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Peter Henisch: „Ich war von ihr fast besessen“

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Peter Henisch

©Willi Svoboda, Deuticke

Der Wiener Schriftsteller Peter Henisch begann seine glanzvolle Karriere vor einem halben Jahrhundert, indem er den Vaterroman erfand. Jetzt meldete sich bei ihm machtvoll die lang verstorbene Mutter: ein exemplarisches und doch autonomes Frauenschicksal.

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Muttersuchen

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Der blutjunge Wehrmachtfotograf Walter Henisch, dessen Heldendarstellungen Aufmerksamkeit erregt hatten, heiratete 1942 die Favoritnerin Rosa Jirku. Sie verkörperte und konterkarierte bis zu ihrem Tod im Jahr 1982 das Frauenbild ihrer Generation. „Muttersuchen“.

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51 Jahre ist das her, da begründete der Wiener Peter Henisch maßgeblich das Genre der Väterbücher. Der prominente Fotograf Walter Henisch hatte, schon zu Tode krank, dem 32-jährigen Sohn eine Anzahl an Tonbändern besprochen. Gut verborgener jüdischer Herkunft, hatte er als Kriegsfotograf in der Nazi-Propaganda-Kompanie 693 sein Glück gemacht. Nach dem Krieg war er schwerelos in den Dienst der Sozialdemokratie geglitten. „Die kleine Figur meines Vaters“ wurde ein Gegenwartsklassiker.

32 Jahre später schrieb Henisch im bezaubernden autofiktionalen Roman „Eine sehr kleine Frau“ die Geschichte seiner jüdischen Großmutter nieder.

Jetzt ist er 82 und hatte eine Schuld abzutragen. Vor drei Jahren habe sich die Mutter in seinem Kopf gemeldet, nicht mehr als Nebengestalt, sondern als Zentralgestirn. „Ich war fast besessen von ihr.“ Also wurde es Zeit. „Ich weiß ja nicht, wie viele Bücher ich noch schreiben kann.“

Exempel und Ausnahme

Weil die Mutter schon 1982 verstorben ist, hat er sich in sie hineinzuversetzen versucht, um die Ewigkeit seither zu überbrücken. Das Resultat ist ein klar und schön erzählter, hellsichtiger und doch hoch emotionaler Roman. Ein exemplarisches Frauenschicksal speziell der Wiederaufbauzeit?

„Sie ist exemplarisch, weil sie von den Dreißigerjahren über die Nazi-Zeit bis über die Nachkriegszeit hinaus Zeitzeugin war. Aber ihr Leben war auch untypisch. Sie kam mehr herum als viele andere Frauen. Für das Madl aus Favoriten hat sich ein Tor zur Welt geöffnet. Sie lernt prominente Menschen kennen, bildet sich etwas darauf ein, dass ihr der Bürgermeister Theodor Körner die Hand geküsst und der Außenminister Figl ins Dekolleté geschaut hat. Sie wird auch ihren Schwestern gegenüber arrogant. Und dann fällt sie doch auch in das typische Hausfrau-Mutter-Leben.“

Der Mann war kein Verächter der erotischen Benefizien eines Prominentenlebens, machte sie aber auch im Sinne früher ­Emanzipation zu seiner Partnerin und Assistentin. Für seine Eskapaden revanchierte sie sich mit gleicher Währung.

Dass auf der ganzen Welt ein aggressiver Antisemitismus auf Knopfdruck wieder aufrufbar ist, hätte ich mir nicht mehr gedacht

Peter Henisch

Speziell das Buch über die jüdische Großmutter legt plötzlich wieder an Brisanz zu. Antisemitismus schien noch vor Kurzem eine entlegene historische Scheußlichkeit. Und jetzt? Vor einem Jahr, erzählt Henisch, sei er die Wollzeile stadteinwärts gegangen, gekleidet in einen schwarzen Regenmantel, ein Souvenir aus New York. Da überholte ihn ein Passant und raunte vernehmlich: „Ein Jude!“ Er hätte sich umdrehen und „ein Arschloch“ erwidern sollen, bedauert Henisch den Augenblick mangelnder Geistesgegenwart.

„Dass auf der ganzen Welt ein aggressiver Antisemitismus auf Knopfdruck wieder aufrufbar ist, hätte ich mir nicht mehr gedacht. Da hieß es immer, dass das alles Gott sei Dank vorbei ist, aber es kann offenbar jederzeit wiederkommen.“ Und das auch noch von links. „Für jemanden, der immer links war, ist das beschämend. Wir müssen aber aufpassen: Dass man empört ist über das barbarische Vorgehen des israelischen Militärs im Gazastreifen und über das brutale Vordringen der israelischen Siedler, das ist nicht automatisch Antisemitismus – wenn ich davon höre oder lese, bin ich auch und jeden Tag aufs Neue empört.“ Heillose Zeiten sind das.

Steckbrief

Peter Henisch

Peter Henisch, geboren am 27. August 1943 in Wien, ist ein österreichischer Schriftsteller, Journalist und Musiker. Nach einem Studium der Germanistik, Philosophie, Geschichte und Psychologie arbeitete er bei der „Arbeiter-Zeitung“ und war 1969 Mitbegründer der Literaturzeitschrift „Wespennest“.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 35/2026 erschienen.

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