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Mäzenatentum: Zwischen Verantwortung und Macht

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©Bild: GettyImages

Hamburg bekommt ein neues Opernhaus, anderswo wird an medizinischen Durchbrüchen und Pflegeausbildung gearbeitet – möglich machen das Mäzene, die geben, ohne etwas zu erwarten. Was treibt sie an?

Stahlmagnat und Philanthrop Andrew Carnegie formulierte es 1889 harsch: „Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande“, hielt er die Verpflichtung von Wohlhabenden gegenüber Ärmeren im Essay „The Gospel of Wealth“ fest. Die Carnegie Hall in New York zeugt bis heute vom Wirken des Mannes, der insgesamt 350 Millionen US-Dollar spendete, was einem heutigen Wert von rund elf Milliarden US-Dollar entspricht.

Für den Deutschen Klaus-Michael Kühne könnte die neue Oper in Hamburg ab ihrer geplanten Fertigstellung 2034 dasselbe leisten. Sich ein Denkmal zu setzen, ist freilich nicht Kühnes Ziel, wie er versichert. Vielmehr geht es im Mäzenatentum ums Zurückgeben an die Gesellschaft. „Du bist in einer finanziellen Situation, wo du Dinge bewegen kannst“, bringt es Investor Benjamin Ruschin in einem raren Interview auf den Punkt.

Auf welche Art Mäzene und Mäzeninnen ihren Reichtum teilen, ist vielschichtig: Dietrich Mateschitz gründete die Wings-for-Life-Stiftung mit dem Ziel, Querschnittlähmung zu heilen, die Geschwister Windler wollen sicherstellen, dass ihr Schweizer Heimatort Stein am Rhein ein lebenswertes Umfeld für die Generationen nach ihnen bleibt. Die Ausprägungen gemeinnützigen Stiftens sind so vielschichtig wie die Persönlichkeiten der Gebenden. Gemeinsam sei allen lediglich „die Suche nach Sinn jenseits des bloßen Reichtums“, wie Vermögensforscher Thomas Druyen im Gespräch analysiert.

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Andrew Carnegie betonte im 19. Jahrhundert die gesellschaftliche Verantwortung Wohlhabender.

 © IMAGO / glasshouseimages

Österreich mit Stiftungsrekord 2025

Der Gemeinwohl-Gedanke ist laut Global Philanthropie Report der Universität Harvard in Europa besonders stark. Von rund 260.000 Stiftungen weltweit sitzen 60 Prozent in Europa und damit in der Heimat des Namenspatrons der Mäzene, Gaius Maecenas*.

In Österreich gewinnt der Gedanke zunehmend Fans: Im Vorjahr wurde ein Rekord an Neugründungen gemeinnütziger Stiftungen verzeichnet, schon am 3. Jänner 2026 wurde die erste neue gemeinnützige Stiftung eingetragen. Insgesamt sind laut Verband für gemeinnütziges Stiften rund 950 Stiftungen und Fonds in Österreich gemeinnützig tätig und schütten jährlich rund 120 Millionen Euro aus. Trotz Zuwachs liegt Österreich bei der Anzahl gemeinnütziger Stiftungen im DACH-Raum am unteren Ende.

In der Schweiz bündelten gemeinnützige Stiftungen 2023 ein Vermögen von über 150 Milliarden Euro, in Österreich verfügen diese aktuell über ein geschätztes Vermögen von rund zehn Milliarden Euro. „Die vergleichsweise geringe Stiftungsdichte hängt damit zusammen, dass hierzulande erst vor zehn Jahren ein modernes Stiftungsrecht geschaffen wurde“, erklärt Günther Lutschinger, geschäftsführender Vorstand des Verbands für gemeinnütziges Stiften. Er erwartet dennoch abermals einen Zuwachs für das Jahr 2026. Wer wird sich engagieren und wofür? Die Motive und Zwecke der Mäzene sind vielfältig, wie die News-Recherchen auf den folgenden Seiten zeigen. Spoiler: Steuerliche Gründe sind kein grundsätzlicher Antrieb.

Dietrich Mateschitz: Strategischer Mäzen

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Dietrich Mateschitz: Strategischer Mäzen
 © APA-Images / EXPA / JFK

Dietrich Mateschitz prägte seine Heimat als stiller, strategischer Mäzen, der ausgewählte, große Projekte langfristig finanzierte: Sie agieren in den Gebieten medizinische Forschung, Jugend- und Suchtprävention, Sportnachwuchs und Kultur mit regionaler Verankerung.

2004 gründete er mit Heinz Kinigadner die Stiftung „Wings for Life“, mit dem Ziel Querschnittlähmung heilbar zu machen. Die Stiftung fördert weltweit Hunderte Projekte zur Rückenmarkforschung. Über „Wings for Life“ wurde der globale Charity-Lauf World Run etabliert, über den seit 2014 mehr als 60 Millionen Euro Spenden gesammelt wurden. Die Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) in Salzburg unterstützte Mateschitz mit 70 Millionen Euro, der bis dahin drittgrößten Privatspende Europas an eine Universität, für ein Rückenmarkforschungszentrum.

Schweiz: Land der Stifter

Die Schweiz ist nicht nur ein Land der Banken und Luxusuhren. Sie ist auch ein Land der Stiftungen. Laut Schweizer Stiftungsreport 2023 bündeln gemeinnützige Stiftungen ein Vermögen von über 140 Milliarden Franken. Ende 2024 waren rund 13.700 Stiftungen eingetragen – das ergibt eine Dichte von 15,4 Stiftungen pro 10.000 Einwohner. International liegt die Schweiz damit an der Spitze. Basel-Stadt führt das Ranking an.

Das Stiftungsvermögen speist sich aus Unternehmensbeteiligungen, Immobilien, Kapitalanlagen und Erbschaften. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der Stiftungen von rund 8.000 auf über 13.000 erhöht. Mehr als die Hälfte ist jünger als 25 Jahre. Der Boom hat Gründe: Vermögenszuwächse bei Unternehmerfamilien, steuerliche Rahmenbedingungen, aber auch die Einsicht, dass Staat und Markt nicht alles auffangen können – etwa im Sozialen.

Schwergewichte mit Haltung

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Schwergewichte mit Haltung
 © Waltl & Waltl

Zu den vermögendsten Förderstiftungen zählt die Jacobs Stiftung, die sich der Bildungsförderung weltweit verschrieben hat. Ihr Vermögen belief sich Ende 2023 auf rund 6,1 Milliarden Franken. 2024 wurden 298 neue Stiftungen gegründet, 268 aufgelöst. Auffällig ist die steigende Zahl von Stiftungen „in Liquidation“.

Der Grund: Häufig reicht das Vermögen nicht mehr aus, um den Zweck sinnvoll zu erfüllen. Fast die Hälfte aller gemeinnützigen Stiftungen sind Förderstiftungen. Sie geben jährlich mindestens sechs Milliarden Franken für gemeinnützige Zwecke aus – deutlich mehr, als man lange angenommen hatte.

Stein am Rhein und die stille Macht des Geldes

Stein am Rhein ist ein Bilderbuchort mit kopfsteingepflasterten Gassen und reich bemalten Fachwerkhäusern. Zu fast jedem Haus gibt es eine Anekdote. Und irgendwann fällt, beinahe beiläufig, ein Name: die Stiftung, die dieses Stadtbild seit Jahrzehnten mit Millionen absichert: die Jakob und Emma Windler-Stiftung. Zum Nachlass der Geschwister Jakob (1885–1975) und Emma Windler (1891–1988) gehören nicht nur Liegenschaften in Stein am Rhein, sondern vor allem umfangreiche Pharma-Aktienpakete.

Rund die Hälfte des Stiftungsvermögens steckt bis heute in diesen Papieren. Errichtet wurde die Stiftung 1972. Sie zählt zu den Top 10 der reichsten Stiftungen des Landes. Rund 380 Millionen Franken hat sie bislang vergeben. 2024 wurden über 500 Gesuche behandelt und Fördermittel in Höhe von 25,8 Millionen Franken verteilt.

Das Geld fließt in ausschließlich regional inklusive Institutionen, in Kulturförderung und immer wieder in den Erhalt des Ortsbilds von Stein am Rhein. Ein aktuelles Großprojekt ist die Sanierung von Rathaus, Haus zum Steinbock und Zeughaus. Gesamtkosten: 25,79 Millionen Franken. Der Löwenanteil kommt von der Windler-Stiftung: bis zu 22,26 Millionen Franken, ein „Geburtstagsgeschenk“ an die Stadt zum 40-jährigen Bestehen der Stiftung. Einzige Bedingung: Die Bevölkerung muss zustimmen. Geben und Nehmen auf Schweizer Art eben. Großzügig, aber demokratisch abgesichert.

Ergänzende Unterstützung

Beihilfen erhalten aber auch Menschen in wirtschaftlicher Not, um ihnen eine menschenwürdige Existenz und soziale Teilhabe zu ermöglichen. Hinzu kommen Stipendien – von der Berufsvorbereitung bis zur Universität –, Unterstützung für Jugend- und Sportvereine sowie Beiträge zu Pflegeausbildungen im Rahmen der Pflegeinitiative des Kantons Schaffhausen.

Gerade hier schließt die Stiftung bewusst Lücken: Junge Studierende unter 25 Jahren, die vom staatlichen System weniger profitieren, werden gezielt unterstützt. Und dennoch gilt der Grundsatz: „Wir wollen keine Staatsaufgaben übernehmen.“

Der Weg zur Unterstützung ist kurz und digital: Gesuche, etwa für ein Stipendium, werden per Mail eingereicht. Vergeben wird nicht nach Wunsch, sondern nach Bedarf und nach dem, was die Stiftung zur Verfügung stellen kann. Berechtigt sind Menschen mit Bürgerrecht oder Wohnsitz in Stein am Rhein, sofern sie finanziell nicht auf der Sonnenseite stehen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 04/2026 erschienen.

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