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Dunja Gottweis: „Ich fühle mich jetzt unverwundbar“

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Dunja Gottweis©PEter Ross Image Courtesy of Art Dubai

Auch milliardenschwere Glitzermetropolen bleiben nicht vom Krieg verschont. Dennoch eröffnet im Emirat der Herrscherfamilie Al Maktum nun eine der wichtigsten Kunstmessen der Welt. Die Direktorin der Art Dubai, Dunja Gottweis, spricht mit News über die Kunst, weiterzumachen und jene Wochen, in denen Dubai beweisen wollte, dass selbst Kriege den Kulturbetrieb dort nicht stoppen können.

Frau Gottweis, es hätte das Jahr des Durchbruchs werden sollen. Die Art Dubai feiert ihr 20-Jahr-Jubiläum – dann kam der Krieg und die Messe musste verschoben werden. Was überwiegt: die Enttäuschung oder die Freude, dass es jetzt losgeht?

Mittlerweile ganz klar die Vorfreude. Natürlich mussten wir uns nach der Verschiebung neu orientieren. Wir hatten acht Monate auf eine große Jubiläumsausgabe hingearbeitet und wollten eine große Party feiern. Als wir plötzlich vor der Entscheidung standen, ob es weitergehen soll, wurde in Gesprächen schnell klar, wie wichtig diese Plattform ist. Eine Galerie aus Palästina sagte mir: „We will move heaven and earth.“ Diese Entschlossenheit hat mich beeindruckt. In meinen 20 Jahren im internationalen Kunstbetrieb habe ich so etwas noch nie erlebt.

War die Verschiebung eine strategische Entscheidung oder gab es schlicht keine andere Möglichkeit?

Wir haben die Entscheidung gemeinsam mit den Partnern getroffen – Galerien, Sammlern, Sponsoren und staatlichen Institutionen. Alle wollten, dass wir weitermachen. Es ging darum zu zeigen, dass Dubai resilient ist – auch in schwierigen Zeiten.

Ich möchte, dass Menschen neue Perspektiven kennenlernen und ihre Sichtweisen hinterfragen

Dunja Gottweis

Nun findet die Messe in abgewandelter Form statt.

Klar ist es jetzt kleiner, aber nicht weniger bedeutungsvoll. Und wir haben ein Risk-Sharing-Modell für die Galerien entwickelt. Das heißt, wir haben den Galerien die bereits gezahlte Standmiete zurückerstattet. Bezahlt wird nur, wenn auf der Messe tatsächlich verkauft wird. Das hat viel Druck genommen.

Apropos Druck – wie stabil ist das Kunstsystem am Golf derzeit?

Sehr stabil. Dubai hat vor 20 Jahren nicht einfach nur eine Kunstmesse gegründet, sondern aktiv dabei geholfen, ein Kunstökosystem aufzubauen – mit Künstlern, Sammlern und Institutionen. Art Dubai ist gemeinsam mit dieser Community gewachsen und das kann einem niemand mehr nehmen. Was sich verändert hat, ist, wie die Welt auf den Mittleren Osten schaut. Gleichzeitig erleben wir, wie stark Künstlerinnen und Künstler aus der Region international präsent sind – etwa auf der Biennale. Hinzu kommt eine junge Sammlerszene in den VAE. Und viele internationale Sammler ziehen nach Dubai. Dieses Wachstum ist nachhaltig.

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Kunst und Krieg liegen in Dubai heuer nah beieinander.

 © Cedric Ribeiro/Getty Images for Art Dubai 2025

Sie kommen aus Österreich, haben in New York gelebt – aber noch nie in einer Region, in der Drohnenwarnungen zum Alltag gehören. Wie erleben Sie den Alltag gerade?

Das war auch überraschend für mich, aber ich habe mich keinen einzigen Tag gefürchtet. Dubai tut enorm viel, um die Bevölkerung zu schützen. Als ich zum ersten Mal diese Abfangsysteme gehört habe, dachte ich kurz: Was passiert hier gerade? Und dann wurde mir klar: Genau das hält uns sicher. In kaum einem anderen Land hätte ich mich in so einer Situation so sicher gefühlt.

Auch das Hotel „Burj Al Arab“, in der Nähe des „Madinat Jumeirah“, dem Austragungsort der Messe, wurde von Teilen einer abgefangenen iranischen Drohne getroffen. Wie hat der Konflikt Ihre Arbeit verändert?

Ich habe in einem Jahr zwei Messen organisiert. Wir waren ursprünglich praktisch fertig – und mussten dann noch einmal von vorne anfangen und den gesamten Aufbau neu denken: den Grundriss, die Kommunikation, die Social-Media-Strategie, das Programm, die teilnehmenden Galerien und Künstler. Plötzlich hatten wir für Entscheidungen nur noch einen Tag Zeit. Logistisch war das extrem herausfordernd. Aber jetzt fühle ich mich unverwundbar.

Wir arbeiten mit flachen Hierarchien. Entscheidungen können schnell getroffen werden. Ob das speziell weiblich ist, weiß ich nicht. Aber es fühlt sich anders an als Strukturen, die ich früher erlebt habe

Dunja Gottweis

Wann wäre diese Ausgabe der Art Dubai für Sie ein Erfolg?

Wenn die Leute mit einer Erfahrung dort herausgehen, von der sie gar nicht wussten, dass sie danach gesucht haben. Ich möchte, dass Menschen neue Perspektiven kennenlernen und ihre Sichtweisen hinterfragen. Dafür arbeiten wir mit vielen Institutionen zusammen – etwa mit der Sharjah Art Foundation, dem Guggenheim Abu Dhabi oder der Barjeel Art Foundation.

Das Führungsteam der Art Dubai besteht mit Ihnen, Benedetta Ghione und Alexie Glass-Kantor aus drei Frauen. Spielt diese Konstellation in der operativen Arbeit eine besondere Rolle?

Vielleicht weniger im klassischen Sinn, aber ich glaube, dass sich Arbeitsweisen unterscheiden. Wir arbeiten mit flachen Hierarchien. Entscheidungen können schnell getroffen werden. Ob das speziell weiblich ist, weiß ich nicht. Aber es fühlt sich anders an als Strukturen, die ich früher erlebt habe.

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 © Cedric Ribeiro/Getty Images for Art Dubai 2025
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 © Cedric Ribeiro/Getty Images for Art Dubai 2025

Und im Kontext der Kunstwelt in der Golfregion?

Ich glaube, viele haben ein falsches Bild davon. Frauen in Führungspositionen sind hier selbstverständlich – gerade im Kunstbereich. Ich habe mich selten so sehr nach meinen Fähigkeiten beurteilt gefühlt und nicht nach Geschlecht oder Herkunft.

Wie unterscheidet sich Dubai von anderen Kunststandorten der Region wie Abu Dhabi oder Katar?

Ich kann nicht für andere Länder sprechen. Was Dubai besonders macht, ist, dass vieles organisch gewachsen ist. Art Dubai ist unabhängig und „homegrown“. Wir bauen auf einem Netzwerk auf, das in den vergangenen 20 Jahren entstanden ist. Art Dubai* war immer mehr als nur eine Messe. Genau das war auch ein Grund, warum ich nach Dubai gegangen bin. Ich glaube, dieses Modell ist die Zukunft.

Stichwort Zukunft: Wird sich die Bedeutung der Region im globalen Kunstmarkt verändern?

Die Machtzentren verschieben sich. Früher mussten Künstler in westlichen Institutionen gezeigt werden, um international anerkannt zu sein. Die Validierung aus dem Westen braucht es nicht mehr. Die Welt blickt heute auf ­regionale Institutionen wie die Sharjah Biennale, die Jameel Art Foundation oder das kommende Museum der Barjeel Art Foundation. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, wie jung die UAE sind. Als Art Dubai gegründet wurde, gab es hier kaum eine Kunstszene. Heute existiert ein starkes Netzwerk aus Galerien, Institutionen und Sammlern. Dieses Fundament wurde über Jahre aufgebaut – nur hat die Welt lange nicht hingeschaut.

Sie sind vor zwölf Jahren aus Österreich weggezogen. Vermissen Sie etwas aus Ihrer Heimat?

Schnitzel und Grüner Veltliner – den gibt es hier leider nicht. Und Mohn vermisse ich auch sehr. Aber dafür haben wir hier in Dubai 35 Grad und strahlenden Sonnenschein.

Steckbrief

Dunja Gottweis

Dunja Gottweis ist seit März 2025 Direktorin der Art Dubai. Vor ihrem Wechsel nach Dubai war die gebürtige Österreicherin zwölf Jahre lang für die Art Basel tätig, zuletzt als Global Head of Gallery Relations und seit 2022 als Mitglied des Vorstands. Bis 2012 war sie im Wiener MAK - Museum für angewandte Kunst unter anderem im Bereich Projektmanagement und Sponsoring tätig. Gottweis, die Internationale Betriebswirtschaftslehre studierte, lebte in New York und nun in Dubai.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 20/2026 erschienen.

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