Die junge Sommelière Friederike Duhme sieht im alkoholfreien Wein die spannendste Entwicklung der Branche, Spitzen-Sommelier Hermann Botolen hält ihn für ein technisches Kunstprodukt ohne Seele. Ein Dialog über Geschmack, Genuss, neue Zielgruppen – und die Frage, was Wein heute eigentlich sein muss.
Pro: Friederike Duhme, Sommelière
Was spricht für alkoholfreien Wein und Wein-Alternativen?
Die Frage ist – was spricht dagegen, warum hat man sich so lange dagegen gewehrt? Tatsächlich war es noch nie so spannend wie gerade jetzt, sich mit alkoholfreien Alternativen zu Wein auseinanderzusetzen, das Spektrum der wirklich ernstzunehmenden Getränke war nie größer als gerade jetzt.
Wir können mit diesen Getränken plötzlich so viele Menschen erreichen, die vom gemeinsamen Genuss bisher ausgeschlossen waren, die aus irgendeinem Grund keinen Alkohol trinken konnten oder wollten. Für uns Gastgeber waren diese Gäste bisher immer ein bisschen uninteressant, eine Art schwarzer Fleck. Das muss jetzt zum Glück nicht mehr so sein.
Was muss eine alkoholfreie Wein-Alternative können, wann ist das ein auch für Sommeliers interessantes Getränk?
Fermentation spielt da sicher eine Rolle, eine alkoholfreie Getränkebegleitung wird dann interessant, wenn komplexe Aromen ins Spiel kommen, wenn es ein Spannungsverhältnis zwischen Süße, Säure und Gerbstoffen gibt. Und solche Getränke können dann mitunter sogar besser zu einem bestimmten Gang passen als ein Glas Wein. Aber am Ende ist ohnehin die Meinung der Konsumenten ausschlaggebend – und der findet alkoholfreie Weine und alkoholfreie Wein-Alternativen zunehmend gut.


Friederike Duhme
© BeigestelltFriederike Duhme (30) ist Absolventin der renommierten Weinbauschule Geysenheim, arbeitete seit 2022 in Wiener und niederösterreichischen Top-Restaurants als Sommelière, aktuell im Restaurant Lara. 2024 wurde die gebürtige Deutsche vom Magazin Falstaff zum Sommelier des Jahres gekürt, gründete mit ihrem Partner Lucas Matthies das Unternehmen kein & low und trank ein Jahr lang keinen Alkohol.
Contra: Hermann Botolen, Diplomsommelier
Was kann echter Wein, was Proxies nie können werden?
Absoluten Genuss bereiten sowie augenscheinlich Herkunft, Lage, Vinifikationsmethode, Rebsorte, der Persönlichkeit des Winzers und dessen Begeisterung spiegeln, also eine Geschichte erzählen. Das können alkoholfreier Wein und Wein-ähnliche Getränke gar nicht.
Ist Alkohol ein Teil des Weingenusses?
Nein, gar nicht, es gilt auch nicht: Je mehr Alkohol desto besser. Aber Wein ist ein Genussmittel, das nun einmal Alkohol enthält, und es verspricht Genuss, den man mit alkoholfreiem Wein nicht hat.
Was macht erstklassigen Wein für Sie zum erstklassigen Wein?
Historie, der Winzer oder die Winzerin und die daraus entstehende Individualität, Distinktion ihres Weins; die unterschiedliche Verarbeitungsphilosophie, und wie sie sich im Wein darstellt; die vielfältigen, erkennbaren und damit faszinierenden Eigenheiten eines Gebiets, einer Region, einer Lage.
Glauben Sie, dass es eine gute Idee wäre, einen großen Wein durch technische Hilfsmittel wie Umkehrosmose oder Vakuumverdampfung alkoholfrei zu machen?
Nein, ich halte das für Blödsinn. Es ist ein Widerspruch, einem Wein – aus Trauben, die man ein Jahr lang penibel kultiviert und dabei mit sämtlichen Wetter- und Klima-Parametern zu kämpfen hat, mit Schädlingen, Frost, für die man viel Energie in Laubarbeit, Bodenbewirtschaftung, Lese, Selektion, Ausbau steckt, um ein natürliches Produkt herzustellen – dann künstlich und auf technischem Weg den Alkohol zu entziehen. So etwas ist eine Angelegenheit für Chemiker, da braucht’s keinen Winzer dazu.


Hermann Botolen
© FuhrmannHermann Botolen (58) gilt als einer der besten Sommeliers des Landes und unerreichter Kenner großer, klassischer Weine. Der gebürtige Steirer war erster Filialleiter bei Wein & Co, Sommelier im Meinl am Graben und führt seit 2016 das Restaurant Fuhrmann in der Josefstadt mit einer Weinkarte, die alle Vorstellungen sprengt. 2023 wurde er vom Falstaff zum Sommelier des Jahres gekürt.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 1+2/2026 erschienen.







