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„Der Zarewitsch“ an der Volksoper: Eine Bilderbuch-Romanze

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©Katharina Schiffl

Steef de Jong erzählt Franz Lehárs Operette als Analog-Animationsfilm ganz zart und berührend neu.

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Keine Graphic Novel, sondern eine Graphic Operetta entfaltet seit der Premiere am Montag in der Wiener Volksoper ihren ganz eigenen Charme: Mit der Verpflichtung ihres Landsmannes Steef de Jong für Franz Lehárs Operette „Der Zarewitsch“ ist der niederländischen Intendantin Lotte de Beer ein echter Glücksgriff gelungen. Dem 42-jährigen Allroundkünstler gelingt eine berührende, völlig ungewohnte und schlicht liebenswerte Umsetzung des selten gespielten Werks.

Die Bühne selbst ist bei diesem „Zarewitsch“ letztlich weitgehend reduziert auf ein Requisitenlager, in dem die vier Akteure David Kerber, Hedwig Ritter, Martin Enenkel und Juliette Khalil alle Rollen übernehmen. Dabei gibt es episches Theater in Reinform, bei dem die Vier coram publico ihre Charaktere wechseln. Kerber ist nicht nur der Zarewitsch, sondern auch wahlweise ein italienischer Liebhaber, Ritter nicht nur der Geliebte Kautschukoff, sondern auch neapolitanische Gattin, während Khalil ebenso Dienerin wie Großfürst oder Enenkel Lakai und Besucherin spielt. Alle treten zugleich immer wieder aus ihren Rollen heraus, um diese zu kommentieren.

Das Geschehen schwebt über der Bühne

Die eigentliche Musik spielt sich jedoch meist auf der darüber schwebenden Leinwand ab, auf die zahllose Zeichnungen aus der Hand de Jongs projiziert werden, die von ihm mittels Schiebe- und Klappmechanismen live am Bühnenrand animiert werden. In gewissem Sinne wird das Geschehen auf der Bühne streckenweise zur Synchronisation degradiert, aber dieses Projekt ist eine Gemeinschaftsarbeit, bei der die vier Sängerinnen und Sänger abwechselnd auch den Posten des Tonmachers übernehmen oder die Rolle des Helfers von de Jong. Eine kleine Besetzung mit großer Logistikleistung.

So erzählt man die Geschichte des russischen Zarensohns neu, verlegt de Jong das Geschehen von Russland doch ins fiktive Kussland. Der frauenscheue Kronprinz lernt hier nicht durch eine als Mann verkleidete Frau die Liebe kennen, sondern durch einen als Frau verkleideten Mann. Ein Genderswitch, der sich im 1927 uraufgeführten Lehár-Stück zwischen den Zeilen durchaus als bereits angelegt lesen lässt.

Zartheit ohne Klamauk

Zugleich nimmt die Fokussierung auf ein spätes Coming-out und eine zart erblühende schwule Liebesgeschichte der Operette den Klamaukaspekt. Mit seinem zarten Pinselstrich erzählt de Jong mit Witz und leichter Ironie, nie auf den schnellen Gag aus, der Pointe aber auch nicht abhold, wenn die Präsentation von Heiratskandidatinnen etwa tindermäßig gestaltet wird.

Klassische inszenatorische Fettnäpfchensituationen bei Operetten wie Tänze oder große Chorpartien werden durch die Analog-Animationsfilmvariante elegant umschifft. Und de Jong weiß immer wieder zu überraschen mit neuen Einfällen, bevor die Wahrnehmung zur Gewohnheit wird. Am Ende entfaltet so ein Stück, das auch in der Originalfassung von einer leichten Melancholie durchzogen ist, einen ganz eigenen Zauber, eine berührende Nahbarkeit und schwermütige Leichtigkeit, die man so vom Genre der Operette nicht kennt.

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