ABO

Michael Köhlmeier: „Wir hatten uns zu schämen für alles, was wir waren“

Aktualisiert
Lesezeit
6 min
Artikelbild
©Matt Observe

Die Widmung lautet schlicht „Monika". Das Buch war gedruckt, als Michael Köhlmeiers Ehefrau, die Schriftstellerin Monika Helfer, an einem Sturz starb. Das Buch ist eine wundersame Expedition in Köhlmeiers Außenseiterkindheit. Lesen Sie einen Auszug.

News auf Google bevorzugen
Mein privates Glück: Roman Ein Lebensbuch, der Roman einer Familie

Mein privates Glück: Roman Ein Lebensbuch, der Roman einer Familie

HANSER FACHBUCHVERLAG

1953: Der vierjährige Michael Köhlmeier übersiedelt aus Coburg ins Vorarlbergische zu den Eltern, von deren Existenz er nichts wusste. Eine Familie von Außenseitern, die Mutter nach einer Fehlgeburt gelähmt. „Mein privates Glück“ ist ein wundersames Kindheitsbuch.

EUR 26,00
Jetzt Kaufen

Er schämte sich. Ich schämte mich. In der Scham fühlte ich mich ihm verbunden. Schon nach wenigen Metern, die mein Vater und ich nebeneinander durch den Schnee gingen, weitete sich meine Scham auf unsere ganze Existenz aus. Wir beide gehörten zu der Familie, die sich schämte. Wir sind von der Art, die sich schämt. Nicht nur schämen, weil wir solche sind, die bösen Buben die Luft aus dem Fahrrad lassen und die Ventile über den Zaun werfen.

Nicht nur schämen, weil die Mutter erstens aus Deutschland heruntergekommen ist, eine »Kriegsbeute«, zweitens nur mithilfe von Krücken und einem Stützapparat gehen kann, drittens den Ruf hat, besser kochen und backen zu können als die hiesigen Hausfrauen, was einer Verspottung derselben gleichkommt – wir hatten uns zu schämen für alles, was wir waren.

Für den langen Mantel des Vaters, für die Baskenmütze des Vaters, für seine grellen Socken, für seine grauen Halbschuhe mit den hellen Kreppsohlen, für die cholerischen Anfälle der Mutter, die bis zu den Bahngleisen hinauf zu hören waren, für das außergewöhnliche Gesicht der Mutter, das sich jeder bereits nach drei Sekunden Anschauen ein Leben lang merkte, für den Aberglauben und das Vor-sich-hin-Murmeln der Großmutter und ihren gesenkten Blick, als wollte sie sich nicht einmal ansehen, wo sie gelandet war, für die schon fast übernatürliche Lesegeschwindigkeit meiner Schwester.

„Wir, die Outlaws“

Weil unser Vater alles wusste, alles besser wusste, ohne ein Besserwisser zu sein, einer, der daran glaubte, dass Wissen die Welt verbessern kann, ein Prediger von welchen Gnaden auch immer – deshalb waren wir, was auch Jimis Leute waren: »Outlaws«. Solche gab es in den Erzählungen von Onkel Otto – von daher kannte ich das Wort –, nur dass ich in der Wirklichkeit kein solcher sein wollte. Ja, mein Vater hätte andere Socken anziehen können, andere Schuhe, statt einer Baskenmütze einen Hut, damals trugen viele Männer noch Hut, er hätte gehen können, wie alle gehen, mit parallel zueinander sich bewegenden Füßen.

Wir hätten alles unternehmen können, damit kein Anlass mehr bestünde, dass wir uns schämen müssen. Taten wir aber nicht

„… aber allen war es peinlich“

Wir hätten alles unternehmen können, damit kein Anlass mehr bestünde, dass wir uns schämen müssen. Taten wir aber nicht. Wir waren und wir hatten alles, was ein Gerede auslösen konnte. Am Sonntag in der Kirche trug mein Vater seine Frau durch den Mittelgang nach vorne zur Kommunion vor den Altar. Ähnliches hatte die Gemeinde noch nie gesehen, die Gesichter aller waren auf die Meinen gerichtet, Gesichter wie in Einmachgläsern.

Alle sagten, wie sehr sie ihn bewundern, aber allen war es peinlich. Einmal oder zweimal, ja. Aber jeden Sonntag? Das hatte etwas Demonstratives, Provozierendes. Das könnte heißen: Würdet ihr das auch tun für eure Frau? Doppelt peinlich, weil er selbst die Kommunion nicht entgegennahm. Er, ein Sünder also, trotz des Tragens der Frau? Er trug sie nicht, wie Jesus sein Kreuz getragen hatte, zermürbt, geschunden, gedemütigt vom Schicksal, das ihm so eine Frau hinübergeschupft hatte, nein, er trug sie lustigen Schritts, die Füße auswärts, federnd, küsste sie in den Nacken, flüsterte ihr grinsend etwas ins Ohr, worauf in sie ihn empört lächelnd knuffte.

© Matt Observe

Steckbrief

Michael Köhlmeier

wurde am 15. Oktober 1949 in Hard, Vorarlberg, in eine Journalistenfamilie geboren. Er begann als Mitarbeiter beim ORF-Studio Vorarlberg und begann in den Achtzigerjahren als Autor von Hörspielen. Seit den Neunzigerjahren ist er einer der gefeiertsten Schriftsteller des Sprachraums. Neben zahlreichen Romanen mit größter Bandbreite der Sujets schuf er auch brillante Nacherzählungen der griechischen und germanischen Sagen­literatur, die heute Standardwerke sind. Köhlmeier ist mit der Schriftstellerin Monika Helfer verheiratet. Er lebt in Vorarlberg und Wien.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 35/2026 erschienen.

Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Wenn Sie auf einen solchen klicken und über diesen einkaufen, bekommen wir von dem betreffenden Online-Shop oder Anbieter eine Provision. Für Sie verändert sich der Preis nicht.

Kunst & KulturSchriftsteller:innen

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER