Im Tiefschlaf verbreiten sich langsame Hirnwellen normalerweise über große Teile der Großhirnrinde. Bei vielen älteren Menschen bleiben sie isoliert. Womit das laut einer neuen Studie zusammenhängt und was es für das Gedächtnis bedeutet.
Langsame Hirnwellen im Tiefschlaf breiten sich bei jungen Menschen wie eine Welle über die Großhirnrinde aus. Bei älteren Menschen wandern sie kürzere Strecken und bleiben häufiger vereinzelt. Ein Team der University of California in Berkeley nennt diese Wellen „einsam“, und es hat einen Zusammenhang gefunden: Je mehr Tau-Protein sich im Stirnhirn abgelagert hatte, desto häufiger traten sie auf, und desto schlechter erinnerten sich die Teilnehmenden am nächsten Morgen an Gelerntes. Das berichtet die Universität in einer Mitteilung zur Studie, die im Fachjournal Nature Neuroscience erschienen ist.
Mit Einsamkeit im sozialen Sinn hat der Begriff nichts zu tun. Gemeint ist eine Hirnwelle, die nicht wandert. Tau-Ablagerungen gelten als ein Kennzeichen der Alzheimer-Krankheit, die Untersuchten hatten aber keine Alzheimer-Diagnose. Ihr Gedächtnis entsprach dem, was für ihr Alter üblich ist.
Wie die Studie aufgebaut war
Die Forschenden um den Schlafforscher Omer Sharon und den Neurowissenschaftler Matthew Walker zeichneten bei jungen Erwachsenen Anfang 20 und älteren Menschen zwischen Mitte 60 und Mitte 70 den Schlaf einer Nacht per EEG auf. Bei den Älteren wurden Tau und Amyloid zusätzlich mit einer PET-Untersuchung gemessen. Am Abend lernten die Teilnehmenden Wortpaare, am Morgen wurde abgefragt, wie viele sie noch wussten.
In einer Vorabfassung der Arbeit aus dem Jahr 2024 sind 61 junge und 74 ältere Erwachsene genannt, die Älteren waren im Schnitt knapp 75 Jahre alt. Ein Teil wurde Jahre später erneut untersucht. Außerdem prüfte das Team den Befund in einer zweiten Gruppe der Washington University in St. Louis, bei der Tau und Amyloid im Nervenwasser bestimmt wurden. Auch dort gingen mehr Tau im Verhältnis zu Amyloid und isoliertere Wellen zusammen.
Was die Wellen mit dem Erinnern zu tun haben
Langsame Wellen im Tiefschlaf entstehen, wenn große Gruppen von Nervenzellen gleichzeitig kurz abschalten und wieder anspringen. Sie gelten als wichtig dafür, dass Erlebtes über Nacht im Gedächtnis gefestigt wird. Laut der Vorabfassung erfasste eine Welle bei jungen Menschen im Schnitt 25 Prozent der Großhirnrinde, bei älteren 15,8 Prozent. Entscheidend sei aber nicht allein das Alter, betont Sharon, sondern wie viel Tau sich in jenen Stirnhirnregionen findet, von denen die großen Wellen ausgehen.
Bei den erneut Untersuchten stiegen Tau und der Anteil einsamer Wellen gemeinsam an, während das Erinnern über Nacht schwächer wurde. „Was wir noch nicht sagen können, ist, was zuerst kommt“, wird Sharon in der Mitteilung der Universität zitiert.
Wo die Grenzen der Studie liegen
Die Arbeit zeigt einen Zusammenhang, keinen Beweis für Ursache und Wirkung. Bemerkenswert ist, dass der Titel der Vorabfassung noch davon sprach, dass Tau die einsamen Wellen auslöse. In der veröffentlichten Fassung ist nur noch von einem Zusammenhang die Rede. Gemessen wurde mit einem EEG mit vergleichsweise wenigen Elektroden, und einige Teilgruppen waren klein.
Einen Test, mit dem sich Alzheimer über den Schlaf früh erkennen ließe, gibt es damit nicht. Offen ist auch, ob sich das Gedächtnis verbessern lässt, wenn man den Tiefschlaf gezielt stärkt. Das müssten eigene Studien klären.
Quellen
University of California, Berkeley (veröffentlicht über ScienceDaily): New UC Berkeley study links deep-sleep loss to Alzheimer’s-related protein buildup (2026)
Sharon, Walker u. a. (bioRxiv, Vorabfassung): Tau pathology leads to lonely non-traveling slow waves that mediate human memory impairment (2024)
