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Christoph Schlingensief: „Der mit dem Container“

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Christoph Schlingensief©imago images/DRAMA-Berlin.de

Für Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek war Christoph Schlingensief „der bedeutendste politische Denker im deutschen Kunstbetrieb“. Anno 2000 fügte er mit seiner Container-Aktion „Ausländer raus!“ den Wiener Festwochen ein unvergessliches Kapitel hinzu. 2010 starb er an Krebs. Die Festwochen und das Museum für Angewandte Kunst widmen ihm nun eine Ausstellung.

Das muss man sich einmal vergegenwärtigen: ein 26 Jahre altes Projekt der Wiener Festwochen, das dauerhaft in der Erinnerung der Stadt geblieben ist. Obwohl vor der Staatsoper bloß ein Gebirge aus Containern aufgetürmt war, wie man es oft auf Baustellen antrifft.

Der junge Künstler, der das blecherne Mahnmal damals ins Herz der Stadt gepflanzt hat, wäre heute 66, hätte ihn nicht vor 16 Jahren der Krebs aus einem rastlosen, lustvollen Schaffen gerissen.

Zeitloses Problem

Aber den Container, Schauplatz von Christoph Schlingensiefs skandalumtobter Aktion „Ausländer raus, bitte liebt Österreich“, gibt es noch. Als Exponat der Zeitgeschichte ist er ab 12. Mai im Museum für Angewandte Kunst (MAK) Teil einer Ausstellung, die an den singulären Künstler erinnert Der Titel „Es ist nicht mehr mein Problem“ könnte indes leicht mit „aber unseres“ ergänzt werden.

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Wien 2000: Die Container-Aktion „Ausländer raus“ vor der Staatsoper.

 © David Baltzer/Bildbühne

„Das Erschreckendste an seiner Kunst ist, dass sich die Themen, die im Zentrum seiner Arbeit standen, überhaupt nicht verändert haben. Was er aufgezeigt hat, ist immer noch das, woran wir als Gesellschaft arbeiten müssen“, sagt MAK-Direktorin Lilli Hollein, die das Ereignis mit den Wiener Festwochen koproduziert. „Wir präsentieren einen Künstler, der für uns total präsent ist, der ein Gefühl erzeugt hat, das man nie wieder vergisst.“

Ein Blick zurück ins Jahr 2000: Kanzler Wolfgang Schüssel, der bei der Nationalratswahl nur Dritter wurde, koaliert mit Jörg Haiders FPÖ. Die EU hat Österreich daraufhin mit Sanktionen belegt, „vier Weise“ sollen nach den Rechten sehen. Nach der Angelobung im Februar ziehen jeden Donnerstag Demonstranten durch die Stadt.

Jelinek und Gysi im Container

Haiders Ausländer-Volksbegehren, das 300.000 Wohlmeinende mit einem Lichtermeer beantwortet haben, ist noch in Erinnerung. Jetzt weht der Wind wieder von rechts. Deshalb errichtet Schlingensief im Auftrag der Festwochen seinen Container vor der Oper. Zwölf Asylanten werden hier eingesperrt, und nach dem „Big Brother“-Verfahren sollen die echten Österreicher über Verbleib oder Abschiebung abstimmen.

Die wüten allerdings lieber vor dem Container, für den alsbald die Elite tätig wird. Elfriede Jelinek schreibt für die Insassen ein Kasperltheaterstück, die deutschen Politiker Gregor Gysi und Daniel Cohn-Bendit wechseln sich mit dem Schauspieler Paulus Manker ab. Als realsatirische Pointe stürmen Linke, die das anarchische Treiben für bare Münze nehmen, den Container, um Asylsuchende zu befreien.

Der Präzisionskünstler

Schlingensief war damals schon ein etablierter Provokateur, hatte sich mit der Filmtrilogie „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“, „Das deutsche Kettensägenmassaker“ und „Terror 2000“ schon als charismatischer Aufrührer ins deutsche Bewusstsein eingeschrieben.

Er verfügte über eine außerordentliche, sympathische Leichtigkeit und gleichzeitig über Tiefe, Ernsthaftigkeit, Intelligenz und Charme

Markus Hinterhäuser

Seine erste Begegnung mit ihm war 1998, erinnert sich der ­Pianist Markus Hinterhäuser, damals Leiter der Salzburger Festspiel-Avantgardeschiene „Zeitfluss“. Die Kultur­organisation „Szene Salzburg“ wollte damals Schlingensiefs Performance „Baden im Wolfgangsee“ umsetzen. Millionen deutscher Arbeitsloser sollten sich gleichzeitig in den Wolfgangsee stürzen, um die Sommerresidenz des deutschen Kanzlers in St. Gilgen zu fluten.

Als der Salzburger ÖVP-Bürgermeister Josef Dechant der Organisation mit dem Entzug sämtlicher Subventionen drohte, holten der spätere Festspielintendant Hinterhäuser und sein Kollege Tomas Zierhofer-Kin Schlingensiefs Performance in ihr Programm. Statt Millionen fanden sich allerdings höchstens 100 ein. Hinterhäuser: „Die Aktion hatte die Ungefährlichkeit eines ökumenischen Kirchentags.“

„Tiefe und Leichtigkeit“

Aber die Marke hatte sich dauerhaft etabliert. „Schlingensief“, skizziert Hinterhäuser das Paradoxon, „verfügte über eine außerordentliche, sympathische Leichtigkeit und gleichzeitig über Tiefe, Ernsthaftigkeit, Intelligenz und Charme. Diese Eigenschaften zu vereinen, ist ein Kunststück.“

Das gern genommene Schaffensprinzip „Ich bin jetzt politisch und habe alle Aufmerksamkeit“ sei Schlingensief fremd gewesen. „Er hat erfüllt, was ich als meine eigene Definition für Kunst kreiert habe: Kunst ist Form und Freiheit. Kunst ohne Form gibt es nicht und Kunst ohne Freiheit auch nicht.“

Eine Figur wie Schlingensief fehlt in diesen Zeiten der Angepasstheit immer mehr

Markus Hinterhäuser

Hinterhäuser verweist auf die enorme Präzision im scheinbar Spontanen. Und in der Tat, wer Schlingensief bei der Arbeit beobachten durfte, staunte, wie das Chaos auf einer bis ins Letzte durchkomponierten Partitur beruhte.

Nie hätte sonst der präzisionsbesessene Dirigent Pierre Boulez mit ihm in Bayreuth Wagners „Parsifal“ erarbeitet. Hinterhäusers Fazit: „Eine Figur wie Schlingensief fehlt in diesen Zeiten der Angepasstheit immer mehr.“

Ein Blick auf das Gesamtkunstwerk

Treffen im MAK mit Schlingensiefs Ehefrau Aino Laberenz, die seinen Nachlass verwaltet und mit dem Kurator Raphael Gygax die Ausstellung aufbaut. „Wir zeigen die unterschiedlichen Ebenen, in denen er gearbeitet hat, und wie diese miteinander interagieren. Es ist aber keine Retrospektive, eher eine Übersicht. Themen wie Angst, Terrorismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus hat er immer wieder aufgegriffen. Und auch das wird in den einzelnen Arbeiten/Projekten ersichtlich“, erklärt Laberenz. „Was wir hier nicht machen“, fügt sie hinzu, „ist, wir spielen Christoph Schlingensief. Christoph war sehr genau in dem, was er festgelegt und auch hinterlassen hat.“

„Manchmal fällt mir auch auf“, setzt sie fort, „dass ein bestimmtes Bild von ihm vorherrscht. Das von der öffentlichen Figur, das mit dem Megafon oder im Theater. Für die einen ist er der mit dem ,Hamlet‘ und den Neonazis in Zürich, für die anderen, der mit dem Hasen im ,Parsifal‘ in Bayreuth oder der mit dem Container oder oder oder. Und auch wenn Christoph sich selber als jemanden beschrieben hat, der vom Film kommt, so sieht man auch in seinen späteren Arbeiten, wie der „Church of Fear“, wie er als bildender Künstler seine Themen ausgestaltet hat.“

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Schlingensief in Venedig 2003: Bei der Biennale zeigte er seine Church of Fear.

 © David Baltzer/ZENIT

Seine Arbeiten sprechen für sich. „Gerade in seinen letzten Arbeiten, als er mehr und mehr in den musealen Raum gegangen ist.“ Als Beispiel führt sie das Projekt „African Twin Towers“ an, dessen Dimension die Installation mit 18 Monitoren in der Austellung übersteige. Das zeige, wie er zu diesem Zeitpunkt auch gearbeitet habe: „Er hat sich immer mehr vom linearen Erzählen entfernt.“

„Christoph hat immer gesagt, man müsse einen künstlerischen Gedanken weiterdenken, ob das die soziale Plastik von Beuys war oder Wagners Werkbegriff“, sagt Aino Laberenz.

In Burkina Faso führt immer noch Schlingensiefs Operndorf Menschen unterschiedlicher Herkunft intellektuell und künstlerisch zusammen.

Als ihn, den Nichtraucher, der Lungenkrebs ohne Hoffnung ans Lebensende brachte, versuchte er, den Feind mit Kunst zu betören. Der Titel seines Krebstagebuchs lautet „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“.

Elfriede Jelinek über Christoph Schlingensief

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Elfriede Jelinek über Christoph Schlingensief

Christoph Schlingensief und Elfriede Jelinek

 © picture alliance /dpa

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 18/2026 erschienen.

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