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Die Weltweinverschwörung

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Die WHO hat ihre Einschätzung hinsichtlich Alkoholkonsum geändert und vertritt nun den „No save level“-Standpunkt. Einiges deutet darauf hin, dass das mit Einfluss des Abstinenzler-Ordens der Guttempler zu tun hat.

Bisher galt: Ein oder zwei Gläschen Wein machen nicht nur das Essen zum feierlichen Diner, sondern tun auch der Gesundheit gut. Das sprichwörtliche „gesunde Achterl Rot“ galt über Jahrzehnte als – nicht nur österreichisches – Vorsorge-Hausmittel gegen alles und jedes, zahlreiche Studien belegten das immer wieder, von denen viele zweifellos völliger Mumpitz waren, aber halt nicht alle.

Auch die WHO, die Weltgesundheits-Organisation der UNO mit Sitz in Genf, widersprach dieser Volksweisheit zumindest nie explizit und setzte ihre Ziele dahingehend, vor den Gefahren des Alkoholkonsums zu warnen, Missbrauch zu reduzieren, Konsumgewohnheiten zu dokumentieren und Schlüsse daraus zu ziehen.

Mit Jänner 2023 änderte sich das plötzlich und die WHO deklarierte Alkohol als „toxische, psychoaktive und süchtig machende Substanz, die vom internationalen Krebsforschungszentrum seit Jahrzehnten in die Karzinogene der Gruppe 1 eingestuft wurde“, also dort, wo auch Strahlung, Asbest und Tabak zu Hause sind.

Verzicht wurde schick

Nun gut, jetzt könnte einem ja ziemlich egal sein, was die WHO zum Thema Alkohol meint, war es einem bisher höchstwahrscheinlich ja auch schon. Allerdings hat sich mit dem Wandel vom differenzierten Zugang hin zum Dogma „Es gibt kein sicheres Level, das Risiko beginnt beim ersten Tropfen“ etwas verändert: Medien weltweit griffen das Thema bereitwillig auf, übernahmen den Text der WHO ungeprüft und unwidersprochen. Nicht zuletzt, weil Selbst­optimierung und Alkohol-Verzicht zum Social-Media-Phänomen geworden sind, erläutert Winzerin und Fachfrau für Wein-Kommunikation Dorli Muhr. „In der New York Times etwa hat ein Artikel über Alkoholverzicht ein Vielfaches an Klicks im Vergleich zu einem erstklassig recherchierten Artikel über Weinkultur des langjährigen Star-Autors Eric Asimov. So etwas bleibt nicht ohne Folgen“.

Und das Problem dabei ist nicht so sehr, dass der WHO-Text den Unterschied zwischen dem Risiko für eine Krebserkrankung und tatsächlichen Fallzahlen ein wenig „undeutlich“ kommuniziert und wissenschaftlich relevante Studien in Zweifel zog, die positive Wirkung von mäßigen Weinkonsum vor allem im Alter recht deutlich belegten. Denn Kampagnen für Gesundheit und gegen den Konsum von vordergründig ungesunden Substanzen ist ja schließlich der Job der WHO, kann man sagen. Schwierig wird’s hingegen, wenn sich die WHO zum Sprachrohr für Interessengruppen macht, denen zuliebe auf eine differenzierte, wissenschaftlich fundierte Basis verzichtet und stattdessen auf radikale „No save level“- oder „Vision Zero“-Dogmen setzt.

Die Abstinenz-Missionare

Die englische Journalistin Felicity Carter hat die Positionsänderung der WHO über die Jahre hinweg analysiert und dabei herausgefunden, dass da ein verstärkter Einfluss neo-prohibitionistischer NGOs nicht nur stattfindet, sondern dass es 2022 auch Geldflüsse gegeben haben soll. Und wie durch ein Wunder fanden sich ab 2023 Leitlinien von einer dieser NGOs namens Movendi nahezu wortgleich im Programm der WHO.

Wer oder was ist Movendi? Bis 2020 hieß die Organisation noch IOGT, International Organisation of Good Templars, eine 1851 im Staat New York gegründete Abstinenz-Bewegung, deren Grundsätze im Lauf der Zeit um „Solidarität“ und „Frieden“ erweitert wurden. Wogegen man schwer etwas haben kann, auch nicht gegen die Arbeit der Guttempler im Bereich der Suchtprävention, ihren missionarischen Auftrag stellt die Organisation aber gar nicht infrage.

Wein-Etiketten mit Warnung

Und so kam es 2023 dazu, dass Irland als erstes Land der EU Wein-Produzenten vorschrieb, Gesundheitswarnungen wie bei Zigaretten auch auf Weinetiketten unterzubringen, Warnungen vor Krebs und Leber-Erkrankungen. Die EU hatte keine Einwände, nach Protesten aus Italien (weltweit größter Wein-Erzeuger) wurde das Vorhaben aber auf 2028 verschoben.

Oder Juni 2026, da legte der niederländische Gesundheitsrat (unabhängiges Beratungsgremium der niederländischen Regierung und des Parlaments) der Gesundheitsministerin eine auf der neuen WHO-Richt­linie fußende Empfehlung vor, „Alkohol zu entnormalisieren“. Gemeint ist damit, Traditionen wie das gemeinsame Bier, den Afterwork-Drink, die Flasche Wein zum schönen Essen aufs gleiche Level wie schweren Alkoholmissbrauch und Konsum harter Drogen zu bringen, Erwerb und Konsum von Alkohol einzuschränken und komplizierter zu ­machen.

Ist die Lösung tatsächlich einfach?

Klar, gerade die hochprozentigen Getränke sind in Europa, in Österreich viel zu leicht zu bekommen, die durch Alkoholmissbrauch entstehenden Schäden gehen in die Milliarden, die menschlichen Tragödien sind zahllos. Ob sich daran etwas ändert, wenn man Ausschank im Umkreis von Schulen und Kindergärten verbietet oder man Weinflaschen nur in Papiertüten versteckt nach Hause tragen darf wie in den USA, ist die Frage.

Von der 2018 in The Lancet veröffentlichten, wissenschaftlichen Studie, die die WHO als Grundlage ihrer Strategieänderung bezeichnet, gab es im Jahr 2022 übrigens eine Nachfolgestudie, ebenfalls in The Lancet veröffentlicht. Sie zeichnete ein wesentlich differenzierteres Bild, widersprach einigen Ergebnissen der Vorstudie und erkannte eine positive Wirkung gemäßigten Alkoholkonsums für Menschen ab 40 Jahren. Diese Ergebnisse hatten auf die Richtlinie der WHO allerdings keinen Einfluss.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 33+34/2026 erschienen.

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