Wenn es kalt wird, riecht es in Wien nach gerösteten Maroni. Hinter dem Brauch steckt eine mehr als 500 Jahre alte Geschichte von Wanderhändlern aus der Gottschee und ein Baum, den die Römer über die Alpen brachten.
Rund 250 Maronistände in Wien
Mit dem Herbst beginnt in Wien wieder die Saison der Maronibrater. Vom Spätherbst bis ins Frühjahr verkaufen sie an Straßenecken heiß geröstete Edelkastanien, die in Österreich Maroni heißen. Laut dem Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien gab es um 2020 rund 250 Maronistände in der Stadt, um 1900 waren es etwa 300. Zusammen setzten die Wiener Maronibraterinnen und Maronibrater zuletzt rund 19 Millionen Euro im Jahr um.
Längst gibt es an den Ständen nicht nur Maroni. Bratäpfel, Bratkartoffeln, Kartoffelpuffer mit Knoblauch und zuletzt auch Wedges gehören vielerorts zum Angebot. Die Wurzeln des Gewerbes reichen aber weit zurück, bis in eine karge Region im Süden der Habsburgerländer.
Wanderhändler aus der Gottschee
Am Anfang steht die Gottschee, ein Gebiet im damaligen Herzogtum Krain im heutigen Slowenien. Kaiser Maximilian I. siedelte dort 1509 rund 300 kriegsgefangene Familien aus Franken und Thüringen an. Weil das Land sehr karg war, zogen viele Gottscheer als Wanderhändler mit Südfrüchten durch die Lande. Maroni gehörten zu den begehrtesten Waren.
Anfang des 17. Jahrhunderts erhielten die Gottscheer Privilegien für den Hausierhandel. Mitte des 18. Jahrhunderts erlaubte ihnen Kaiserin Maria Theresia per Dekret ausdrücklich, Kastanien aus ihrer Heimat im Wanderhandel zu verkaufen. Geröstet wurde in einem tragbaren eisernen Ofen, der mit Holzkohle befeuert wurde.
Die Kästenweiber im barocken Wien
Im barocken Wien waren es vor allem Frauen, die Maroni verkauften, die sogenannten Kästenweiber. Ein Kupferstich aus dem Jahr 1775 zeigt eine Händlerin, die auf einer Kiste sitzt, neben sich einen holzbefeuerten Ofen und die gerösteten Kastanien auf einem abgedeckten Brett. Ihre Ware priesen die Händlerinnen mit lauten Kaufrufen an.
Im 19. Jahrhundert wurde der Beruf zunehmend von Männern ausgeübt. Der Maronibrater tauchte in der Literatur und in Satireblättern auf, oft als Figur, die Politik und Gesellschaft kommentierte. Das Leben der Händler selbst war allerdings häufig von Armut geprägt.
Ein Baum, den die Römer brachten
Die Edelkastanie, botanisch Castanea sativa, ist in Österreich ursprünglich nicht heimisch. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet reicht von Südeuropa bis Westasien. Funde zeigen, dass Menschen in der Region von Kaukasus und Armenien schon in vorgeschichtlicher Zeit Kastanien aßen. Über Kleinasien und Griechenland gelangte der Baum nach Italien, die Römer brachten ihn schließlich über die Alpen, unter anderem in die Steiermark.
Heute ist die Edelkastanie vor allem im Südosten Österreichs verbreitet, vereinzelt wächst sie bis in den Raum Wien. Das Wiener Klima würde ihr laut dem Botanischen Garten der Universität Wien zusagen, sie bevorzugt aber kalkarme Böden. Mit der Rosskastanie, deren Früchte im Herbst in Parks am Boden liegen, ist sie nicht näher verwandt. Zu schaffen macht dem Baum vor allem der Kastanienrindenkrebs, ein aus Ostasien eingeschleppter Pilz. Dazu kommt die aus China stammende Kastaniengallwespe, die im Erwerbsanbau Ernteausfälle von bis zu 75 Prozent verursachen kann.
