Thomas Druyen
©IMAGO / Funke Foto ServicesNicht alle Vermögenden teilen ihren Wohlstand. Manche aber eben doch. Warum? Die Motive sind vielschichtig und haben entgegen Klischees wenig mit Eitelkeit oder Steuerersparnissen zu tun, erklärt Vermögensforscher Thomas Druyen.
Mäzenatentum bedeutet Förderung aus idealistischen Motiven, ohne Erwartung einer Gegenleistung. Worin liegt der Sinn für den Mäzen?
Der Begriff geht auf Gaius Cilnius Maecenas zurück, einen römischen Staatsmann im Umfeld des Kaisers Augustus. Er tat das nicht aus Eigennutz, sondern weil er überzeugt war, dass Kultur und Bildung die Grundlage einer stabilen und zivilisierten Gesellschaft sind. Mäzenatentum war auch ein Ausdruck von Kultur, sozialem Rang und Verantwortung. Adelige, Fürsten oder reiche Bürger förderten Künstler, Musiker oder Gelehrte, um das geistige Leben zu stärken und zuweilen das eigene Ansehen im kulturellen Gedächtnis zu sichern.
Ein solcher Mäzen denkt nicht in Ehre oder Dankbarkeit, sondern in Wirkung. Ihn treibt das Wissen, dass jede Generation Verantwortung trägt, das Unfertige weiterzubauen. Er will Lücken füllen, nicht Licht erzeugen. Der Erfolg seiner Förderung misst sich nicht an Denkmälern, sondern an Menschen, die durch seine Hilfe wachsen. Ein Mäzen oder eine Mäzenin werden vom Idealismus getragen.
Haben Mäzene dasselbe Motiv, oder gibt es unterschiedliche Antriebe?
Mäzene handeln aus unterschiedlichen, oft vielschichtigen Motiven. Manche sind von einem kulturellen oder humanistischen Ideal getragen. Sie fördern Kunst, Bildung oder Forschung, weil sie überzeugt sind, dass Fortschritt und geistige Entwicklung den Menschen und damit auch die Gesellschaft voranbringen. Andere werden durch ein tiefes Gefühl sozialer Verantwortung bewegt. Sie wollen Ungerechtigkeit ausgleichen, Chancen schaffen oder Not lindern. Wieder andere sehen im Mäzenatentum eine Form persönlicher Selbstverwirklichung. Sie möchten ihre Werte sichtbar machen, Spuren hinterlassen und etwas schaffen, das über das eigene Leben hinaus Bestand hat. Allen gemeinsam ist die Suche nach Sinn jenseits des bloßen Reichtums.
Manche Ergebnisse von Mäzenatentum sind speziell, wie im Fall Klaus-Michael Kühne, der meint, Hamburg braucht ein neues Opernhaus. Welche Rolle spielt es, etwas zu tun, einfach weil man es kann?
Hier verlassen wir die Aura des Mäzenatischen und sind schon im Bereich der professionellen Philanthropie. Dennoch gilt: Der Mensch kann nur das tun, was er vermag. Insofern richtet sich das manifeste Ergebnis immer nach den potenziellen Möglichkeiten. So kommt es zu Elbphilharmonien, Kunstsammlungen oder Plätzchen für einen Kindergarten. Die Öffentlichkeit im deutschsprachigen Raum vermutet hinter Größe allerdings immer etwas Anmaßendes.
Welche Rolle spielt es dabei, anderen sein „Können“ zu zeigen?
Sicherlich ein Gefühl von Macht, Einfluss und Zufriedenheit. Aber wenn das Ergebnis für eine große Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern von nachhaltigem Nutzen ist, hat es eine sinn- und gemeinschaftsstiftende Bedeutung.
Eins ist sicher, wer Vermögen bekommt, wird nicht automatisch zum Mäzen
Gibt es Gemeinsamkeiten unter Mäzenen? Wer wird, wenn er zu Vermögen bekommt, Mäzen?
Die Beantwortung dieser Frage erfordert eine Doktorarbeit. Allein die Frage, ob weibliche und männliche Mäzene anders agieren, bedarf einer umfassender Betrachtung. Kurz ist nur seriös zu sagen, dass die Motivation des möglichen Gebens in erster Linie vom Charakter, von der Herkunft, von der Sozialisation, vom spirituellen Bewusstsein und von der Kulturzugehörigkeit abhängen. Eins ist sicher, wer Vermögen bekommt, wird nicht automatisch zum Mäzen.
Gibt man eher, wenn man sich Vermögen selbst erarbeitet hat? Oder wenn man geerbt hat?
Für alles gibt es Ausnahmen. Aber grundsätzlich sind jene Tycoons, die ihr Vermögen selbst aufgebaut haben, früher und heute eindeutig wirksamer. Dahinter steht die Erfahrung von Gestaltungskraft. Wer sein Vermögen selbst geschaffen hat, möchte auch mit seinem Reichtum gestalten. Mäzenatentum und Philanthropie werden so auch zur vermögenskulturellen Fortsetzung des guten Unternehmertums mit anderen Mitteln. Bill Gates und Warren Buffett sind hier wegweisende Anschauungsobjekte, allerdings nur in Bezug auf die Kultur des Gebens.
Welche Rolle spielen Dankbarkeit, Status, Pflicht in der Philanthropie?
All diese Faktoren und viele weitere wie das Gefühl des Zurückgebens, der Demut oder auch des Ablasses oder des seelischen Reinwaschens sind Impulse, die in der Innenwelt der Gebenden hin und her bewegt werden.
Inwieweit geht es um Veränderungswillen?
Der spielt eine maximale Rolle. Allerdings haben wir es hier global und national mit einem riesigen Spektrum zu tun. Es kann um religiöse, bildungsrelevante, soziale oder ideologische Veränderung gehen. Ebenso sind Forschung. Medizin, Unternehmertum, Kunst, Kultur und Ökologie herausragende Sphären, in denen Vermögende prägen wollen.
Hat es großen Stellenwert, etwas hinterlassen zu wollen?
Veränderungswille und das Bedürfnis, eine Hinterlassenschaft zu erzeugen, sind zwei Seiten einer psychologischen Medaille. Auch der Gedanke des Vererbens im Familiären wie des im über die Lebensspanne Hinauswirkens sind Spuren dieses persönlichen Mindsets.
Für viele Großspender ist der Steuervorteil eher ein Instrument zur Effizienz, nicht der Grund des Handelns
Welche Rolle spielen Steuervorteile?
Diese Frage wird mir seit Jahrzehnten gestellt. Sie klingt in den deutschsprachigen Ländern immer so, als könne man sie jetzt ertappen, die Reichen und Vermögenden! Aber in anderen Kulturen wie USA oder Indien wird das völlig anders bewertet. Also: Steuervorteile spielen eine reale, aber nicht die entscheidende Rolle. In den USA wie in Europa mindern sie zwar die tatsächliche finanzielle Belastung erheblich, doch sie erklären nicht das Motiv des Gebens. Der steuerliche Abzug macht Spenden attraktiver und planbarer, aber kein Mensch spendet Milliarden allein wegen der Steuer.
Für viele Großspender ist der Steuervorteil eher ein Instrument zur Effizienz, nicht der Grund des Handelns. Wer 100 Millionen spendet, um 30 Millionen Steuern zu sparen, gibt trotzdem 70 Millionen aus. Das ist kein rationales Steuersparmodell, sondern eine bewusste Entscheidung, Geld in Bedeutung zu verwandeln, statt es dem Staat zu überlassen. Allerdings beeinflussen steuerliche Rahmenbedingungen das Volumen und den Zeitpunkt des Gebens. In Ländern mit hohen Abzugsmöglichkeiten wie den USA ist Philanthropie systematisch stärker ausgeprägt als etwa in Deutschland oder Österreich. Steuern steuern also, aber sie ersetzen nicht das Motiv.
Dietrich Mateschitz’ Stiftung für Rückenmarksforschung „Wings for Life“ entstand nach einem Unfall im Freundeskreis. Die Familie Ströck gründete die WE&ME Stiftung für ME/CFS-Forschung aufgrund zweier Erkrankungen in der Familie. Welche Rolle spielt persönliches Erleben im Mäzenatentum?
Dieser Faktor ist immer vorhanden und oftmals ein entscheidender Auslöser. Zudem kommt die innere Notwendigkeit des Gebenwollens auch aus dem Fundus der Empathiefähigkeit.
Hat sich Philanthropie in den letzten Jahrzehnten verändert?
Ja, die Philanthropie hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Sie ist professioneller, datenbasierter und globaler geworden. Wo früher persönliche Großzügigkeit und symbolische Gesten dominierten, steht heute Wirkung im Mittelpunkt. Spenderinnen und Spender denken wie Unternehmer: Sie wollen messbare Ergebnisse, Transparenz und gesellschaftliche Hebelwirkung. Themen wie Klima, Bildungsgerechtigkeit, Digitalisierung und Gesundheit haben klassische Kulturförderung weitgehend verdrängt. Zudem prägt eine neue Generation das Feld: jünger, weiblicher, technikaffiner und oft kritisch gegenüber alten Eliten. Philanthropie ist weniger Wohltat als strategische Investition in Zukunftsfähigkeit.
Die weltweite Zahl der Milliardäre ist zuletzt rasant gestiegen. Lässt sich das auch am Anstieg im Mäzenatentum ablesen?
Nur teilweise. Die Zahl der Milliardäre wächst rasant, doch das Mäzenatentum wächst nicht im gleichen Maß. Zwar gibt es mehr Stiftungen, mehr Spenden und spektakuläre Einzelaktionen, aber der Anteil des Vermögens, der tatsächlich philanthropisch eingesetzt wird, bleibt gering. Studien wie der Wealth-X Philanthropy Report zeigen, dass nur ein kleiner Teil der Superreichen systematisch und dauerhaft gibt. Viele betrachten ihr Vermögen weiterhin als privates Projekt, nicht als gesellschaftliches Kapital.
Es gibt aber Ausnahmen. In den USA etwa haben Initiativen wie das Givin-Pledge-Bewegung in die Szene gebracht. In weiten Teil der Welt, auch in Europa, ist die Kultur des Gebens dagegen noch zurückhaltender. Vermögensaufbau wächst schneller als Verantwortungsbewusstsein. Der Reichtum steigt exponenziell, das philanthropische Bewusstsein nur linear. Aber auch in diesem Thema bedarf es sehr differenzierter Wahrnehmung. Aber klar ist: Mehr Milliardäre bedeuten nicht automatisch mehr Mäzene. Aber sie bedeuten mehr Verantwortung, die noch längst nicht eingelöst ist.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 04/2026 erschienen.








