Einmal noch werden Die Toten Hosen laut, bevor sie sich „Schritt für Schritt zurückziehen“. „Trink aus! Wir müssen gehen“ heißt ihr letztes Studioalbum. Sänger Campino beschreibt eine Gesellschaft, in der einstige Rebellen als Spießer gelten und die gemeinsame Wirklichkeit zerfällt. Seine Zuversicht bleibt, Punk dürstet für ihn nach Leben.
Es war 1986, als sie gesungen haben „Das Ende setzen wir uns selbst“. Nun lösen Sie dieses Versprechen ein. Was war der Antrieb?
Die Ansage, dass dieses Album das letzte Studioalbum wird, sollte für uns selbst Motivation sein, noch einmal Kräfte freizusetzen, die in einem Ermüdungsprozess nach Jahrzehnten im Musikbusiness nicht mehr so leicht hervorzurufen sind. Es war eine Aufforderung an uns selbst, ganz konkret zu sagen, was uns wichtig ist. Nach dem Motto: Wenn du es jetzt nicht sagst, dann sprichst du es nicht mehr aus. So eine Bilanz gelingt nur, wenn man sie als letzte Chance angeht.
Das Cover von „Trink aus, wir müssen gehen!“ zitiert Ihr Debütalbum „Opel-Gang“ aus 1983. Mit welchen Gefühlen denken Sie heute an die „Opel-Gang“-Jungs?
Ohne die wären wir nicht hier. Das war eine tolle Zeit, so wie junge Leute heute ihre eigene, prägende Zeit erleben. Mit ihrer Sprache, ihren Codes und ihrer Mode. Wir hatten Glück, dass Musik damals wirklich wichtig war. Für Musik hat man sich geprügelt. Szenen wie die Teddyboys, Popper, Punks oder Mods sind an guten Abenden miteinander ausgekommen, an schlechten Abenden nicht.
Musik war Ausdruck von Haltung. Man hat als T-Shirt getragen, was man gehört hat. Es war wichtig. So hat man sein Gegenüber gelesen. Ich bin dankbar, dass ich das als Fan ausleben konnte. Ich bin auch dankbar, dass wir in eine Musikbewegung gestartet sind, in der es weniger um technische Fähigkeiten ging als um eine Einstellung. Diese „Attitude“ war eine offene Tür, durch die ich gerne gegangen bin.
Opel-Gang


Das Cover des Albums „Opel-Gang“ zeigt die Bandmitglieder, wie sie einen halb zerlegten Opel Rekord reparieren. Der Titel war ursprünglich spöttisch gemeint, wurde aber schnell als Sympathiebekundung gegenüber einer Randgruppe aufgefasst, die Band lernte die „Prolls“ schätzen und fuhr später selbst Opel
Die Toten Hosen sind vor dem gesellschaftspolitischen Hintergrund des Widerstands entstanden. Was attestieren Sie dem Widerstand in der Gesellschaft heute?
Zuerst müssen wir alle leicht verwundert konstatieren, wie grundlegend sich Werte verschoben haben. Dinge, die früher rebellisch und antigesellschaftlich waren, gelten heute als konservativ. Die Grünen waren früher mit ihrem Turnschuhminister eine Art politische Revolution. Heute werden sie als Spaßbremsen wahrgenommen. Als Spießer, die Verbote durchziehen.
Wenn wir als Band heute als Systemlinge kritisiert werden, zeigt sich, dass Werteveränderung nicht nur bei uns stattgefunden hat, sondern sich gesellschaftlich vollzogen hat. Für uns war die Aufgabe nie, dagegen zu sein. Der Spießbürger war nicht unser Hauptziel, der war uns egal. Wir wollten uns innerhalb der Punk-Szene unterscheiden, Klischees brechen. Deshalb haben wir statt Lederjacken diese bescheuerten, uncoolen Synthetikhemden angezogen. Wir wollten anders aussehen und nicht die erwartbaren Themen bedienen.
Musik als Protestform hat erst später richtig Kraft entwickelt, durch Festivals, bei Anti-Atom-Protesten, gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, Rock gegen Beton, Rock gegen Rassismus, Antisemitismus oder das sagenhafte Band Aid von Bob Geldof. Gleichzeitig haben wir gelernt, dass sich diese Energie nicht konservieren lässt. Es bringt nichts, wenn du jeden Samstag auf einer Demo auftauchst. Über die Jahrzehnte die wellenartige Bewegung zu beobachten, wann es ein gutes Signal war, sich zu engagieren und wann es possenhaft wurde, war interessant.
Sie spielen auf dem neuen Album selbstironisch damit, dass Sie ständig am „Punk-Sein“ gemessen wurden. Resultiert diese Forderung an den Punk auch aus einer Sehnsucht nach Leuten, die sich widersetzen?
Die Frage „Wo ist der Punk?“, die wurde meistens von Leuten gestellt, die überhaupt nie auf dem Punk-Boot waren. Die versuchten nur zu diskreditieren.
Wenn man diese Stänkerer beiseite lässt: Gibt es womöglich ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Menschen, die laut werden und sich widersetzen?
Ich halte es immer für einen Glücksfall für eine Gesellschaft, wenn Menschen für etwas einstehen und bereit sind, dafür einen hohen Preis zu zahlen –, ohne dabei eigennützig zu handeln. Solche Menschen brauchen wir heute mehr denn je. Gleichzeitig ernten sie heute viel härteren Druck als früher.
Jemand wie beispielsweise Luisa Neubauer muss auf Social Media unglaubliche Anfeindungen aushalten. Dass eine junge Frau nur noch mit Security rausgehen kann, weil sie sich für Themen engagiert, die selbstverständlich sein sollten, finde ich krass. Man kann die Intensität ihres Sendungsbewusstseins kritisch sehen, aber da wirft sich jemand mit Haut und Haaren in die Sache. Das nötigt mir Respekt ab.
Wenn wir versuchen, uns in klassische Rechtsaußen-Wähler hineinzudenken, kommen wir nicht wirklich weiter. Die denken anders und sind für uns kaum erreichbar
Im Lied „Was ist los mit uns“ fragen Sie: „Wie kann es sein, dass wir nicht begreifen, wie groß unsere Freiheit ist?“ Haben Sie eine Antwort?
Wenn wir versuchen, uns in klassische Rechtsaußen-Wähler hineinzudenken, kommen wir nicht wirklich weiter. Die denken anders und sind für uns kaum erreichbar. Das Problem ist, dass heute jeder selbst wählen kann, welche Informationen er konsumiert. Und Menschen hören am liebsten das, was ihre Meinung bestätigt. Wer gegen Donald Trump ist, bekommt im Netz nur Inhalte, die ihm bestätigen, was für ein Idiot Trump ist. Und die Fans von ihm bekommen nur Trump-Inhalte, die ihn hochjubeln.
Diese Echokammern machen gesellschaftliche Verständigung heute schwierig. Früher gab es große Medien und Nachrichtensendungen, die zumindest die gemeinsame Realität der Mitte dargestellt haben. Heute kann man sich leicht davon entfernen. Jemand wie Trump verdreht ganz offensichtlich Tatsachen, legt sich sogar mit dem Papst an und bringt mit seinem Verhalten die ganze Welt in Schieflage.
Und niemand findet einen adäquaten Umgang mit diesem Mann. Menschen, von denen man Rückgrat erwarten würde, dackeln ihm hinterher. Wie klein sich Merz gemacht hat! In dieser erschütternden Klarheit haben wir das noch nie erlebt. Das schockiert eine Gesellschaft und desillusioniert sie.
Es klingt auch an, dass gemeinschaftliches Auftreten ein Lösungsansatz sein kann. Meinen Sie das so?
Ja, es geht genau darum, nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen, wie ich es gerade getan habe, sondern sich zu inkludieren. Wir müssen alle miteinander auskommen. Das bildet sich im Leben auf dem Land eher ab als im Großstadtleben. Ein paar Kumpels von mir leben in einem kleinen Dorf, wo sie mit Links- und Rechtsextremen Dorfbeschlüsse zustande bringen müssen.
Und das gelingt. Selbst wenn sie streiten, ist es möglich, dass zwei Stunden später alle beim Kartenspielen zusammensitzen. Dieses „agree to disagree“ sollten wir uns bewahren. Sich moralisch über andere zu erhöhen, in der Annahme man hätte die richtige Meinung, halte ich für falsch.
Sie haben Ihre Rolle als Systemkritiker kürzlich relativiert und sich als eine Art „Elder Statesman“ bezeichnet. Ist nicht gerade Ihre Stimme mit der großen Reichweite der Toten Hosen eine wichtige?
„Wichtig“ ist ein großes Wort. Für mein Leben ist es wichtig, dass ich ehrlich zu mir selbst bin. Nur dann kommt das, was ich sage, authentisch rüber. Wichtig ist, dass ich hier nicht so tue, als wäre ich noch 40 und würde vor Kraft strotzen. Mein Älterwerden und meine Erfahrungen anzunehmen, halte ich für wichtig. Natürlich ist es schön, wenn wir Menschen inspirieren können. Aber wir können immer nur ein Funke sein. Etwas entzünden, das ohnehin schon da ist. Deshalb wäre es vermessen, sich darauf etwas einzubilden.
Gerade das Bonusalbum „Alles muss raus“ zeigt, wie viele Ihrer Themen sich seit Jahrzehnten wiederholen – Rassismus, Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit. Macht das mutlos? Oder optimistisch, weil sich zeigt, dass Menschen an den Themen dranbleiben?
Man kann nie wissen, wie die Welt ohne all diese Songs und Gedanken aussehen würde. Aber klar ist: Nichts von dem, was gesellschaftlich erreicht wurde, bleibt automatisch bestehen. Werte müssen jeden Tag neu verteidigt werden, mit neuen Argumenten, neuen Liedern, neuen Filmen, neuen Artikeln. Das ist ein dauernder Prozess.
Wenn ich auf die letzten 45 Jahre schaue, haben wir enorm viel erreicht. Gleichzeitig erleben wir Rückschritte. In manchen Ländern wird mit aller Kraft versucht, gesellschaftlich in die Steinzeit zurückzukehren, etwa beim Umgang mit Sexualität oder Homosexualität.
Auf der anderen Seite gibt es ermutigende Fortschritte. Wenn ich daran denke, wie höhnisch früher selbst Experten über Frauenfußball gesprochen haben und sehe, welchen Stellenwert Frauensport heute hat, dann ist das eine enorme Entwicklung. Auch hier müssen Fortschritte verteidigt werden. Dass eine Frau Trainerin bei 1. FC Union Berlin wird und sofort reflexhaft Widerstand auslöst, zeigt, wie rückständig manche Debatten sind.
Trink aus, Wir müssen gehen + Bonusalbum „Alles muss raus!“


„Trink aus, Wir müssen gehen“ ist das letzte Studioalbum der Toten Hosen. Fast 45 Jahre nach Bandgründung liefern sie eine exzellent dichte Mischung ihres Könnens. Es geht um „alles, was noch gesagt werden muss“. Die Hosen tun es peitschend, kantig, roh voll Dringlichkeit sowie mit ihrem Händchen für verbindende Stadionhymnen („Kein Blatt zwischen uns“) und die leisen Momente im Leben („Glück“, „Augen zu“).
Da ist die klare Kante gegen Rechts („Schlechte Nachbarn“, „Was ist mit uns los“), die selbstironische Gesellschaftskritik („Lass mal nicht machen“), unweinerliche Nostalgie („Was früher einmal war“, „Trink aus“) und der unbändig optimistische Blick in eine gute Zukunft („Nur nach vorn“).
Wer dann noch immer dürstet, labt sich am Bonusalbum „Alles muss raus“. Hier vereint die Band auf 25 Coversongs mit wichtigen Kolleginnen und Kollegen, die Bandbreite reicht von Charlie Harper („Emotional Blackmail“) bis Vicky Leandros („Ich liebe das Leben“). Laut Die Toten Hosen eine Playlist, wie die Band sie selbst bei einer guten Feier auflegen würde
Apropos Debatten: Es hat überrascht, als Sie sich vor einiger Zeit zum Kriegsdienst geäußert haben. Sie sagten, Sie würden heute nicht mehr verweigern. Erklären Sie bitte.
Der Satz wurde stark aus dem Zusammenhang gerissen. Es war kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Plötzlich wurde deutlich, wie schlecht Europa im Ernstfall vorbereitet wäre, sich gegen eine militärische Großmacht zu verteidigen. Wenn man in so einer Situation sagt, es muss sich etwas ändern, kann man nicht gleichzeitig sagen: Ich selbst mache da aber nicht mit. Dabei geht es nicht nur ums Militär.
Meine Entscheidung 1982, den Kriegsdienst zu verweigern, hat damals auf der Frage beruht: Warum soll ich auf jemanden schießen, den ich gar nicht kenne, nur weil irgendein Politiker das entschieden hat? Mit dieser Haltung musst du verweigern. In Krisen braucht es aber auch Menschen bei Feuerwehr, Katastrophenschutz oder im Gesundheitswesen. Man muss ja nicht Soldat werden, man ist auch als Zivildiener wichtig. Wenn es eine Abstimmung darüber gäbe, ob junge Menschen ein Jahr für die Allgemeinheit leisten sollten – egal, in welcher Form –, würde ich die unterstützen.
Es geht darum, die Gesellschaft zu stärken, egal, ob beim Militär oder Zivildienst.
Ich musste fast zwei Jahre Dienst für die Allgemeinheit leisten. Ich war acht Monate bei der Bundeswehr, bevor ich als Kriegsdienstverweigerer anerkannt wurde, dann habe ich ein Jahr Zivildienst in einer psychiatrischen Klinik gemacht. Man könnte sagen, das waren zwei verschwendete Jahre, aber mich haben beide Erfahrungen extrem geprägt.
Sie haben meinen Horizont erweitert. Etwa zu erleben, wie eine Armee funktioniert. Ja, da können Menschen gebrochen werden. Vieles empfindet man als sinnlos und doof. Aber man erkennt auch, dass im Ernstfall nur einer bestimmen kann, was getan wird, und diskutiert wird später. Rückblickend waren das keine verlorenen Jahre.
Punk war für mich nach Leben dürstend

Sie haben Ihrem Sohn das sehr persönliche Lied „Glück“ geschrieben. Warum war das wichtig?
Wir werden ja Vater oder Mutter, ohne eine Vorstellung zu haben, wie das sein wird. Wir nehmen uns etwas vor, und wenn das Kind da ist, ist alles anders. Ich schreibe immer aus dem eigenen Leben, aber mit der Intention, dass andere sich darin wiederfinden. Für mich war dieses Lied auch eine lebenszyklische Frage.
Ich hatte zuvor oft über meine Eltern geschrieben und irgendwann gedacht: Eine Liebeserklärung an Verstorbene gelingt leicht. Versuch es doch mal ein Level schwieriger – schreib über jemanden, der noch da ist.
Es war nicht leicht, weil ich das Lied niemals veröffentlicht hätte, ohne meinen Sohn vorher zu fragen, ob es für ihn okay ist. Es kam der Moment, wo ich ihn zur Seite genommen und gefragt habe: Willst du ein paar neue Lieder von uns hören? Dann habe ich es ihm vorgespielt, ohne große Erklärung. Kein leichter Moment für uns. Zum Glück hat er gesagt: „Ja Papa, kannst du machen, kannst du so rausbringen.“
Es fällt auf, dass alle Lieder von großem Optimismus getragen werden, selbst wenn Sie große gesellschaftliche Krisen benennen. Ist dieser Optimismus angeboren?
Bestimmt haben mir meine Eltern das mitgegeben: an das Gute zu glauben, mit Zuversicht durchs Leben zu gehen. Beide haben den Krieg erlebt – meine Mutter in England, mein Vater als deutscher Soldat, richtig heftig. Ihn hat, glaube ich, die Bibel durch den Krieg getragen. Mein Vater hat viel Kraft aus seinem Glauben gezogen, auch wenn er uns den später nie aufgedrängt hat. Diese Generation musste mit all dem alleine fertig werden, ohne Psychologen, und hat ihren Weg gemacht.
Aber ich komme vom Thema ab. Zu Ihrer Frage: Die Punkbewegung wurde früher oft als destruktiv und nihilistisch bezeichnet. Ich habe es immer völlig anders gesehen. Punk war für mich nach Leben dürstend. Es reichte mir nicht, nur festzustellen, was alles schlecht läuft. Die Sex Pistols waren ein Wutausbruch, aber langfristig trägt so etwas nicht, deshalb ist die Gruppe schnell explodiert. Bands wie The Clash haben gezeigt, dass man die Energie für politische Anliegen einsetzen kann. Da gingen plötzlich viele Türen auf, weil sich gezeigt hat, was man mit Kraft anstellen kann, außer nur Dinge zu zerschlagen.


Campino & Die Toten Hosen
Mit Sänger Campino avancierte die Band ab der Gründung 1982 in Düsseldorf zur fixen Musikgröße. Sie verbindet Punk-Attitüde mit Stadionrock, politischer Haltung und großer Publikumsnähe. Die Texte changieren zwischen Rebellion, Gesellschaftskritik und Melancholie, oft getragen von tiefer Selbstironie.
Songs wie „Hier kommt Alex", „Alles aus Liebe" oder „Tage wie diese" sind Generationenhymnen. Politisch engagiert sich die Band gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und soziale Ausgrenzung. 2026 veröffentlichen
Die Toten Hosen ihr letztes Studioalbum „Trink aus! Wir müssen gehen" und startet die gleichnamige Abschiedstour (12. 9. 2026 Wien, Ernst Happel Stadion, 23. 6. 2027 Graz Messe Open Air)
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 21/2026 erschienen.







