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Narzissmus: So streiten Narzissten

Psychologie - Narzissmus: So streiten Narzissten © Bild: iStockphoto.com

Wer sich mit einem Narzissten anlegt, hat im Grunde schon verloren. Zumindest dann, wenn er es sich zum Ziel gesetzt hat, eine Diskussion auf Augenhöhe zu führen. Wie streiten Narzissten? Der Wiener Neurowissenschafter und Psychiater Dr. Dr. Raphael Bonelli gibt Antwort.

Wir alle tragen narzisstische Tendenzen in uns, erklärt Bonelli. Die einen mehr, die anderen weniger. Das macht uns aber noch lange nicht zu Narzissten. Von solchen spricht man erst dann, wenn eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliegt. Diese macht sich durch drei wesentliche Merkmale bemerkbar: Ein echter Narzisst idealisiert sich selbst, wertet andere ab und ist sich stets selbst der Nächste. Oder aber: "Schön ist nur er selbst, wahr ist nur das, was er sagt, und gut ist nur, was für ihn gut ist." Sie sehen schon: Die Chance, aus einer Diskussion mit einem Narzissten als Sieger hervorzugehen, ist sehr gering. Wenn nicht gar gleich null.

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Die häufigsten Streitthemen

Doch was ist es, das Betroffene aufbringt? Welche Themen bieten den meisten Stoff für Konflikte? "Man kann mit einem Narzissten über fast alles streiten, was ihm heilig ist", weiß der Experte. Und heilig ist in erster Linie er selbst beziehungsweise alles, was mit ihm persönlich zu tun hat. So zum Beispiel seine Herkunft, seine Bildung oder seine Familie. "Ich erkläre mich zum Ideal und erwarte von dir, dass du das ebenso tust", veranschaulicht Bonelli die Einstellung des Narzissten. Und viele täten dies auch. Allen voran jene, die eine Liebesbeziehung mit einem Narzissten eingehen. "Weil verlieben heißt ja, den anderen idealisieren."

Passend dazu: Warum verliebe ich mich immer nur in Narzissten?

Während man den Partner anfangs noch durch die rosarote Brille sieht - tatsächlich sind mehr Männer von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung betroffen -, beginnt die Fassade des Glanzes mit der Zeit aber zu bröckeln. Früher oder später begreift man, dass er in Wirklichkeit gar nicht so toll ist, wie er zu sein vorgibt. Dass auch er nur ein Mensch unter vielen ist. "Wenn man dann an seiner Krone kratzt, seine Sonderstellung bezweifelt, dann flippt er völlig aus. Dann kommt es zum Superstreit. Weil man ihn damit entthront", erklärt der Experte. "Für ihn ist das eine Majestätsbeleidigung. Und die wird geahndet wie ein Staatsverrat."

»Wenn man an seiner Krone kratzt, flippt er völlig aus. Dann kommt es zum Superstreit«

Wie streiten Narzissten?

Der Narzisst empfindet es als Frechheit, von einem minderen Wesen - denn nichts anderes ist sein Gegenüber nun für ihn - hinterfragt zu werden. Er ist zutiefst gekränkt. Um sich selbst wieder aufzuwerten, wertet er den anderen ab. Beleidigungen sind dabei keine Seltenheit. Ob es nun die paar Kilo zu viel sind, mit denen die Frau schon seit Jahren hadert, oder der niedrige Bildungsgrad, der ihr zu schaffen macht: "Der Narzisst hat ein Gefühl dafür, wo es am meisten weh tut. Und genau dort schlägt er hin", schildert der Experte. "Er ist skrupellos. Im Streit will er den anderen brechen. Und wenn sie dann heult, sagt er bloß: 'Du bist selber schuld!'"

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»Der Narzisst ist skrupellos. Im Streit will er den anderen brechen«

Wie also sollte man sich am besten verhalten? "Bei wirklichen Narzissten kann man nur die Klappe halten", sagt der Psychiater. Eine Diskussion führt zu nichts. Der Narzisst hat keinerlei Einsicht. Fehler machen in seinen Augen nur die anderen. Er selbst ist frei von Schuld. "Ein echter Narzisst entschuldigt sich nicht." Im Gegenteil. Er beharrt darauf, Recht zu haben, und kündigt an, seinen Standpunkt jederzeit wieder zu vertreten. Eine Versöhnung ist nur dann möglich, wenn das Gegenüber auf blutigen Knien gekrochen kommt. Was nicht selten der Fall sei. Dann sagt der Narzisst mit erhobenem Zeigefinger: "Dass du mir das ja nie wieder machst."

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Univ.-Doz. Dr. Dr. Raphael M. Bonelli ist als Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin sowie Facharzt für Neurologie mit Schwerpunkt u.a. auf Narzissmus. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen, leitet das "Institut für Religiosität in Psychiatrie & Psychotherapie" in Wien und ist Faculty Member des "Center for Spirituality, Theology and Health" an der Duke University. Hier geht es zu seiner Homepage.

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