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Yotam Ottolenghi: „Meine Kinder dürfen keine heiklen Esser sein“

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Yotam Ottolenghi

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Der Koch, der gutbürgerliche Küche mit den Aromen des Nahen Ostens würzt, lädt zum Mittagessen ein. Er spricht über das Vatersein, seine Großmutter, die für den Mossad spioniert hat, und darüber, warum er von Granatapfelkernen genug hat.

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Laura Pullmann

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Yotam Ottolenghi zeigt mit jungenhaftem Stolz seine prall gefüllte Gewürzschublade. Es fühlt sich seltsam intim an. Schließlich ist das der Mann, der Europa mit Sumach, Za’atar und Ras el-Hanout bekannt gemacht hat. Er zeigt die ordentlichere Messerschublade. „Ich habe keinen Messerfetisch“, sagt er und reicht ein wunderschönes Messer mit Holzgriff herüber. „Das hier ist japanisch.“

An einem brütend heißen Tag empfängt er in seinem georgianischen Reihenhaus nahe dem Regent’s Park in London. Das Haus ist luftig und wunderschön. Der berühmte Koch, der die Art revolutioniert hat, wie Großbritannien isst, hat sich bereit erklärt, gemeinsam Gerichte aus seinem neuen Kochbuch „Simple Too“ zuzubereiten. Wie der Name schon sagt, soll es ein Kochbuch sein, auf das Hobbyköche zurückgreifen können, wenn es ihnen an Zeit oder Energie fehlt, oder an beidem.

Heute stehen ein Caesar-Salat mit Huhn vom Blech, ein Kichererbseneintopf mit Baharat – eine Gewürzmischung aus dem Nahen Osten – und Orange sowie Reis auf dem Speiseplan. Seine Küche – Edelstahlflächen, Fliesen, die an Miró erinnern, und Geräte von Gaggenau – ist makellos. Ottolenghi, 57, hat bereits 90 Prozent der Vorbereitungen erledigt.

„Ich habe die Zutaten schon zusammengestellt, weil ich nicht wusste, wie viel Sie selbst machen wollten“, sagt er und präsentiert einen Schmortopf von Le Creuset mit entsteinten grünen Oliven, Kirschtomaten, geschälten Knoblauchzehen und Gewürzen. Auch Butter, Kardamom, Nelken und Zitronenschale hat er schon in den Topf mit dem ungekochten weißen Reis gegeben und die Zitrone für das Huhn ist in Scheiben geschnitten.

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Der Ehrgeiz ist anerzogen

Während er schwarze Kichererbsen abspült und anschließend Dill für das Salatdressing hackt, lässt er Hilfe beim Schneiden einer halbe Orange zu. „Wenn ich für eine Dinnerparty koche, will ich niemanden im Weg haben“, sagt er. „Ich will mich konzentrieren.“ Es ist ein kurzer Einblick in jenen Perfektionismus, der es einem israelischen Auswanderer, der nicht recht wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte, ermöglichte, die kulinarische Welt zu erobern und die Essgewohnheiten einer ganzen Generation europäischer Mittelschichtbürger zu verändern.

Im persönlichen Umgang wirkt Ottolenghi genauso entspannt wie in der Öffentlichkeit. Er lacht leise und bewegt sich in seiner weiten Leinenhose und Nike Air Max gelassen von einem Gericht zum nächsten. Unter dieser entspannten Oberfläche liegt eine gewisse Härte, geprägt von den hohen Erwartungen seiner Eltern und jenem jähen Zusammenprall mit der Realität, den der tragische Tod seines jüngeren Bruders auslöste, als Ottolenghi 23 Jahre alt war. „Die Menschen, die mich wirklich gut kennen, werden Ihnen sagen, dass ich ehrgeizig bin. Ich trage es nur nicht zur Schau“, sagt er. „Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem von einem erwartet wurde, sehr gut in dem zu sein, was man tut. Eine Zeit lang habe ich mich dagegen aufgelehnt, aber am Ende bin ich selbst genau dort gelandet.“

Mit Gläsern frisch gepressten Granatapfelsafts geht es an einen rot lackierten Esstisch mit Blick hinaus in einen üppigen Garten mit einer hölzernen Schaukel und einer Tischtennisplatte. Dort spielt er mit seinen Söhnen Max, 13, und Flynn, 11, die er gemeinsam mit seinem Ex-Mann Karl Allen hat, einem ehemaligen Flugbegleiter bei British Airways. Über ihre kürzlich erfolgte Scheidung möchte er nicht sprechen.

Als seine Kinder jünger waren, waren sie wählerische Esser. „Meine Erwartungen waren ein bisschen zu hoch. Ich bringe die Leute immer zum Lachen, wenn ich sage: ‚Meine Kinder dürfen nicht heikel sein, das ist schlecht für meine Marke‘“, sagt er grinsend.

Mein Vater machte sich Sorgen, dass ich etwas Großartiges für etwas sehr Riskantes aufgab

Yotam Ottolenghi über die Zeit, als er sein Literaturstudium abbrach

Omas Mossad-Geheimnis

Ottolenghi wuchs in Jerusalem auf und aß alles. Sein Spitzname als Kind war „Goloso“, was so viel heißt wie „der Gierige“. Sein Vater Michael, ein jüdisch-italienischer Universitätsprofessor für Chemie, kochte häufig Bolognese oder Polpette. „Er hatte ein tiefes Verständnis für sein Essen.“ Seine Mutter Ruth, eine jüdisch-deutsche Schuldirektorin, kochte malaysische Currys. Gemeinsam mit seiner älteren Schwester Tirza und seinem Bruder Yiftach aß er im Garten nackt Granatäpfel, damit der Saft nicht die Kleidung ruinierte.

Jeden Samstag ging die Familie zum Mittagessen zu seiner Großmutter mütterlicherseits, Charlotte Neumann, einer in Berlin geborenen Physikerin. Gekochter Blumenkohl spielte dabei eine große Rolle. „Sie war beim Mossad“, dem israelischen Geheimdienst, sagt er. „Das war viele Jahre lang ein Geheimnis.“

Als Ottolenghi ein Teenager war, wusste er bereits, dass seine Großmutter eine Spionin gewesen war und zu jenem geheimen Team aus 71 Agenten gehört hatte, das Adolf Eichmann, SS-Offizier und einer der Architekten des Holocaust, in seinem Versteck in Argentinien aufspürte. Eichmann wurde 1960 gefasst, nach Israel gebracht, vor Gericht gestellt und 1962 gehängt. „Sie war eine beeindruckende Frau. Sie war sehr mutig, und es gab Geschichten darüber, wie sie Waffen schmuggelte“, erinnert er sich. „Sie war eine zähe Frau.“

In einer Familie voller Überflieger schien Ottolenghis Weg in die Wissenschaft oder vielleicht in den Journalismus vorgezeichnet. Während er an der Universität Tel Aviv in einem Begabtenprogramm Literatur und Philosophie studierte, arbeitete er in Schichten als Redakteur bei der Zeitung Haaretz. „Die Nachrichten kamen herein, und alle saßen mit ihren Zigaretten da, um irgendwie den Stress abzubauen.“

Statt Literaturstudium die Kochschule

Doch mit 29, als er in Amsterdam lebte, schickte er seinem Vater ein Exemplar seiner Masterarbeit über die Philosophie des fotografischen Bilds zusammen mit einem Brief, in dem er erklärte, dass er sein Studium unterbrechen wolle, um die Welt des Kochens zu erkunden. „Er sagte: ‚Du verschwendest deine Zeit.‘ Er machte sich Sorgen, dass ich etwas Großartiges für etwas sehr Riskantes aufgab.“

1997 zog Ottolenghi nach London, ließ sich an der Kochschule Le Cordon Bleu ausbilden und arbeitete später in der Patisserie des mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten Restaurants The Capital in Knightsbridge. „Es waren sehr, sehr, sehr lange Arbeitszeiten. Ich hielt das nicht aus. Ich fand es deprimierend und schwierig“, sagt er. Nachdem er gekündigt hatte, arbeitete er bei Baker & Spice, einem Feinkostladen im Westen Londons, wo er Sami Tamimi kennenlernte, einen britisch-palästinensischen Koch. Gemeinsam schmiedeten sie Pläne, ihre eigene Bäckerei zu eröffnen.

2002, als Ottolenghi 33 Jahre alt war, eröffneten sie Ottolenghi, einen Feinkostladen mit zehn Sitzplätzen in Notting Hill. Ottolenghis Vater, der 2019 starb, fungierte bei der Eröffnungsparty als inoffizieller Fotograf. Mit hoch aufgetürmten Salaten, leuchtend buntem Gemüse und riesigen Baisers im Schaufenster wurde das Lokal auf Anhieb ein Erfolg. „Es war verrückt“, erinnert sich Ottolenghi. „Wir waren sehr naiv. Am ersten Samstag reichte die Schlange bis um die Ecke.“ Später folgten Rezeptkolumnen in Zeitungen, Kochbücher und Kochsendungen im Fernsehen. Seine Eltern waren stolz. Sie erkannten an, dass sich das Risiko ausgezahlt hatte.

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Das „Ottolenghi“ in London, Notting Hill, serviert als typisches Deli saisonale Salate und Backwaren.

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Eine Tragödie, die alles änderte

Die Familie scheint eng verbunden zu sein. Seine Schwester, die als Finanzexpertin in Tel Aviv lebt, beschreibt der Koch als „eine sehr erfolgreiche Frau, aber auch meine sehr enge Freundin“. 1992, wenige Tage nach seinem 21. Geburtstag, wurde sein Bruder Yiftach während seines Militärdiensts durch „Friendly Fire“, also durch Beschuss aus den eigenen Reihen, getötet.

„Das hat mich in vieler Hinsicht geprägt. Mancher Auswirkungen bin ich mir bewusst, anderer wahrscheinlich nicht“, sagt Ottolenghi leise. „Der Verlust meines Bruders verschob die Selbstwahrnehmung unserer Familie.“

Die Tragödie trieb ihn dazu an, das Leben umso gieriger zu ergreifen. „Ich hatte das Gefühl, es sei meine Pflicht, für ihn oder für unsere Familie das Leben in vollen Zügen zu leben, und meinen Eltern zu zeigen, dass die Dinge nicht zum Stillstand gekommen sind und dass wir unser Leben weiterleben. Und das tun wir.“

Heute umfasst das Ottolenghi-Imperium die beiden Restaurants Rovi und Nopi sowie sieben Feinkostläden in London, dazu kommen Standorte in Bicester Village, Genf und Amsterdam. Im kommenden Monat eröffnet ein Feinkostladen in Edinburgh. Seine Kochbücher haben sich weltweit 15 Millionen Mal verkauft. Bei Ottolenghi ist kaum eine Spur jenes gigantischen Egos auszumachen, das man mit Starköchen verbindet. Doch längst ist er eine globale Marke, ein Verb – etwas zu „ottolenghisieren“ bedeutet, ihm mit zusätzlichen Aromen mehr Raffinesse zu verleihen – und Teil des britischen kulturellen Establishments, neben anderen Köchen, bei denen der Vorname allein genügt: Delia, Nigella und Jamie.

Eine neue Idee vom Kochen

Das neue Buch, das er gemeinsam mit der Köchin Verena Lochmuller geschrieben hat, ist die Fortsetzung von ­„Simple“ aus dem Jahr 2018, mit dem Ottolenghi bewies, dass seine Rezepte nicht alle Unmengen von Zutaten erfordern, gerade angesichts der Hektik des modernen Lebens.

Er hat uns beigebracht, Gemüse mit Hingabe zu behandeln, ganze Tafeln mit mehreren Gerichten aufzutischen, die bei Zimmertemperatur serviert werden, und immer wieder Granatapfelkerne darüberzustreuen. Inzwischen gesteht er, Granatäpfel ziemlich satt zu haben. „Ich versuche, sie viel weniger zu verwenden als früher, weil ich manchmal finde, dass die Leute es damit übertreiben“, sagt er. „Entweder werden sie im falschen Zusammenhang eingesetzt oder es sind einfach zu viele. Sie sind ein bisschen zum Witz geworden.“

Ich veröffentliche seit 18 Jahren Kochbücher für das britische Publikum, und ich verstehe, warum manche Leute sagen könnten: ‚Okay, jetzt reicht’s!'

Yotam Ottolenghi über Kritik an der Dominanz seiner Rezepte

Eine Küche, die zur Welt passt

In John Lanchesters neuem Roman „Look What You Made Me Do“ behauptet eine Figur namens Jack, ein prätentiöser Architekt, Ottolenghi habe „diesem Land mehr Schaden zugefügt als die Luftwaffe“. Zu viele ausgefallene Zutaten und Köche, die nicht wissen, wie das fertige Gericht eigentlich schmecken soll, findet Jack. „Ich fand das sehr lustig“, sagt Ottolenghi, der das Buch gelesen hat. „Ich veröffentliche seit 18 Jahren Kochbücher für das britische Publikum, und ich verstehe, warum manche Leute sagen könnten: ‚Okay, jetzt reicht’s.‘“

„Es gibt so viel Anspannung und Stress. Man schaut auf die Weltpolitik, die sieht nicht gut aus. Man schaut auf die finanzielle Situation der Menschen, die sieht nicht gut aus. Man schaut, wohin sich der Westen entwickelt, das sieht nicht gut aus. Und dann die globale Erwärmung! Vielleicht hätte man vor 15 Jahren eine Dinnerparty gegeben und jede Menge aufwendige Gerichte gekocht, aber in diesem Moment fühlt sich das einfach nicht richtig an“, sagt er.

Zurück in der Küche ist der Knoblauch in den Kichererbsen weich geworden, die Haut des Huhns ist goldbraun. Ottolenghi beugt sich über die Kücheninsel und bietet Reis zum Kosten an. In fast drei Jahrzehnten in Großbritannien hat er sich noch nicht an die englische Befangenheit gewöhnt, wenn es darum geht, anderen Menschen Essen in den Mund zu schieben.

Rares Polit-Statement zu Gaza

Sein Verhältnis zur eigenen Identität ist kompliziert. „Wenn ich nach Israel zurückkehre, habe ich immer weniger das Gefühl, dass es meine Heimat ist, und immer stärker das Gefühl, dass Großbritannien meine Heimat ist“, sagt er. „Als Erwachsener habe ich viel länger hier gelebt als dort.“ Ein paar Mal im Jahr reist er mit seinen Söhnen nach Israel, um seine Familie zu besuchen. „Das Land ist etwas militaristischer und materialistischer geworden“, sagt er. „Da ist eine Intensität, die für mich heute schwierig auszuhalten ist. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich mich verändert habe, aber auch damit, dass sich das Land verändert hat.“

Ottolenghi äußert sich selten öffentlich zur Politik im Nahen Osten. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er für seine drei Millionen Follower auf Instagram eine Stellungnahme, in der er seine tiefe Bestürzung über die Behandlung der Menschen in Gaza zum Ausdruck brachte. „Es geht hier nicht um Seiten. Es geht um Menschenleben“, schrieb er. In einem späteren Beitrag forderte er die israelische Regierung auf, die Angriffe einzustellen und uneingeschränkten humanitären Zugang zum Gazastreifen zu ermöglichen. „Ich habe auf Instagram Dinge gesagt, wenn ich das Gefühl hatte, dass es für mich sehr wichtig war, sie zu sagen. Aber ebenso wichtig war mir, nicht vorschnell in eine Schublade gesteckt zu werden, nach dem Motto: ‚Oh, ich unterstütze diese Seite oder ich unterstütze jene Seite.‘ Denn ich glaube, es ist eine schreckliche Zeit, und sie ist sehr schmerzhaft“, sagt er. „Ich empfinde diesen Schmerz sehr, sehr stark.“ Politische Debatten in den sozialen Medien, fügt er hinzu, könnten „sehr oberflächlich und oft sehr performativ“ sein.

Obwohl er das Judentum nicht praktiziert, erzieht er seine Söhne so, dass sie eine Verbindung zu ihren jüdischen Wurzeln haben und über ihren anderen Vater auch zu ihren nordirischen Wurzeln. Ottolenghi und Allen, die sich 2000 kennenlernten und 2012 heirateten, bekamen ihre Kinder mithilfe einer Leihmutter in den USA. „Sie wissen sehr genau, wie alles abgelaufen ist“, sagt er. „Ich bin dankbar, weil sie so großartige Kinder sind.“ Mit der Leihmutter steht er noch immer in Kontakt.

Zweites Outing als schwuler Vater

In Großbritannien ist nur „altruistische“ Leihmutterschaft legal, bei der der Leihmutter angemessene Auslagen er­stattet werden. Der weltweite Markt für Leihmutterschaft ist kaum reguliert, und das Thema polarisiert. „Das ist wirklich, wirklich schwierig“, sagt Ottolenghi vorsichtig. „Ich kann beide Seiten der Debatte verstehen. Ich möchte nicht, dass Frauen in eine Lage gedrängt werden, in der sie Kinder austragen, weil sie sich in großer finanzieller Not befinden.“

2013 schrieb Ottolenghi im Guardian einen Essay über sein „zweites Coming-out“, diesmal als schwuler Vater. Danach sprachen ihn schwule Männer auf der Straße an und erzählten ihm, dass sie nun zuversichtlich seien, und Elternschaft für sie zur realistischen Möglichkeit wurde.

„Ich bin ein sehr engagierter Vater“, sagt er und zeigt einen Stapel „Dungeons & Dragons“-Handbücher seiner Söhne. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich zu viel mache.“ Ottolenghi hörte mit seiner Arbeit beim Fernsehen auf, um mehr Zeit mit seinen Söhnen verbringen zu können, doch der Spagat bleibt anspruchsvoll. Bald führt ihn eine Buchtour mit 27 Stationen durch Großbritannien, die USA, Kanada und Europa. Einen typischen Arbeitstag verbringt er damit, gemeinsam mit den Köchen in der Ottolenghi Testküche, die über einer Lidl-Filiale im Norden Londons liegt, Gerichte zu entwickeln und immer weiter zu verfeinern.

Obwohl er sich gelegentlich ein Abendessen über Deliveroo gönnt – meist afghanische Currys oder Xi’an-Nudeln –, scheint er unfähig, einfach nur herumzulümmeln. Mindestens einmal pro Woche macht er Pilates – er ist ausgebildeter Pilates-Trainer – und er töpfert mit Leidenschaft. „Ich bin nicht besonders gut darin, mich zu entspannen, deshalb mache ich immer gerne irgendetwas“, sagt er und zeigt eine Sammlung selbst gefertigter Keramikschalen.

Der Erfolg ist Teamarbeit

Anders als andere berühmte Köche, die kaum erwähnen, dass Kochbücher das Ergebnis von Teamarbeit sind, stellt Ottolenghi seine Co-Autoren, Mitarbeiter und Geschäftspartner stets ins Rampenlicht. Wünscht er sich manchmal, sein Name stünde nicht über der Tür? „Manchmal denke ich schon: ‚Wow, es wäre ein bisschen einfacher gewesen, wenn der Laden, keine Ahnung, Salads & Cakes heißen würde‘“, sagt er. „Ich habe immer deutlich gemacht, dass in diesem Unternehmen viele kreative Menschen arbeiten. Aber irgendwie ist es eben der Name über der Tür, von dem die Leute wirklich etwas hören wollen. Das hat seine Vorteile, aber im Alltag zehrt es ziemlich an einem.“

Das Mittagessen ist fast fertig. Ottolenghi „benetzt den Salat“ mit dem zitronigen Bratensaft des Huhns, darauf kommen die Hühnerschenkel. Freundlich weist er darauf hin, zu achten, dass die goldbraune, knusprige Haut nach oben zeigt. „Das ist nur eine Frage der Ästhetik“, sagt er und steckt sich das knusprigste Stück in den Mund. „Ich nasche ständig.“

Wirklich nützlich könnte man sich machen, indem man abwäscht. Doch Ottolenghi gesteht, zwei Geschirrspüler zu besitzen, und sorgt sich gleich darauf, damit großspurig zu wirken. Er fordert auf, ordentlich zuzugreifen. Das Essen ist, wenig überraschend, ausgezeichnet. Geholfen hat, dass Ottolenghi die ganze Arbeit gemacht hat.

Steckbrief

Yotam Ottolenghi

68 stellt Gemüse ins Zentrum seiner Küche. Levantinische Aromen und überraschende Kon­traste in alltagstauglichen Gerichten sind sein Markenzeichen. Aus Jerusalem zog er 1997 nach London und eröffnete 2002 sein erstes Feinkostlokal. Daraus entstand eine globale Marke mit zwei Restaurants, sieben Londoner Delis und Standorten in Amsterdam und Genf. Seine Kochbücher verkauften sich weltweit rund 15 Millionen Mal. Kolumnen („New York Times"), TV-Formate und ein Onlineshop erweitern sein Geschäft weit über die Gastronomie hinaus.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 40/2026 erschienen.

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