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Felix Kammerer: Gehen, um zu bleiben

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Felix Kammerer©Matt Observe

Die Nachricht konnte einen schon beunruhigen: Felix Kammerer, seit „Im Westen nichts Neues“ in der cineastischen Champions League daheim, verlasse das Burgtheater! Die Wahrheit ist maximal halb so wild: Er geht aus dem Ensemble und bleibt als Gast. Aber als Anlass für einen Blick über die magische Vergangenheit und die prallvolle Gegenwart taugt die Geschichte jedenfalls.

Unter dieser Nachricht konnte man als kulturaffiner Lokalpatriot schon zusammenzucken: Der Schauspieler Felix Kammerer, so las man, verlasse mit Saisonende das Burgtheater, von dem aus er sich nicht viel weniger als eine Weltkarriere erschlossen hat. Er war gerade 27, als die Verantwortlichen für die Kriegstragödie „Im Westen nichts Neues“ im März 2023 vier Oscars schwer die Heimreise aus Hollywood antraten.

Seither war der allseits gefeierte Hauptdarsteller mit vier Filmen und zwei Fernsehserien beschäftigt. Und je ein massives Exemplar ist derzeit in Arbeit bzw. Vorbereitung. Felix Kammerer ist jetzt 30 und hat für die Burg schlicht keine Zeit mehr, war zu lesen. Schon wurde vermutet, der Vielgefragte suche sich ein Quartier in Hollywood.

Halb so wild

Klar, dass man sich da zur Verifizierung anmeldet. Und schön, dass die Causa, elegant formuliert, maximal halb so wild ist. „Natürlich“, sagt der scharf formulierende Großcharismatiker mit dem sanften Kindergesicht, „könnte mein Foto auf der Theater-Website stehenbleiben, und ich stünde zur Verfügung, wenn es gerade geht. Aber es ist für mich fairer, dem Haus in loser Absprache als Gast treu zu bleiben, statt ihm als Ensemblemitglied vorzugaukeln, dass ich pro Jahr ein bis zwei Produktionen machen kann. Was de facto nicht geht.“

So bleibt der Publikumskracher „Der Fall McNeal“, in dem Kammerer dem Heimkehrer Joachim Meyerhoff formidabel zur Seite steht, auch nächste Saison im Programm. Eventuell könnte sich sogar eine Neuproduktion ausgehen, wenn sich die Termine mit den Drehs koordinieren lassen.

Das Glück ist in Wien

Und nach Amerika auswandern? Abgesehen davon, dass ihn die Dreharbeiten ganz anderswohin getragen haben, nämlich bis Kanada und Australien: In Wien ist und bleibt es ideal. Die Tochter ist jetzt eineinhalb Jahre alt, da sind beide künstlerisch tätigen Eltern schon freier, und Kammerer malt eine hübsche Idylle aus. „Die Kleine ist wahnsinnig lustig und fängt an zu reden. Sie kann kommunizieren, was schon einmal sehr angenehm ist, wenn man nicht nur angeschrien wird, sondern es auch eine andere Art gibt, auf Dinge zu zeigen und zu sagen, was man haben möchte. Und jetzt kommt der Frühling, und ich bin relativ häufig da. Wir sind sehr, sehr glücklich.“

Ein Glücksfaktor ist dabei der nahe Dreh­ort Tschechien, in dem gerade ein reputativ erstklassiges Produkt für die Giganten MGM und BBC entsteht: Der Achtteiler „Legacy of Spies“ folgt John le Carrés gleichnamiger Fortsetzung des Agententhrillers „Der Spion, der aus der Kälte kam“. Die DDR hat uns schon lang verlassen, aber die Fäden, an denen der britische Agent Smiley zieht, erweisen sich als reißfest. Kammerer ist der konkurrenzlos niederträchtige Stasi-Agent Hans-Dieter Mundt. Im klassischen Original aus dem Jahr 1965 hat ihn, neben Richard Burton und Oskar Werner, der marktführende deutsche Schurkenexport Peter van Eyck verkörpert.

Wenn man Filme über die Hofburg jetzt in der Prager Burg dreht, finde ich es ein bisschen kurzsichtig, dass sich Österreich derart aus dem Spiel nimmt

Felix Kammerer

Tschechien ist ein beliebter Drehort, seit sich viele Produktionen aus Orbáns Ungarn verabschiedet haben. Zuletzt hat auch Österreichs Kunstvize Babler die umwegrentablen Förderungen für internationale Produktionen gestrichen. Kein Geniestreich, merkt Kammerer an. „Wenn man Filme über die Hofburg jetzt in der Prager Burg dreht, finde ich es ein bisschen kurzsichtig, dass sich Österreich derart aus dem Spiel nimmt.“

Zu Wasser und zu Land

Wobei es sich jetzt, unter den Suchscheinwerfern an der nachgebauten Berliner Mauer, kommod leben lässt, verglichen mit den Strapazen, denen sich Kammerer jüngst zu Wasser aussetzte. Der Kinofilm „Adams acht“ zeichnet das Wunder der aus Halbamateuren formierten deutschen Mannschaft nach, die 1960 und 1968 olympisches Gold erruderte. Kammerer, Hauptdarsteller neben Oliver Masucci als Trainervisionär Karl Adam, eignete sich die sportlichen Fertigkeiten unter realen Qualen auf der Alten Donau an, eingewiesen vom österreichischen Nationalkader. Das Gelingen ist im September zu begutachten.

Interessant sind die Phasen, in denen sich Kammerers Karriere entwickelt hat. Erst rückte er notorisch in den Krieg ein, außer „Im Westen nichts Neues“ bewältigte er die Serie „All the light we cannot see“ und Rainald Goetz’ „Reich des Todes“ an der Burg.

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Jetzt verschlägt es ihn zum Sport, denn auf das Hochleistungspritscheln folgt, vermutlich im nächsten Frühjahr, Daniel Brühls zweite Filmregie unter dem Titel „Break“. Hier tritt wieder das Königsteam von „Im Westen nichts Neues“ an. Wieder mit Kammerer in der Hauptrolle des genialen deutschen Tennisspielers Gottfried von Cramm, der sich fatal mit den Nazis anlegte.

Die verbreitete Sportart war an Kammerer bis vor Kurzem spurlos vorübergegangen. „Noch trainiere ich locker vor mich hin, um ein Gespür zu bekommen“, skizziert er die Abläufe, für die er sich ins Mesozoikum des Tennissports einweisen lässt. „Ich spiele mit Holzschlägern, in langen Hosen und einer ganz anderen Technik. Das ist tänzerisch und hat nichts mit dem Qualstöhnen von heute zu tun.“ Im Winter geht es dann an die harten Vorbereitungsarbeiten mit einem berühmten Trainer, der jedenfalls nicht Boris Becker sein wird.

Das Wunder namens Burg

Die Zeit im Ensemble des Burgtheaters durchlaufen zu lassen, ist ein emotionaler Akt, mag die Trennung auch keine so dramatische sein. Die Reise beginnt im Frühsommer 2019. Der Sohn des Opernsängerpaars Angelika Kirchschlager und Hans Peter Kammerer gelangt gerade ans Ende der Ausbildung an der Berliner Ernst-Busch-Schule: jene Art Reifeprüfung, die weniger mit Erleichterung als mit sich einquartierenden Existenzsorgen zu tun hat.

„Das Studium ist vorbei, du sitzt da und denkst, du brauchst jetzt einen Job. Du hast dich lange dorthin geträumt und vier Jahre studiert. In meinem Fall“, räumt er ein, „hatte ich das Glück, dass meine Eltern mich finanziell unterstützt haben, was eine enorme Erleichterung ist, wenn man einfach nur Schauspiel studieren kann und nicht nebenbei arbeiten muss. Aber dann kommt die Sorge: All die Leute, die mich gefördert und unterstützt haben, stehen da und warten darauf, dass es sich ausgezahlt hat. Was, wenn ich keinen Job kriege?“

Um derlei vorzubeugen, organisieren renommierte Schauspielschulen sprachraumweite Vorsprechen. Zeitgleich sieht sich im Auftrag der Bühnen auch Fachpersonal beim Nachwuchs für Einzelvorsprechen um.

Ich habe mich gefragt, ob ich mir das gerade eingebildet oder was missverstanden habe. Dann wusste ich: Ich habe einen Job und brauche keine Angst mehr zu haben. Es war magisch

Felix Kammerer

Schicksal in München

Beim jungen Kammerer kam wundersam zweierlei zueinander. Im Auftrag der Schule präsentierte sich die Klasse an den Münchner Kammerspielen, während die Dramaturgin Sabrina Zwach, der Kammerer schon aufgefallen war, im Dienst des designierten Burgtheaterdirektors Martin Kusej ihre Runden zog.

Der Kärntner diente gerade seine letzten Monate als Intendant des Münchner Residenztheaters ab. Also wechselte der junge Mann, warmgespielt vom Auftritt auf der Konkurrenzbühne, bloß die Straßenseite. Statt der Routine folgend durch Dramaturgen und Assistenten, wurde er vom Intendanten selbst begutachtet, der durch Zufall früher aus einer Probe kam.

Die Minuten nach dem Vorsprechen glichen einer Kamerafahrt. „Ich war schon wieder auf dem Weg hinaus, da wurde ich zurückgerufen, und Martin meinte: ,Also wenn es nach mir geht, können wir jetzt eigentlich anfangen.‘ Ich vergesse nie, wie ich mit dem Lift aus dem Keller hinaufgefahren bin und mich gefragt habe, ob ich mir das gerade eingebildet oder etwas missverstanden habe. Und dann im Zug zurück nach Berlin, da wusste ich: Ich habe einen Job und brauche keine Angst mehr zu haben. Ich habe einen Platz, und was für einen. Das war magisch.“ Am Burgtheater fand sich im Herbst eine vielfach neue, noch hoch motivierte Truppe zusammen. Da ließ ein halbes Jahr später die Pandemie die Welt verstummen. „Auf der einen Seite“, sagt Kammerer, „war ich froh, kurz bevor alles zumachte eine Festanstellung bekommen zu haben. Freunde, die freiberuflich gearbeitet haben, waren am Ende. Und ich war in Wien, bei meiner Familie, meinen Freunden, finanziell gut aufgestellt. Aber ich wollte ja gerade loslegen und dachte, jetzt ist es vorbei.“

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Felix Kammerer

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Da schenkte ihm das Teufelsvirus die Chance seines Lebens, denn Sabrina Zwach griff zum zweiten Mal mit Engelshänden ein. Ihr Ehemann, der Filmproduzent Malte Grunert, besetzte gerade Remarques „Im Westen nichts Neues“. Als Kammerer zum Casting fuhr, hoffte er auf Einsatz als unbekannter Soldat in einer Zweitagerolle.

Es wurde der Protagonist Paul Bäumer, und er wäre es ohne pandemische Benefizien nicht geworden. Denn bei laufendem Spielbetrieb hätte das Ensemble-Greenhorn keine vier Monate Urlaub von der Burg anmelden können.

Nun aber marterte sich der 26-Jährige mit 300 Kasernierten, die täglich 600 Tests konsumierten, durch Dreck und Granat­einschläge zu einem Triumph sondergleichen. Für den Hauptrollen-Oscar war es klarerweise zu früh, doch fasste der prämierte Regisseur Edward Berger seinen Protagonisten während der Zeremonie vor den Augen der Welt an den Schultern. „Das war dein erster Film, und du hast uns alle auf deinen Schultern getragen, als wäre es nichts. Ohne dich stünde niemand von uns heute hier.“ Das reichte, um auch den anwesenden Oscar-Preisträgern Ron Howard und Guillermo del Toro karrierebefeuernd ans Herz zu greifen.

Für Kusej und Milo Rau

An der Burg ging derweil der zusehends gereizte Kusej seinem Schicksal entgegen: Untätigkeit anno Corona, Versagen an der Teichtmeister-Katastrophe reichten für schmachvolle Nichtverlängerung. Kammerer, der das Klima unter dem Amtsinhaber Stefan Bachmann lobt, kennt da keinen Opportunismus. „Ich bin mit Martin sehr eng, und wir verstehen uns immer noch großartig. Ich bin froh, dass er da war und dass er es genauso gemacht hat, weil es auch etwas mit dem Theater gemacht hat.“

Noch Abhakungsbedürftiges im Fragenkatalog? Ja, das Land treibt nach rechts, was tun? „Scheiße“, stellt Kammerer bündig fest. Ständig werde man danach gefragt und antworte jedes Mal. Auch sich selbst am Küchentisch, verschaffe damit allerdings nur dem eigenen Gemüt Erleichterung. Deshalb schimpfe er auf Verlangen auch öffentlich. „Damit wenigstens klar wird, dass es Gegenstimmen gibt.“

Ein überraschendes Kompliment an den nicht unumstrittenen Festwochen-Intendanten Milo Rau will er noch anbringen. Wie der das Rituelle, fast Religiöse im Theater mit einer Form von Realhaltung zusammenbringe, ohne penetrantes Mitmachtheater und geblähtes Kunstgeschwätz zu erzeugen! „Ich weiß nicht, wann das in den letzten 20, 30 Jahren so stattgefunden hat.“

Wenn wir uns an die Vergangenheit erinnern, an die guten und die schlechten Zeiten, sind wir womöglich erfahrener und sicherer in den Schritten, die wir in die Zukunft tun

Felix Kammerer
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Und ein heiteres, zufriedenes Postskriptum: Kammerer, der selbst in Altgriechisch maturierte, war einer der 100 namhaften Proponenten der Nobelpreisträger-Petition, die dem Bildungsminister grausam in seine Pläne zur Guillotinierung des Lateinunterrichts fuhren.

So schön leichtfüßig sei das gelungen, hier die Elite zueinanderzubringen, lobt der berühmte junge Mann. „Wenn wir uns an die Vergangenheit erinnern, an die guten und die schlechten Zeiten, sind wir womöglich erfahrener und sicherer in den Schritten, die wir in die Zukunft tun. Ich hatte keinen Spaß bei Altgriechisch, es ist eine komplizierte, anstrengend zu lernende Sprache und man kann sie danach auch nicht wirklich sprechen. Aber was dabei herauskam, ein Verständnis für Sprache, Kultur und Miteinander, das ist etwas, wovon ich mein Leben lang zehren werde.“

Nicht zu reden klarerweise vom gewöhnungsbedürftigsten aller Party-Tricks: früh um halb zwei in der Küche der WG die „Ilias“ auszupacken.

Steckbrief

Felix Kammerer

geboren
19.09.1995

Felix Kammerer wurde am 19. September 1995 als Sohn des Opernsängerpaars Angelika Kirchschlager und Hans Peter Kammerer in Wien geboren. Er studierte in Berlin Schauspiel. Martin Kusej holte ihn 2019 an die Burg. In der Titelrolle des vierfach oscargekrönten Films „Im Westen nichts Neues“ wurde er über Nacht zur Weltadresse. Kammerer lebt in einer Beziehung in Wien und ist Vater einer Tochter von 1,5 Jahren.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 21/2026 erschienen.

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