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Zu schweigen ist sicher die schlechteste aller Möglichkeiten. Denn das hieße, die Augen zu verschließen vor einer tatsächlichen Gefahr: "Mit der digitalen Welt hat sich das Grundrisiko, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden, deutlich verschärft", kommentierte die Expertin Kerstin Claus, die Zahlen.
Wie also geht man in der Familie mit dem Thema am besten um? Sollte man abwarten, bis Fragen kommen? Oder das Gespräch aktiv suchen? Und mit welchen Worten?
Prävention kann und sollte früh beginnen und beschäftigt sich zunächst gar nicht konkret mit dem Thema Missbrauch. "Der beste Schutz ist, Kinder ernst zu nehmen und sie darin zu bestärken, auf ihre Gefühle zu hören", sagt die Sozialpädagogin Tanja von Bodelschwingh.
Schon im frühen Kindergarten-Alter könne man ansetzen, könne sein Kind dabei unterstützen, Worte zu finden für Emotionen. Und es spüren lassen, dass man diese Gefühle respektiert, dass es in Ordnung ist, wenn der Sohn oder die Tochter traurig ist oder wütend. Der Hintergrund: Nur wer benennen kann, was sich gut oder unangenehm anfühlt, kann sich darüber mitteilen.
Auch für ihren eigenen Körper sollten Kinder Begriffe haben, nicht nur für Augen, Nase, Mund, für Arme und Beine, sondern gleichermaßen für die Geschlechtsorgane. Und auch hier geht es wieder darum, sich äußern zu können, eine Sprache zu haben für Dinge, die möglicherweise passiert sind.
Schamhaftes Umschreiben von Begriffen wie Vulva oder Penis oder peinlich berührte Verlegenheit der Erwachsenen bei dem Thema sei kontraproduktiv, warnt Ann-Kristin Hartz. Die Diplom-Psychologin ist Geschäftsführerin von "Sichtbar", einem Fachzentrum gegen sexualisierte Gewalt in Braunschweig. "Wenn Kinder das Gefühl bekommen, dass die Eltern bei dem Thema komisch reagieren, dann trauen sie sich möglicherweise nicht mehr, mit ihnen darüber zu sprechen", sagt Hartz.
Eng damit verbunden ist das Thema Grenzen. Und auch hier geht es noch gar nicht konkret um die Situation eines sexuellen Missbrauchs, sondern um die Grundregeln des Zusammenlebens, um den Respekt vor einem "Nein". Am Thema Kitzeln lasse sich das beispielsweise gut verdeutlichen, sagt Hartz: Manche Kinder mögen es, manche finden es furchtbar unangenehm. Grenzen sind individuell und jede und jeder hat ein Recht darauf, dass sie akzeptiert werden.
Entscheidend sei die Botschaft, dass Kinder jederzeit "Nein" sagen dürfen – auch zu Erwachsenen, sagt Tanja von Bodelschwingh. Und ja, es könne durchaus sein, dass Kinder dieses Recht dann auch im Alltag einfordern, wenn es ums Zähneputzen geht oder um die Hausaufgaben. Aber das dann auszuhandeln, sei auch ein Teil des Lernprozesses.
Was Kinder hingegen nicht schützt, ist Angst. Von Bodelschwingh warnt davor, sie mit allgemeinen Warnungen vor gefährlichen Szenarien zu verunsichern. Das mache sie nur unsicherer und leiser – und gebe ihnen im Fall eines Übergriffs möglicherweise auch das Gefühl, selbst schuld zu sein, weil sie nicht genug aufgepasst oder an die Warnungen nicht mehr gedacht haben.
Zudem vermittle der Fokus auf "Fremde" ein verzerrtes Bild, betont Ann-Kristin Hartz: In der Mehrzahl der Missbrauchsfälle kommen die Täter aus dem Familien- oder Freundeskreis. Wichtiger sei es, Kinder generell für Grenzverletzungen zu sensibilisieren – unabhängig davon, von wem sie ausgehen. Und dafür, dass man mit seinen Eltern über Dinge sprechen kann, die einen belasten, auch wenn jemand sagt, dass man dies nicht tun soll: "Kinder müssen wissen, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt", so Hartz.
Die Diplom-Psychologin hält hingegen wenig davon, Kindern konkrete Verhaltensempfehlungen auf den Weg zu geben, wenn sie zum ersten Mal ins Ferienlager fahren oder ins Trainingscamp mit dem Sportverein. Hartz empfiehlt Eltern stattdessen, sich im Voraus über Betreuungs- und Schutzkonzepte zu informieren. Eine offene, transparente Haltung der Verantwortlichen sei dabei ein gutes Zeichen. Seinen Kindern sollte man die Botschaft mitgeben: "Wenn etwas nicht passt, bin ich erreichbar und du kannst mir alles erzählen."
Je älter die Kinder werden, umso mehr wird auch das Thema Sexualität eine Rolle spielen und umso wichtiger werde, sagt Tanja von Bodelschwingh, die Aufklärung über positive Sexualität, die Sexualität als Sexualität benenne und Gewalt als Gewalt. Und die beinhalte, "dass man jederzeit Nein sagen darf, auch wenn man vorher Ja gesagt hat". Auch die Rechtslage sollten Jugendliche kennen: "Eine Lehrkraft, ein Trainer oder eine Trainerin dürfen zum Beispiel keine Beziehung mit einer schutzbefohlenen Person anfangen."
Und was, wenn es doch passiert? Wenn das Kind etwas erzählt, egal ob Andeutungen oder Konkretes? Ernst nehmen und nicht wegwischen, das sei als erste Reaktion wichtig, sagt von Bodelschwingh. Auch wenn der Reflex groß ist, sofort tätig werden zu wollen, "sollte man nicht vorschnell handeln, sondern überlegt vorgehen".
Beratungsstellen, an die man sich auch anonym wenden kann, helfen, das Geschehen einzuordnen und die nächsten Schritte zu planen. "Entscheidend ist, dem Kind zu vermitteln, dass es ernst genommen wird und nicht allein ist."
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/dpa-tmn/Andrea Warnecke/Andrea Warnecke
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