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Aurel Mertz und die Legende vom Alpha-Mann

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Aurel Mertz

©Maximilian Motel

Er ist Comedian und meint es ernst: Aurel Mertz beschäftigt sich im Buch „Alpha Boys“ mit Macht, Populismus und den Abgründen moderner Männlichkeit. Im Gespräch zerlegt er den Mythos vom „Alpha-Mann“, erklärt, warum Dominanz oft mit Stärke verwechselt wird und autoritäre Heilsversprechen gerade jetzt junge Männer verführen.

Die weitverbreitete Idee vom dominanten, starken Alpha-Mann beschreiben Sie als großes Missverständnis. Erklären Sie bitte!

Dieses Alphamann-Verhalten hat man sich beim Wolf abgeschaut, allerdings stammt es aus Beobachtungen von Wölfen in Gefangenschaft. In der Natur ist es nicht der stärkste, dominanteste oder aggressivste Wolf, der führt. Da bringen Wölfe gar nicht die Energie auf, dauernd Machtkämpfe auszutragen. Ein Rudel funktioniert gemeinschaftlich und wird angeführt von den Elterntieren oder den ältesten Tieren. Die sogenannten Alpha-Männer haben allerdings die missverstandene Beobachtung übernommen und halten daran fest.

Dass es die Aufklärung dieses Missverständnisses nie ins allgemeine Verständnis geschafft hat, ist kein Zufall, oder?

Hierarchien werden eben gerne romantisiert. Wir Menschen fühlen uns zu Dominanz hingezogen und romantisieren sie. Eigenschaften, die schrecklich sind, werden schöngeredet. Wenn man auf die Weltpolitik schaut, auf Figuren wie Trump, die hart auftreten, gibt es immer Leute, die sagen: Das ist mein Anführer, dafür habe ich ihn gewählt! Dabei können Menschen wie Trump oft nur an sich selbst denken – und wir verwechseln das mit Stärke.

Das beeindruckt vor allem junge Männer: Über 50 Prozent von ihnen haben Trump gewählt. Wählen Männer Alpha-Figuren aus anderen Gründen als Frauen?

Ich glaube, ja. Die gesellschaftliche Rolle von Männern wird gerade grundsätzlich infrage gestellt, aber progressive Ideen brauchen Zeit, um sich zu bewähren. Für die Zukunft gibt es noch keine greifbaren Vorbilder, also wirken progressive

Konzepte unsicher. Figuren wie Trump liefern einfache Antworten und verkaufen jungen Männern einen Traum vom starken Mann, wie er früher war. Dieses nostalgische Bild wirkt nahbar. Dass es früher nicht allen besser ging, wird ausgeblendet. In Krisenzeiten gewinnen immer die mit den einfachen ­Antworten. Leider sind wir Männer besonders anfällig dafür, darauf reinzufallen.

Sehen Sie im deutschsprachigen Raum vergleichbare Leitwölfe?

Auch hier gewinnen autoritäre Figuren an Einfluss. Bei Friedrich Merz merkt man, dass er Menschen zunehmend wie Zahlen betrachtet, wenn er meint, 14,5 Tage Krankenstand sind zu viel. Mit der Macht geht die Fähigkeit verloren, Lebensrealitäten nachzuvollziehen: Nämlich, dass die Krankenstand-Statistik auch Alleinerziehende umfasst, deren Kinder krank sind, oder chronisch Kranke. Mit der Macht geht oft die Empathie verloren. Und eine Figur wie Alice Weidel zeigt, dass Frauen keineswegs davor geschützt sind, selbst Teil dieser hierarchischen, alpha-orientierten Logik zu sein, sie ist ein absoluter Alpha-Wolf.

Sie beschreiben eine Radikalisierung der Manosphere* – warum passiert die gerade jetzt?

Weil wir in einer massiven Krisenzeit leben. Viele Menschen haben das Gefühl, es geht ihnen schlechter als vor zehn Jahren. Männer erleben, dass Frauen sie in Bildung und Unabhängigkeit überholen und lesen Gleichberechtigung fälschlich als Verlust. Dabei geht es nicht darum, jemandem etwas wegzunehmen, sondern um Chancengleichheit. Genau in dieses Gefühl des Zurückgelassen-Seins stoßen die Scharlatane, für die der Alpha-Markt ein riesiges Geschäft ist: Kurse und YouTube-Kanäle bieten zuhauf leere Versprechen von Dominanz und Kontrolle. Verkauft wird die Rückkehr zu einer angeblich guten alten Zeit – die es so nie gegeben hat.

Es kursiert auch eine Verschwörungstheorie namens Red-Pill-Ideologie*, die behauptet, dass unsere Gesellschaft Männer bewusst klein halte. Für wie gefährlich halten Sie die Manosphere?

Ich habe wirklich viele dieser Kanäle geschaut und der Ausgangsgedanke, gesellschaftliche Rollen zu hinterfragen, ist zunächst natürlich legitim. Gefährlich wird es, wenn daraus eine radikale Erzählung entsteht: zum Beispiel die Vorstellung, die Welt arbeite gezielt gegen Männer. Das ist ein privilegierter Opferdiskurs in einer Gesellschaft, die seit Jahrtausenden und bis heute im Patriarchat lebt. Die Selbstinszenierung dieser „unterdrückten Rebellen“ geht oft einher mit rechtspopulistischen oder auch extrem rechten Inhalten.

Auch im deutschsprachigen Raum gibt es politische Akteure wie Maximilian Krah von der AfD, die auf TikTok versuchen, in diese Szene vorzudringen und Alpha-Narrative zu bedienen. Die vertragen sich natürlich bestens mit hierarchischen Gedanken von autokratischen Gesellschaftsstrukturen. Wenn Solidarität und Empathie in der Gesellschaft weiter erodieren, halte ich das auf lange Sicht für sehr gefährlich.

Was sind denn die Tricks und Strategien dieser Männer?

Ein zentraler Faktor ist Unterhaltung. Figuren wie Andrew Tate oder Alex Jones sind bewusst absurd, provokant, und grenzenlos. Jones behauptet, die Regierung mische Stoffe ins Trinkwasser, die die Frösche homosexuell machen. Absurd! Aber da es ihm um Populismus geht, ist es egal, ob die wahr sind. Diese Absurdität hat eine gefährliche Leichtigkeit. Man lacht und merkt spät, dass sich dahinter ein Weltbild verbirgt, das entmenschlicht. Dazu kommt das Spiel mit Status: Sie posieren mit schönen Frauen, sitzen in Lamborghinis, rauchen dicke Zigarren und wecken in jungen Männern die Sehnsucht: Wenn du taff bist, wirst du das auch alles haben.

Für Ihr Buch waren Sie in einem Männer-Retreat auf Bali. Was haben Sie dort über das Mann-Sein gelernt?

Das war weit außerhalb meiner Komfortzone. Es liegt sehr abgeschieden: nur Natur, Männer, Kraftkammer und riesige Mengen Fleisch als Mahlzeiten. Ich habe noch nie im Leben Fleisch gegessen. Aber ich dachte: Wenn man über diese Szene schreibt, muss man auch mitten rein und mit den Männern reden. Das Ankommen war ein Schock: klassische Alpha-Typen, die meisten muskelbepackt, auf den ersten Blick einschüchternd. Aber zugleich waren alle sehr respektvoll. Unter ihnen war ein älterer Mann aus einer arabischen Königsfamilie, der sich beim Krafttraining von seinem Assistenten Videos mit gebrüllten Parolen vorspielen ließ: „Destroy everything that holds you down.“

Die entscheidende Erfahrung hatte ich an einem Abend am Lagerfeuer. Dort haben diese Männer offen über ihre Gefühle gesprochen: über Unsicherheiten, über persönliche Krisen. Viele waren genau deshalb dort: weil sie mit sich selbst, mit Beziehungen, mit Erwartungen nicht klarkamen. Das war ein wichtiger Moment, weil ich erkannt habe: Diese Männer sind nicht verloren. Die kann man mit der richtigen Kommunikation und, wenn man ihnen zuhört, erreichen.

Die Männer lernten dort im geschützten Rahmen sich selbst zu lieben, schreiben Sie. Wie könnte diese männliche Selbstliebe auch im Alltag gelingen?

Zuerst müssen wir falsche Vorbilder frühzeitig enttarnen – jene, die einfache Antworten und Dominanzfantasien verkaufen, bevor sie zu mächtig werden. Das gilt auch für globale Machthaber. Zum anderen brauchen wir alternative männliche Vorbilder und eine offene Kommunikation. Genau darum ging es mir im Buch: nicht um Bashing, sondern darum, allen Männern eine Tür offenzuhalten. Ihnen zeigen, dass eine sozial denkende Gesellschaft für alle Vorteile hat. Statt Kulturkämpfe über Identitäten zu führen, müssten wir viel stärker über einen Klassenkampf sprechen. Nicht im Sinn von: Niemand darf reich sein, sondern im Sinn von: Niemand sollte arm sein. Dann könnten wir auf Augenhöhe reden und auch Identitätsfragen besser verhandeln.

Fühlen Sie sich mit Ihrer Position, die dem Alpha-Männerbild widerspricht, in der Minderheit?

Eigentlich nicht. Die Auseinandersetzung war für mich ein inneres Anliegen. Ich habe ein Format gesucht, um diese Fragen gründlicher zu verhandeln. In Stand-up oder Sketchen bleibt dafür oft zu wenig Raum. Natürlich wird auch in meiner eigenen Bubble das männliche Ego immer wieder spürbar. Das passiert jedem. Entscheidend ist, ob man anfängt, es zu reflektieren.

Ich habe kürzlich mitten in einem Streit gemerkt: Ich habe Unrecht. Trotzdem habe ich noch weiter argumentiert, weil ich nicht wusste, wie ich da wieder rauskomme. Am Ende blieb nur zu sagen: Ich muss jetzt transparent sein: Ich habe Unrecht. Dieser Kampf mit dem eigenen Ego hört nie auf. Aber ich glaube, jeder Mensch ist grundsätzlich dazu in der Lage, sich selbst zu hinterfragen und sein Ego zu überwinden. Und deshalb sind wir mit dieser Haltung vielleicht weniger in der Minderheit, als wir oft denken.

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 © Droemer Knaur

Männer müssen füreinander Verantwortung übernehmen, fordern Sie. Gerade angesichts zweier Femizide in diesem Jahr in Österreich fehlen vielen Frauen empörte Aufschreie von Männern …

Dabei geht es uns sehr wohl etwas an! Männer sind die Täter. Ich bin immer nachts selbstverständlich überall durch dunkle Straßen gegangen. Erst durch Frauen in meinem Umfeld habe ich verstanden, dass diese Selbstverständlichkeit ein Privileg ist. Diese Perspektive hatte ich als Mann nicht.

Genau das ist das Problem: Wir sind in unserer eigenen Erfahrung gefangen. Deshalb kann es nicht allein Aufgabe der Opfer sein, patriarchale Missstände anzuprangern. Die Verantwortung liegt auch bei jenen Männern, die das verstanden haben. Sie müssen ihre Erkenntnis weitertragen, auch wenn es unangenehm ist.

Mit welchem Bild von Männlichkeit sind Sie aufgewachsen?

Meine Eltern waren sehr jung, meine Mutter ist eine taffe Person, die war unsere Anführerin. Klassische autoritäre Männerbilder gab es nicht in der Familie. Das Hierarchiedenken habe ich erst später kennengelernt, in Schule und Beruf.

Autoritäre Männlichkeit war immer etwas, gegen das ich instinktiv rebelliert habe

Aurel Mertz

Ich fand es immer befremdlich, dass Männer glauben, sie müssten über Dominanz und Macht Ordnung herstellen. Vielleicht hat mich das deshalb so abgestoßen, weil ich es nicht kannte. Autoritäre Männlichkeit war für mich kein vertrautes Modell, sondern etwas, gegen das ich instinktiv rebelliert habe.

Sie waren nie versucht, einer dieser Alphas, die Ihnen begegnet sind, zu sein?

Nicht wirklich. Natürlich gibt es auch bei mir ego-getriebene Momente. Beim Sport, da werde ich ehrgeizig, kompetitiv. Auch beruflich. Entscheidend ist aber die Frage: Will ich andere klein machen, um selbst größer zu wirken? Oder will ich nach oben streben und dabei andere mitnehmen? Das hat viel mit dem Umgang mit den eigenen Unsicherheiten zu tun. Ob man sie verdrängt oder wahrnimmt.

Wenn man jungen Männern etwas anbieten will, das stärker wirkt als Andrew Tate – was wäre das?

Es muss ein attraktives, nicht-toxisches Männerbild geben. Und ich glaube, das gibt es. Ein Beispiel – ganz unabhängig von seinen politischen Auffassungen – ist für mich Zohran Mamdani. Er hat sich nicht als taffer Mann ohne Empathie vermarktet, sondern ist aggressiv und gleichzeitig sehr charmant für soziale Werte eingestanden. Er hat bewiesen, dass man rechtspopulistische Inhalte mit sozialen Ideen schlagen kann. Das fand ich inspirierend.

Was Männlichkeit für Sie heute bedeutet, erklären Sie am Beispiel der Katze auf Ihrem Buchcover. Wie sind Sie zum Cat-Alpha-Boy geworden?

Die Katze heißt Alpha, sie ist aus dem Tierheim und war das Covermodel für mein Buch. Wir wollten mit dem Foto das klassische Männlichkeitsbild brechen. Im Männer-Retreat auf Bali habe ich viel über Männlichkeit nachgedacht und mir wurde klar: Wenn ich Männlichkeit definieren will, dann bedeutet es für mich, Verantwortung zu übernehmen. Nicht für die ganze Welt, sondern für ein überschaubares Umfeld. Sich gebraucht fühlen, ohne sich zu überhöhen. Also habe ich Alpha aus dem Tierheim geholt. Und weil sie eine Schwester hatte, habe ich die gleich mitgenommen. Jetzt lebe ich sehr glücklich mit zwei ziemlich verrückten Katzen.

© Imago / Star Media

Steckbrief

Aurel Mertz

geboren
01.06.1989

Aurel Mertz, geboren 1989 in Stuttgart, studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und Istanbul, bevor er 2013 von Frank Elstner entdeckt wurde und über Stand-up-Comedy den Weg ins Fernsehen fand. Bekannt wurde er durch Formate für ZDFneo („Neo Tropic Tonight“) und NDR („deep und deutlich“), vor allem politische Late-Night-Shows und Gesprächsformate für ein junges Publikum.

Er beschäftigt sich mit Macht, Populismus, Geschlechterrollen und politischer Sprache. Mit seinem Buch „Alpha Boys – Der Anti-Bro-Code“ richtet er den Blick auf die Krise zeitgenössischer Männlichkeit.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 06/2026 erschienen.

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