In den 237 Jahren seines Bestehens hat die Josefstadt Giganten wie Beethoven und Nestroy gesehen. Max Reinhardt erfand hier das Theater neu, und der scheidende Intendant Herbert Föttinger verantwortete 20 tadellose Jahre. Im Herbst tritt nach ihm die Österreicherin Marie Rötzer an. Im News-Gespräch wird sie deutlich und geht an die Grundlagen des Berufs.
Worüber reden, wenn man über das Gegenüber schon fast alles geschrieben und den Anlass des Gesprächs quasi ab ovo begleitet hat, bald freundlich, bald unfreundlich? Die Niederösterreicherin Marie Rötzer aus namhafter Weinbauernfamilie wurde an dieser Stelle schon interviewt und porträtiert, da war sie noch Intendantin in St. Pölten und für die Burgtheaterdirektion im Gespräch.
Dann machten wir sie als Spitzenkandidatin für die Josefstadt namhaft, deren Direktor Föttinger uns später hell empört die Kündigung von 18 Ensemblemitgliedern bestätigte. Vor zwei Monaten wurde uns dann auch Marie Rötzers Jahresspielplan zugemittelt, aus Höflichkeitsgründen aber nur skizzenhaft wiedergegeben.
Und jetzt? Ist in den Gästewohnungen des Hauses, im Niemandsland zwischen scheidender und kommender Direktion, alles von vorn zu besprechen und alles interessant. Womit beginnen in der schauspielerversessenen Stadt? Beim Ensemble. Einige, die fehlen werden – Katharina Klar, André Pohl, Alma Hasun –, treten noch in Übernahmen auf.
Das Ensemble
36 Personen stark und wurde kaum merklich ergänzt. Neu sind etwa die junge, an der Burg arg vermisste Lili Winderlich, die Marthaler-Schauspielerin Olivia Grigolli, André Jung, der Jandl spielen wird, und Juergen Maurer. Dazu Der Nino aus Wien, der für die Nestroy-Koryphäe Robert Meyer die Couplets im „Mädl aus der Vorstadt“ neu schreibt.
Das neue, junge Protagonistenpaar Leonard Dick und Irem Gökçen trägt eine rundumerfrischte Versübersetzung von „Romeo und Julia“ und Williams’ „Glasmenagerie“, Verena Altenberger erduldet Suzie Millers #Metoo-Albtraum „Inter Alia“. Nicht zu vergessen das Gastspiel des Jahres: Ifflandring-Träger Jens Harzer, der sich wegen inferiorer Regie nach der ersten Leseprobe aus einem Burgtheater-„Hamlet“ verabschiedete, gastiert zweimal mit dem OscarWilde-Abend „De profundis“. Die einzige Übernahme aus St. Pölten betrifft Canettis „Blendung“ in der Fulminanzversion des Puppenmagiers Nikolaus Habjan, der weiter so gefragt ist wie schon anno Föttinger.
18 Kündigungen
Bleiben aber immer noch die 18, die gehen müssen, unter ihnen Marianne Nentwich. Die 83-jährige Doyenne des Hauses beklagte sich über einen rüden Abschied im Stehen vor dem direktoralen Schreibtisch. Ganz und gar müsse sie da widersprechen, wird die Direktorin emotional. Höflich und wertschätzend, auch das mitgeführte Hündchen mit Wasser erfrischend, habe man sich mit der selbstverständlich sitzenden Doyenne für weitere konstruktive Gespräche verabredet. „Auch wenn sie es sich jetzt anders überlegt hat, ich würde mich freuen, wenn sie doch wieder die Tür aufmacht und in die Josefstadt kommt.“
Noch ein scharf geschliffenes Wort zu den Kündigungen: Zuerst habe sie das bewährte „Dreidrittel“-Verfahren ins Auge gefasst – eines bleibt, eines geht freiwillig, eines unfreiwillig. Da aber freiwillig niemand gegangen sei, habe sie doch zwei Drittel übernommen. Wobei auf die Abgänger prioritär zugegriffen werde, sowie sich Bedarf ergebe. Und was das Direktorenpaar Herbert Föttinger/Sandra Cervik betreffe: Beide seien willkommen. Wie man einander in der Branche ja stets zweimal begegne.
Die Monarchie des Wortes
„Österreichisches Erzähltheater“ aus dem Fundus der Habsburgermonarchie als Vorläufermodell des neuen Europas sei das Ziel, in Worte gefasst durch Schnitzler, Werfel, Canetti, Joseph Roth und Celan. Max Reinhardt habe dann im intimen, durch Beethoven, Wagner, Raimund und Nestroy beglaubigten Raum seine Vision des Gesamtkunstwerks umgesetzt, ein großes Gemeinsames aus Sprache, Kunst, Musik und Malerei. So nah seien die Schauspieler am Publikum, dass die notorische „vierte Wand“ von selber niedergerissen sei und die Gesichtsmikrofone auf Ausnahmebedingungen beschränkt werden könnten.
Anno Corona sei das Publikum infolge höheren Alters stärker als anderswo eingebrochen, räumt sie ein. Aber das habe sich mittlerweile gegeben, obwohl die Abonnements von 18.000 auf 12.000 sanken. Sie selbst, merkt sie sachlich an, habe in St. Pölten zur Pandemiezeit die Maschinen des digitalen Zeitalters angeworfen und weit weniger Publikum verloren.
Theater verspricht das gemeinsame Erlebnis. Ich glaube weiterhin daran, dass man durch Poesie Mut und Optimismus findet
Um dann mit der ihr eigenen, in Spurenelementen niederösterreichisch gefärbten Vehemenz auf das Grundsätzliche einzuschwenken. „Was macht Theater relevant? Warum soll man überhaupt ins Theater, in die Josefstadt gehen? In heutigen Zeiten, die geprägt sind von Verunsicherung, Verschwörung, Isolation, Einsamkeit kann das Theater einen Ort anbieten, der das gemeinsame Erlebnis verspricht.“
Die Hände gestikulieren in heftiger Begeisterung. „Ich glaube weiterhin daran, dass man durch Poesie Mut und Optimismus findet. Ich war nach der ungarischen Wahl hingerissen, welche theatrale Kraft es hatte, als der Gesundheitsminister auf der Bühne vor dem Publikum tanzte.“
Das Geld wird knapp
Nun ordnet sich das kollektive Tanzvergnügen allerdings zusehends um das goldene Kalb: Das Geld wird knapp, und die Josefstadt muss einen atypisch hohen Budgetanteil selbst einspielen. Hat aber, anders als Burg und Oper, keine Reserven angespart.
Bei den 14 Premieren, acht im Haupthaus und sechs in den Kammerspielen, werde es bleiben, versichert sie. Schon wegen der immer noch vielen Abonnenten könne man da nicht heruntergehen. Aber nie werde sie mehr ausgeben, als sie eingenommen habe. Und sie werde um jeden Besucher kämpfen, den Treuen weiter ein Zuhause bieten und mit dem Nino aus Wien auch ins jüngere Segment gehen. Der Traum von einer kleinen Drittbühne sei vorerst vertagt. Aber sicher werde niemand aus Ersparnisgründen gekündigt.
Föttinger hat aus der Josefstadt mit den Instrumenten des text- und schauspielerzentrierten Hochqualitätstheaters die führende Uraufführungsbühne des Landes gemacht. Peter Turrini wurde diesbezüglich zum Identitätsstifter, und Missgünstige hofften heimlich, dem Haus gehe künftig der Hausheilige verloren. Marie Rötzer eröffnet allerdings mit dem Turrini-Klassiker „Der tollste Tag“ die Kammerspiele. Nicht zu reden vom Turrini-Dramatikerstipendium, das sie in St. Pölten etabliert hat, die mittlerweile renommierte Teresa Dopler wurde dort entdeckt. Und uraufführungstechnisch kann die Direktorin auf die von Teresa Präauer collagierte Revue „Guten Abend, Herr Morgan“ (Regie: Ruth Brauer) verweisen.
Das Programm
An der Josefstadt beginnt man mit Schnitzlers „Komödie der Verführung“ (Regie: Ildikó Gaspár) mit dem Großteil des Ensembles. Es folgen „Romeo und Julia“ (R.: Stefan Pucher); Nestroys „Mädl aus der Vorstadt“ mit Robert Meyer und Nino aus Wien (R.: Dominique Schnitzer); Suzie Millers „Inter Alia“ mit Verena Altenberger (R.: Daniela Löffner); Jandls „Aus der Fremde“ mit André Jung (R.: Jossi Wieler); Werfels „Blassblaue Frauenschrift“ (R.: Oliver Reese); „Der Geizige“ von Molière mit Michael Dangl (R.: Tina Lanik); Canettis „Blendung“, R.: Nikolaus Habjan, aus St. Pölten.
Die Kammerspiele eröffnen mit Turrinis „Der tollste Tag“ (R.: Anna Stiepan): Es folgen: „Letzte Runde“ mit Michael Dangl als Karajan und Günter Franzmeier als Bernstein; Teresa Präauers „Guten Abend, Herr Morgan“ (R.: Ruth Brauer); Yasmina Rezas „Glücklich die Glücklichen“ (R.: Mira Stadker); Tennessee Williams' „Glasmenagerie“ (R.: Max Lindemann); „Carmen darf nicht platzen“ (R.: Dominic Oley).
Noch ein Schlag ins Eingemachte zum Finale?
Föttinger musste Angriffe wegen rauen Führungsverhaltens erdulden. Der Salzburger Festspielintendant Markus Hinterhäuser wurde zum Opfer der Stunde.
Da wird die Direktorin ernst. „Hier hat eine Politik reagiert, die mit Übergriffigkeiten konfrontiert worden ist und daraufhin Konsequenzen gezogen hat. Ich möchte für mich einen Führungsstil einführen, wo es darum geht, dass wir mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in eine gute Kommunikation kommen und entsprechende Verantwortung übernehmen.“
Teamarbeit
Sie selbst, fügt sie hinzu, würde sich vor der eigens dafür etablierten Beschwerdestelle verantworten, sollte sie es gegen ihre Gepflogenheiten einmal verabsäumen, zum Brüllen in den Wald zu gehen. „Der Geniekult, mit dem ich am Theater sozialisiert wurde, muss kritisch hinterfragt werden. Ich habe festgestellt, dass cholerische Künstler nicht zwangsläufig große Kunstwerke schaffen. Wir arbeiten am Theater immer im Team und sind voneinander abhängig, auch vom Tischler, vom Schlosser, vom Regieassistenten. Wir sind alle voller Eifer und voller Engagement bis 22, 23 Uhr im Theater, am Wochenende und abends, egal, ob draußen die Sonne scheint oder andere im Urlaub sind. Deshalb finde ich es wichtig, dass gerade Führungsfiguren Vorbilder für alle sind.“
Da will man lieber keinen Einspruch erheben. Aber vielleicht noch etwas Helles zum Schluss? Ja, mit der großen Andrea Breth, die eben erst am Haus debütiert hat und nächstens auch bei den Salzburger Festspielen in die ihr zustehenden Rechte treten wird, ist sie „in sehr hoffnungsvollen Gesprächen“. Da hofft man qualifiziert mit.
Steckbrief
Marie Rötzer
Geboren am 16. Juli 1967 in Mistelbach in eine Weinbauernfamilie, studierte Germanistik und Theaterwissenschaften, kam als Dramaturgin über Graz und Mainz nach Hammburg und übernahm 2016/17 das Theater in St. Pölten. Ab September 2026 leitet sie das Theater in der Josephstadt.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 21/2026 erschienen.







