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Arnold Reinisch: „Kunst darf auch sperrig daherkommen“

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©Patrick Schuster

In seiner Kunst, einem multimedialen Oszillieren, geht es Arnold Reinisch nicht darum, zu gefallen: Abseits von Trends ist seine Arbeit ein Forschen am menschlichen Körper – unter den Gesichtspunkten der Optimierung, Fragmentierung und Manipulation.

Atelierbesuch bei Arnold Reinisch

© VGN | Osama Rasheed

Lautstark prasselt der Sommer­regen rhythmisch gegen das Dach der einstigen Scheune. Von der südsteirischen Hügellandschaft ist indes kaum etwas zu sehen. Eine dichte Regenwand versperrt bereits nach wenigen Metern die Sicht auf das Dahinter. Während draußen die bloß schemenhaft zu erahnende Welt unterzugehen droht, zeigt sich im Inneren der ehemaligen Stallungen ein dystopischer Ausblick auf ein mögliches Danach. Gesehenes erweckt die Vision einer post-apokalyptischen Szenerie: In Regalen gestapelte Gläser, deren fleischig anmutende Inhalte an anatomische Feuchtpräparate erinnern, vermitteln den atmosphärischen Eindruck eines Kuriositätenkabinetts. Die an den Wänden hängenden Fotografien sind Abbild anthropomorpher, obskurer Wesen, die allem Anschein nach ihren Ursprung einst in einem solchen Glas fanden. Selbiges gilt im Übrigen für die amorphen, organischen Gebilde, die wie selbstverständlich ein Stück des Raums für sich beanspruchen. Fast scheint es, als würden sie jeden Augenblick zu atmen beginnen. Sie tun es aber nicht. Und taten es auch nie.

Denn hier, südlich von Graz, findet sich weder eine anatomische Sammlung noch das Labor Victor Frankensteins. Seit wenigen Monaten ist die zweckentfremdete Scheune des Anwesens Schaffensstätte und Kunstlabor des Künstlers Arnold Reinisch. „Meine Frau ist Architektin – ihr habe ich hier mein neues künstlerisches Reich zu verdanken“, führt er durch die frisch renovierten Räumlichkeiten. Auf zwei Etagen und insgesamt knapp 500 Quadratmetern frönt er seiner Leidenschaft.

Künstlerische Reise auf Umwegen

Ihren Anfang findet diese bereits zu intrauterinen Zeiten: „Ich bin als Künstler auf die Welt gekommen“, glaubt Reinisch an Berufung. Selbst ein angeborener Augenfehler, der ihm räumliches Sehen verwehrt, scheint nicht an diesem Glauben rütteln zu können. Das mache es bloß spannender. Als Künstler geboren, verzichtet er auf eine klassische Ausbildung. Scherzhaft verweist er auf die Biografie Arnulf Rainers: „Wir sind beide Österreicher, haben dieselben Initialen und übermalen Fotos und Bilder – neben Stift und Pinsel übermale ich außerdem mit dem Computer.“

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Die Serie „Hyle“ ist Referenz auf Aristoteles’ Metaphysik und phonetisches Spiel mit dem Wort „Hülle“ – mittels Silikonhaut erschaffte anthropomorphe Skulpturen.

 © beigestellt

Doch eines unterscheidet den Künstler vom „Übermaler“: „Rainer war einen Tag länger an der Akademie“, referenziert Reinisch auf dessen ersten Studienanlauf, den er nach nur einem Tag ab-bricht. Er selbst hingegen ist Auto­didakt. Und bleibt es aus Überzeugung: „Ich frage mich, ob man Kunst überhaupt lernen kann“, wirft er die Frage rhetorisch in den Raum. Ohne eine Antwort abzuwarten, legt er nach: „Techniken ja, aber Kunst?“ Reinischs Schaffenswille ist intrinsischer Natur. „Kunst ist für mich eine Notwendigkeit“, so der Künstler, dessen Berufung 2012 in der Gründung der Kunsthalle Graz resultierte. „Sie ist gewissermaßen Existenzgrundlage.“

Dementsprechend ist seine künstlerische Reise eine unkonventionelle. Eine Reise, die zunächst im Alter von 20 Jahren per Autostopp über den Landweg nach Indien und später weiter nach Nepal führt. Eine Spiegelreflexkamera – die er sich mit 17 Jahren zulegt und deren Anschaffung zahlreiche schlaflose Nächte in der Dunkelkammer nach sich zieht – und ein Block mit Farben werden zu seinen steten Begleitern. „Nach ein bisserl Typhus in Indien und Tuberkulose in Nepal habe ich zur Gaudi in der heiligsten aller Städte Indiens eine Sekte gegründet – streng genommen, bin ich immer noch der ‚Sri Sri Swami‘-Guru Garudananda“, fährt er sich schmunzelnd durchs schulterlange Haar. Ein Geschäftsmodell, an dem er allerdings nicht lange festhält. Braucht er auch nicht. Denn das Reisen formt zusehends sein künstlerisches Narrativ.

Sich zur Wehr setzen

„In meiner Kunst transformiere ich Gesehenes in meine eigene Bildsprache“, so der Künstler. „Und zu sehen gibt es auf Reisen so einiges.“ In Zeiten wie diesen bedarf es jedoch nicht länger ausgedehnter Aufenthalte an entlegenen Orten, um Kunst zu schaffen: „Man wird ohnehin von Informationen erschlagen und von einem Meer aus Bildern geflutet.“ Die einzige Art, um damit fertig zu werden? „Sich mit Fotos, Bildern, Skulpturen und Installationen dagegen zu wehren.“ Womit Reinischs Tätigkeitsbereich sogleich abgesteckt wäre: Ein multimediales Spannungsfeld, das künstlerische Gattungsgrenzen auslotet, um sie im nächsten Schritt bewusst zu überschreiten.

Seine Kunst ist ein permanentes Oszillieren. Das eine bedingt dabei das andere. Während das Zeichnen und Malen ebenso wie die Fotografie immer schon präsent waren, erschließt sich die Skulptur – zunächst aus Lehmpatzen – erst im Laufe der künstlerischen Genese. Sie wird zur einer Art Emanzipation des Figurativen aus der Fläche. Zur beispielhaften Eroberung des Raums; zu einer Art Befreiungsschlag. Bloß, um sie – die Skulptur, das Figurative – im späteren Arbeitsprozess im Medium der Fotografie wieder zurück in die Zweidimensionalität zu überführen.

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Mit Fortschritt der KI besinnt sich Reinisch zunehmend wieder auf analoge Medien zur Übermalung seiner Fotografien – in seiner jüngsten Serie malt er schwarze Löcher in die Gesichter seiner Modelle.

 © beigestellt

In der Mitte der Mensch

Epizentrum all seiner Werkgruppen ist der Mensch – sein Körper und alles, was mit ihm in Kontext steht. „Als Mensch bist du Teil der Gesellschaft und Zen­trum deines eigenen Universums – nicht davon auszugehen, wäre für mich undenkbar.“ Er konkretisiert: „In meinen Arbeiten setze ich mich mit Gentechnologie, Körperoptimierung, Hybriden und dystopischen Aussichten sowie dem Vordringen des Menschen in jeden Bereich auseinander.“ Weniger konkret ist hingegen die Darstellung des auserkorenen Motivs: Mit Konsequenz verfolgt er in den unterschiedlichen künstlerischen Genres dessen Adaption. Neben unterschiedlichen Medien bedient er sich in seinem konzeptuellen, manipulativen Schaffensprozess auch diverser Materia­lien. „Seit etwa fünf Jahren arbeite ich hauptsächlich mit zweikomponentigem Silikon“, verweist er auf zwei Kanister, deren Inhalt – gemischt – etwa eine halbe Stunde verarbeitbar ist. Danach beginnt der Trocknungsprozess.

Getrocknet wird gerade eine großflächige Schicht eingefärbtes Silikon, das optisch stark an Inkarnat, an menschliche Haut, erinnert. Die daneben liegenden, zurechtgeschnittenen Kabelkanäle sind eine Nuance dunkler gefärbt – auch sie erinnern an organische Strukturen. Am ehesten an eine Luft- oder Speiseröhre, entfernter vielleicht an Gedärme. Beides zusammen liefert die Basis einer „Softsculpture“, die Reinisch im nächsten Prozessschritt mit einem mensch­lichen Körper zu einer künstlichen ­Chimäre hybridisiert – ehe er sein Modell vor dunklem Hintergrund vor die Kamera bittet. Anonymisiert durch eine Silikonmaske, versteht sich. Und das nicht bloß zum Schutz der Privatsphäre: „Es geht mir dabei auch um die gezielte Loslösung von Identität – um das wortwörtlich Schlüpfen in eine andere Haut. Getrieben von der Fragestellung: Wie kann man dem Überwachungsstaat, der Erfassung biometrischer Daten ent­kommen?“

„Deko gibt es zur Genüge“

Das Endergebnis seiner digitalen Mittelformatfotografie erhält am Computer seinen letzten Feinschliff, ehe sich die Fotografie in kleiner Auflage in seine Werkgruppe „Vintage Dystopia“ einreiht. „Dystopie bezeichnet in der Medizin die Verlagerung von Organen und Gewebe an unübliche Stellen“, erläutert er Dargestelltes. Gleichermaßen steht die Terminologie für das Gegenteil der Utopie; für einen wenig hoffnungsvollen Zukunftsentwurf. Reinischs Arbeit ist ein Protest gegen das Vollkommene. Ein Protest, der die menschliche Anatomie unter bestimmten Gesichtspunkten wie etwa der Annahme fiktiver Szenarien fragmentiert, re-formiert, formatiert und neu denkt. Begleitet von einem steten, ironischen Augenzwinkern sind Reinischs Anordnungen, Konstellationen, Kombinationen und Kreationen durchaus als Äußerung gesellschaft­licher Kritik zu verstehen. Sie stemmen sich den durch diverse Industrien und soziale Medien propagierten Perfek­tionsbestrebungen – den menschlichen Körper betreffend – entgegen.

Dass er sich damit fernab der gesellschaftlichen Idealauffassung von Ästhetik bewegt, ist demnach nicht bloß gewollt, sondern explizit gewünscht: „Meine Kunst passiert im Abseits von Trends oder etwaigen Modeerscheinungen“, so der Künstler. „Es geht mir da­rum, das Schöne im Hässlichen auszuloten und aufzuzeigen.“ Den Ursprung des „speziellen Charmes, der gewiss nicht jedermanns Sache ist und wohl auch nicht in jedes Wohnzimmer passt“, seiner Werke verortet Reinisch in seiner früheren Tätigkeit als Scheidungsfotograf. Und dennoch sind Reinischs Arbeiten, die im Betrachtenden manchmal sogar Ekel evozieren, in ihren Grund­zügen betrachtet, ästhetische Fotogra­fien. Doch um die Erfüllung irgend­welcher Erwartungshaltungen geht es ihm dabei ohnehin nicht. Weitaus bedeutender für ihn als Künstler: Kunst muss anregen und inspirieren. „Sie darf dabei ruhig auch sperrig daherkommen – langweilige Wohnzimmerdekoration gibt es mittlerweile ohnehin zur Ge­nüge.“

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