Die Oktoberfest-Zeit geht los und mit ihr auch die Hochsaison der Biergärten. Eine Gastronomie, bei der es mehr als bei allen anderen auf die Atmosphäre ankommt.
Es muss keineswegs immer Lederhose oder Tracht sein, in den Biergarten darf man auch mit Jeans und T-Shirt. Denn der Biergarten gehört nicht den Traditionalisten und anders als das Bierzelt schon gar nicht den populistischen Scharfmachern.
Der Biergarten ist ein Wohlfühlort, bei dem es – um seine volle Wirkung ausspielen zu können – allerdings auf ein überaus sensibles Zusammenspiel unterschiedlichster Parameter ankommt.
Ein bisschen bajuwarische Neogotik
Sagen wir so: Ein bisschen typisch bajuwarische Neogotik, verspielte Mittelalter-Zitate wie Arkadengänge und Brunnen tun der Atmosphäre sicher keinen Abbruch. Das wäre das Rundherum, wesentlich für das beglückende Biergarten-Gefühl aber ist das Zusammenspiel zwischen Himmel und Erde, zwischen Weiß und Dunkelgrün, zwischen dem gekiesten Boden und den schattenspendenden Bäumen.
Das müssen jetzt nicht zwangsläufig Kastanienbäume sein, allerdings lassen die so ziemlich exakt die richtige Menge an goldener Septembersonne durch, bei der einem das Herz leicht wird, das Märzen im Krug gülden funkelt und man im Hinterkopf spürt, wie das Dopamin einfährt.
Die Kastanien haben einen Sinn
Das mit dem Kies und den Kastanien haben sich übrigens nicht irgendwelche Gartendesigner ausgedacht, das hatte bis zur Erfindung der elektrischen Kühlung ganz praktische, brautechnische Gründe: Gärung und Lagerung der im bayerischen Raum bevorzugten untergärigen Biere erfordern kühle bis sehr kühle Temperaturen, weshalb diese Biere bis Mitte des 19. Jahrhunderts nur im Winter und in Kellern gebraut werden konnten und über den Sommer mit Eisblöcken vor dem Verderben geschützt wurden.
Sowohl Kies als auch (flach wurzelnde) Kastanien sorgten für Isolierung und Beschattung der Keller, die dabei entstehende Idylle ist ein Nebenprodukt, an die wir uns in den 214 Jahren, da Bier von den Brauereien ausgeschenkt werden darf, wohl gewöhnt haben.
Nächster Punkt: das Essen. Ähnlich dem Heurigen durften und dürfen im Biergarten bis heute mitgebrachte Speisen gegessen werden, was die typischen Biergarten-Gerichten stark prägte: nämlich einerseits Sachen wie Wurstsalat, Brezen und der ikonische Obatzte, die man sich durchaus zu Hause einpacken konnte, andererseits Köstlichkeiten, die schon einen größeren Aufwand erfordern und auf die man sich im Biergarten freut: ein knuspriges Bratl, die Stelze, ein Paar frische Weißwürste, einen warmen Leberkäse oder den in der heimischen Küche nur schwer reproduzierbaren Steckerlfisch.
Eine Maß Bier, ein Maß an Demokratie
Und dann ist da die heute fast schon anachronistisch wirkende soziale Komponente: Die Biergarten-Liebe ist an keine Einkommensklasse oder sonst einen gesellschaftlichen Filter geknüpft, Biergarten-Fans (Transparenzhinweis: Ich bin einer) können alt, jung, arm, reich, männlich, weiblich und alles dazwischen und darüber hinaus (um Jan Böhmermann zu zitieren) sein, in dem Moment, da man im Biergarten sitzt, hat man was gemeinsam.
Und „gerade in einer zunehmend digitalen und schnelllebigen Welt haben solche analogen Orte wieder einen besonderen Wert“, sagt Gastronom und Biergarten-Betreiber Stephan Gassner. „Und vielleicht erklärt das auch einen Teil des Wies’n-Booms: Die Menschen suchen wieder stärker nach Gemeinschaft, Geselligkeit und echten Erlebnissen.“
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 38/2026 erschienen.
