Anna Felnhofer
©Georg Hochmuth, APA-Images, APADie klinische Psychologin Anna Felnhofer ist eine angesehene Wissenschafterin und noch mehr: Ihr Roman „Prosopon“ ist ein verstörendes Meisterwerk.
Dass der Text drei Jahre lang in Erinnerung geblieben ist, hat zwei Ursachen. 1) seine verstörende Sprachgewalt: Die Folter, die einem Buben hinter den Schulcontainern von seinen Kommilitonen zugedacht wird, kann einem den Schlaf rauben, mit solch kalter, diagnostischer Farbenpracht ist sie beschrieben. Und 2) wurde die Verfasserin am Ende des Bachmann-Wettlesens 2023 Opfer eines veritablen Untergriffs: Die hoch favorisierte Österreicherin Anna Felnhofer wurde von der Jury-Vorsitzenden, die ihre eigene Kandidatin siegen sehen wollte, tatsachenkonträr auf den zweiten Platz gepunktet.
Die Vorsitzende wurde daraufhin in Klagenfurt nicht mehr erblickt. Aber der Zwanzigminüter ist zum Roman geworden, der alle Versprechen einlöst. Von „Prosopon“, griechisch Maske, leitet sich die Wahrnehmungsstörung Prosopagnosie her, an der 2,5 Prozent der Bevölkerung erkrankt sind. Der Betroffene ist außerstande, Gesichter zu erkennen, in schweren Fällen sind ihm die eigenen Eltern fremd, bis er am Ende sich selbst nicht mehr im Spiegel erkennt.


Anna Felnhofer, „Prosopon“, Luftschacht, € 25,–
© LuftschachtDie grausame Vereinsamung beschreibt die 42-jährige Wienerin aus besonderer Innensicht: Als klinische Psychologin an der Kinderklinik der Wiener MedUni hat sie sich soeben habilitiert, arbeitet therapeutisch mit Virtual-Reality-Brillen und hat sich auch in der Lehre einen Namen gemacht. Sie ist damit eine Doppelbegabung wie Schiller oder Schnitzler und weiß die Konstellation zu schätzen: „Die Literatur ermöglicht mir das Eintauchen in die Figuren. Und die Wissenschaft ermöglicht mir die Distanzierung, die sachlichere Auseinandersetzung mit dem Thema.“
Der Roman wird aus der Perspektive der Mutter eines sterbenden Buben erzählt, dass dem Leser das Herz stillsteht. Sie selbst habe keine Kinder, sagt sie. Den beiden Berufen wäre sie sonst nicht gewachsen, Kompliment an alle, die das könnten. Und Prosopagnosie-Fälle habe sie erst nach der Klagenfurter Lesung kennengelernt: als Betroffene sich an sie wandten.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2026 erschienen.







