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Spitzentöne: Hochachtung vor Toni Faber

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Heinz Sichrovsky

©Matt Observe

Wohl nicht ohne Anlass liest man, dass sich Dompfarrer Toni Faber in absehbarer Zeit zurückziehen soll. Ob freiwillig, daran ist zu zweifeln. Sollte man ihn loswerden wollen, wäre das ein schlimmer Fehler. Denn er verkörpert die erhaltenswerte Weltläufigkeit der Ära Christoph Schönborn.

Der Krone entnehme ich, was ich schon seit Längerem befürchtet hatte: Der Dompfarrer Faber, den im Namen des Herrn auch Ausgetretene wie ich Toni nennen dürfen, geht wohl in etwas weniger als einem Jahr in Pension. Er wird dann das vorgesehene Alter erreicht haben, und tatsächlich gibt es nicht zu wenige Zeitgenossen, deren Ruhestand sich die Welt redlich verdient hat. Toni Faber ist keiner von ihnen, da bin ich sicher.

Deshalb schließe ich mich auch Ihrer naheliegenden Frage an: Wurde Faber denn nicht gebeten, länger zu bleiben? Oder legt man ihm im Gefolge seines nonchalanten Umgangs mit dem Zölibat das Gegenteil nahe? Klug fände ich das nicht, und sollte es als reinigendes Gewitter gedacht sein, so würde der Blitz eher bei den letzten Sympathisanten der Kirche einschlagen.

Man kann dem Dompfarrer zu Anstand, Aufrichtigkeit und Loyalität nur gratulieren

Warum ich das glaube? Faber ist 1997 fast gleichzeitig mit dem feinsinnigen Humanisten Christoph Schönborn ins Amt getreten. Dessen reaktionärer und verdorbener Vorgänger Groer hatte die Kirche in den theologischen, gesellschaftlichen, intellektuellen Gully verfrachtet.

Erholt hat sie sich seither so wenig wie anderswo in Europa. Aber die Weltläufigkeit des Kardinals und die leidenschaftliche Fehlbarkeit seines Dompfarrers beim Streben nach göttlicher Allgegenwart: die hatten etwas zutiefst Sympathisches, Ermutigendes, menschlich Einnehmendes. Faber gab der Kirche ein populäres, ja mehrheitsfähiges Gesicht. Viele sind dank ihm zurückgekehrt.

Ich selbst habe zuletzt öfter bedauert, 1976 ausgetreten zu sein, weil mich die Kumpanei von Bauernbund und Kirche gegen Peter Turrinis „Alpensaga“ in jugendlichen Zorn versetzt hatte. Dass 19 Jahre später ausgerechnet Turrinis Freund Schönborn, in dessen Kloster das radikale Gottsucherstück „Tod und Teufel“ entstanden war, an die Spitze der Erzdiözese trat, hat mich in meinen Urteilen irre gemacht.

Das Fundament wankt

Und heute, da die Bildungspolitik das griechisch-lateinisch-christlich-jüdische Fundament unserer Kultur systematisch den Trotteln ausliefert, ist die Kirche erst recht neu zu bewerten.

Das erinnert mich an das letzte Telefonat mit meiner unsterblichen Freundin Lotte Tobisch. Erkennbar entschlossen, beim Journalisten ihres Vertrauens belastbare letzte Worte zu deponieren (sie überließ nie etwas dem Zufall), klagte sie: „Weißt, was ich mich hier auf meinem Krankenbett frag, wenn ich mir die Welt so anschau? Warum ist Christus am Kreuz gestorben?“ Ich antwortete: „Wie wär’s mit dem Mozart-Requiem, der ,Matthäuspassion‘, dem ,Parsifal‘, den Geistlichen Liedern von Novalis oder der Sixtinischen Kapelle?“

Dass ich ihr nicht einmal das allerletzte Wort lassen konnte, hat sie nicht amüsiert. Aber mich bringt es endlich zu Toni Faber zurück.

Der Kunst das Tor geöffnet

Er hat nämlich die aristokratische Weltsicht seines Kardinals genutzt, um den Dom bedeutenden künstlerischen Interventionen zu öffnen. So wie in den Fünfzigerjahren Monsignore Otto Mauer in der Galerie nächst St. Stephan der österreichischen Avantgarde beim Wiederaufbau geholfen hatte. Faber holte die Kunst nun aus der Peripherie des Doms in dessen Mitte: In seinem Auftrag schuf Alfred Hrdlicka für die Barbara-Kapelle die Büste der von den Nazis enthaupteten Widerstandskämpferin Schwester Maria Restituta. Der rasende, animalische Triumph in ihren Augen hat viele Betrachter verstört.

Aber was ist das gegen das Glücksgefühl, als meine jüngere Tochter in der Barbara-Kapelle die ersehnte Corona-Impfung entgegennahm, während draußen die Orgel brauste?

Das Land lag damals in starrer Verzweiflung. Aber Billi Thanners Himmelsleiter leuchtete den Südturm hinauf, höher und höher bis zur Höchstinstanz. Niemand wird dieses Zeichen der Zuversicht vergessen, es hat seither in Paris und Rom geleuchtet und erhellt jetzt die St.-Lamberti-Kirche im bezaubernden Städtchen Münster.

Dann schien es, als wollte Erwin Wurm mit dem violetten Riesenpullover nicht nur den gesteinigten Erzmärtyrer Stephan auf dem Hochaltar, sondern zur Fastenzeit die ganze Welt in die Arme nehmen.

Gratulation an Faber

Es folgte Fabers vielleicht größter Triumph, zugleich seine größte Niederlage: Gottfried Helnwein hatte drei seiner Kinderbilder ins Riesenformat vergrößert. Näher an Schuld und Sühne als vor das Gericht der Kinderaugen konnte sich die Kirche nicht wagen. Aber reaktionäre Katholiken, die den kannibalischen Konsum des totgefolterten Erlösers als Routinevorgang verinnerlicht haben, fühlten sich gestört. Sie verständigten sich mit linken Denunzianten, denen Helnweins politische Aussagen nicht passten: Das erste Bild wurde abgehängt, kein weiteres durfte folgen.

Jetzt leuchten dafür im Hauptschiff die ikonischen Rainer-Kreuze. Und ich frage mich, ob Faber noch die Gestaltungshoheit über die nächste Fastenzeit haben wird.

Der neue, kunstsinnige Erzbischof, ein studierter Organist, muss da eine grundsätzliche Entscheidung treffen: Opfert er den Denunzianten seinen besten Mann unter dem Vorwand des anachronistischen Zölibats? Dann kann man nur gratulieren. Allerdings dem Dompfarrer: zu Anstand, Loyalität und Aufrichtigkeit im Umgang mit dem Menschen seines Herzens.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 21/2026 erschienen.

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