: „L’Huile d’Olive Miraval“ wird nach wie vor auf ihrem Anwesen in der Provence, Frankreich, hergestellt. Gordon Ramsay bringt seine Marke „Krude“ auf den Markt.
Mirren ist anders. Sie gewinnt Öl aus ihren Bäumen nur für den Eigenbedarf. Ihre Augen funkeln, wenn sie beschreibt, wie sie ein Tuch auf den Boden legt und die Oliven herunterrüttelt. Danach bringt sie die bescheidene Ernte zur örtlichen Frantoio, zur Ölmühle, und wartet auf ihr Öl. „Man kann morgens ernten und am Abend sein Brot in das eigene Öl tunken. Das ist fantastisch“, sagt sie. Wirft man ein, dass es bei Lidl sehr gutes Olivenöl aus Apulien gibt, stimmt die Schauspielerin unerwartet zu: „Oh, ich finde Lidl sehr gut.“
Save the Olives
„Save the Olives“ ist eine Initiative aus Apulien, die gegen das massive Olivenbaumsterben durch das Bakterium Xylella fastidiosa kämpft. Seit 2013 wurden in Süditalien Millionen teils jahrhundertealte Bäume zerstört, was eine ökologische, kulturelle und wirtschaftliche Katastrophe bedeutet.
Hinter dem Projekt stehen Agronomen, Bauern, Forscher und Unterstützer wie Helen Mirren. Ziel ist die Forschung zu resistenten Sorten und die Rettung alter Bäume durch Veredelung. Helfen kann man durch Spenden oder die symbolische Adoption eines Olivenbaums.
Italienfan dank „Caligula“
Mirren liebt Italien seit ihrer ersten Reise dorthin, um 1979 den Erotik-Film „Caligula“ zu drehen. An der Seite von John Gielgud und Peter O’Toole spielte Mirren die Rolle von Caligulas Frau Caesonia. Der Film erregte dank der Sexszenen Aufmerksamkeit, die mit echten Pornostars nachgedreht wurden. Bob Guccione, der Produzent des Films, war damals Eigentümer des Penthouse-Magazins.
Der Film ist bekannt für eine Szene, in der einem betrunkenen römischen Soldaten das Ende seines Penis zum Knoten gebunden wird, bevor er kastriert wird, ganz zu schweigen von Caligula (Malcolm McDowell), der im Bett mit einem Pferd herumtollt. Der Filmkritiker Roger Ebert bezeichnete ihn als „völlig wertlosen, beschämenden Schund“. Mirren war zurückhaltender und nannte ihn „eine unwiderstehliche Mischung aus Kunst und Genitalien“.
„Ich mochte den Regisseur, Tinto Brass, und seine Einstellung“, erzählt Mirren. Er stand in Verbindung mit einer italienischen libertären Gruppe, die sich gegen jede Form von Zensur aussprach. „Als ich ihn fragte, was er tun würde, wenn er jemals ein Amt bekleiden würde, sagte er: ‚Wir wollen nicht an der Macht sein. Wir wollen der Pfeffer im Hintern all derer sein, die an der Macht sind.‘ Das ist jetzt meine Aufgabe: der Pfeffer im Hintern derer zu sein, die der italienischen Olivenindustrie helfen können.“
Mirren war schon immer etwas ausgefallen und alternativ. Sie hat ein doppeltes V als Tattoo auf ihrer linken Hand, das sie sich in den Siebzigern betrunken in einem Indianerreservat in Minnesota stechen ließ. Es wurde mit einer Sicherheitsnadel gestochen, und die beiden V stehen angeblich für ein Maya-Symbol, das bedeutet „Du bist mein anderes Ich“.
Anfang der 70er-Jahre lehnte sie 290.000 Euro (heute etwa 4,7 Millionen Euro) für die Rolle des Bond-Girl Solitaire an der Seite von Roger Moore in „Live and Let Die“ ab. Es habe ihr nie gefallen, wie Frauen in Bond-Filmen dargestellt werden, sagte sie.
Die Hippie-Kommune mit Royal-Gast
Etwa zur gleichen Zeit lebte sie in einigen „High-Society“-Kommunen, die von ihrer Freundin Lady Sarah Ponsonby gegründet worden waren. Eine in Shipston-on-Stour in Warwickshire, eine andere auf der Surrendell Farm in Wiltshire, wo Prinzessin Margaret und ihr Freund Roddy Llewellyn* zu Besuch waren. In diesem Zusammenhang macht „Save the Olives“ absolut Sinn. Ein bisschen Gartenarbeit, ein bisschen Aktivismus? Ist sie ein bisschen Hippie?
Sir Roderic Victor Llewellyn
Sir Roderic Victor Llewellyn ist ein britischer Adliger, Gartengestalter, Journalist, Autor, Musiker und Fernsehmoderator. Er hatte eine achtjährige Beziehung mit Prinzessin Margaret, der jüngeren Schwester von Elizabeth II.
„Der Ort in Warwickshire war nicht wirklich eine Kommune“, korrigiert sie. „Ich arbeitete in Stratford und wurde eingeladen, bei diesen reichen Hippies in ihrem lustigen alten Bauernhaus zu wohnen. Roddy Llewellyn war ein guter Freund von jemandem in dem Cottage und so kam Prinzessin Margaret mit ihm.“
Hat Sie mit Prinzessin Margaret Gemüse angebaut? „Oh nein, das habe ich bewusst ausgelassen“, sagt sie. Mirren ist stolz auf die Arbeiterklasse-Wurzeln ihrer Familie. Sie wurde 1945 als Ilyena Lydia Mironoffin London als Tochter einer englischen Mutter und eines russischen Taxifahrers geboren. Die Familie ließ sich in Leigh-on-Sea in Essex nieder und anglisierte ihren Namen in den 50er-Jahren. „Sie waren keine Monarchisten, aber ich glaube, sie hätten es geliebt, mich zur Dame ernannt zu sehen“, sagt sie.
Wie weich darf Pasta sein?
Nach dem Interview serviert Chefkoch Theo Randall Mittagessen im „Cucina Italiana“ im InterContinental Hotel am Hyde Park. Er kennt die aktuelle Krise. „Als ich das letzte Mal durch Apulien fuhr, war es eine gespenstische Landschaft aus verdorrten Bäumen“, sagt er. „Die Verwüstung ist unglaublich.“ Es soll um innovativen Olivenanbau gehen bei diesem Treffen von Helen Mirren, italienischen Journalisten und Größen aus der Olivenölbranche.
Doch es entbrennt eine hitzige Debatte darüber, wie katastrophal manche Briten Pasta kochen. Jemand meint, selbst in Spitzenrestaurants werde sie zu weich gekocht. Die italienische Art sei al dente. Mirren sagt, ihr Mann koche sie genau richtig, aber sie sehe nichts Falsches an leicht weicher Pasta. Eine italienische Journalistin sagt, ihre Meinung sei „falsch“.
Der Hinweis darauf, dass Mirren gerade mit dem „Stern Italiens“ ausgezeichnet wurde, bringt etwas Respekt zurück. Als sich die Pasta-Debatte beruhigt, stellt Mirren lächelnd fest: „Niemand spricht leidenschaftlicher über Essen als die Italiener. Das ist einer der Gründe, warum ich Apulien so sehr liebe. Wenn ich nicht gerade in London oder den USA arbeite, bin ich am liebsten dort. Deshalb ist das, was mit den Olivenhainen geschieht, eine so schreckliche Katastrophe.“
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 23/2026 erschienen.
Über die Autoren
Michael O'Dell






