Verschiebung des Standards

Die Affäre Schilling ist auch ein Fall „Standard“. Durch die Bloßstellung der Kandidatin gerät das Medium auf den Prüfstand. Die Fremd- und Selbsteinschätzungen reichen von verantwortungsloser Grenzüberschreitung bis zum notwendigen Sagen, was ist

von Medien & Menschen - Verschiebung des Standards © Bild: Gleissfoto

Die Zeiten ändern sich. Was früher das Öffnen der Büchse der Pandora war, ist heute der Versuch, die Creme in die Tube zurückzupressen. Die mythologische Allegorie beschreibt die Ursache, der zeitgeistige Vergleich die Wirkung eines fragwürdigen Vorgangs. Er ist irreversibel. Das gilt für die Affäre Schilling wie für den Fall „Standard“. Doch es gibt zu viel öffentliche Diskussion über sie und zu wenig über ihn. Das deklarierte Qualitätsblatt verschiebt die hiesigen Grenzen von Veröffentlichungswürdigkeit. Sein Balanceakt zwischen Politik, Privatem und Publikation wirkt unabhängig vom Ausgang des wohl lange noch währenden Seiltanzes als Tabubruch. Das verunsichert neben Mandataren auch Medienmacher – vorzugsweise hinter vorgehaltener Hand. Es lässt sich nicht abtun mit einem Leitartikel, dessen von Rudolf Augstein († 2002) entlehntes Motto „Sagen, was ist“ vor allem großen Anspruch erhebt: Was der von ihm gegründete „Spiegel“ für Deutschland ist, will der „Standard“ für Österreich sein.

Eine solche Führungsrolle als Leitmedium wollen andere auch, in einer Branche, die im Kampf um ihr Überleben das Spitzenpersonal neu ordnet. Innerhalb von zwei Jahren haben der öffentlich-rechtliche Marktführer ORF, die nationale Nachrichtenagentur APA und zwei Drittel der Tageszeitungen neue Chefredakteure erhalten. Sie müssen sich in einer durch Digitalisierung und Social Media rasant und radikal veränderten Konkurrenz beweisen. Ihre wirtschaftlichen Folgen zwingen zu Personalabbau. Das aber erschwert die Bewältigung des zweiten Teils der existenziellen Krise – die Bewahrung von Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Zwischen diesen Mühlsteinen agiert auch der „Standard“ mit Gründer Oscar Bronner (81) als Herausgeber und seinem Sohn Alexander Mitteräcker (51) als Geschäftsführer. Nach Gerfried Sperl (83, bis 2007) und Alexandra Föderl-Schmid (53, bis 2017) hat ihn im Herbst sein erst dritter Chefredakteur – abgesehen von Bronner – Martin Kotynek (41) verlassen. Er wurde dann interimistisch von den Stellvertretern Petra Stuiber (57), Nana Siebert (46) und Rainer Schüller (52) geleitet. Der neue Chefredakteur Gerold Riedmann (47) steht erst seit 1. April am Ruder.

Traditionell gewähren Journalisten Politikern 100 Tage Schonfrist zur Einarbeitung. Unabhängig davon gilt in der Wirtschaft die Faustregel „Neue Besen kehren gut“. Der Einstieg per Knalleffekt ist ein Erfolgsrezept für Management und Marketing, Führung und Regierung. Mit „Speed kills“ beschrieb Andreas Khol (82) einst dieses Prinzip. Die Devise bildet in vielschichtiger Interpretation das Spielfeld für die aktuellen Enthüllungen um Lena Schilling (23). Sie begannen 106 Tage nach Bekanntgabe ihrer Kandidatur für die Grünen bei der Wahl zum Europäischen Parlament. Ende der Schonfrist.

Doch während sie und die hinter ihr stehende Partei durch alle öffentlichen Kanäle geohrfeigt werden, widmet sich die sonst vielzitierte Blase für Politik und Medien größtenteils hinter den Kulissen dem Überbringer der schlechten Botschaft. Der „Standard“ (35) war bis dato neben dem „Falter“ (46) das Leib- und Magenblatt der Grünen (37). Ja, dürfen s’ denn des? Die Frage gilt weniger den investigativen Journalisten Katharina Mittelstaedt (34) und Fabian Schmid (34) als ihrem Vorgesetzten Riedmann. Er hatte sich als Chefredakteur der „Vorarlberger Nachrichten“ und zugleich Geschäftsführer ihres Eigentümers Russmedia zu einem der renommiertesten nicht aus Wien agierenden Journalisten in Österreich entwickelt. Unter ihm waren die als nicht allzu fern von der Ländle-ÖVP geltenden „VN“ auf Konfrontationskurs zu Markus Wallner (56), dem dienstältesten Landeshauptmann, gegangen. Ein verblüffender Rollenwechsel aufgrund eines von Ö1-Redakteur Stefan Kappacher (62) aufgedeckten Inseratenskandals um Wirtschaftsbund und -kammer, bei dem auch Russmedia ein Nutznießer war.

Vom Kontrahenten in der Affäre zum Konkurrenten ihrer Enthüllung? Der Schwenk geriet unvollendet. Die „VN“ hatten Wallner aufgrund der eidesstattlichen Erklärung eines anonym gebliebenen Managers der Inseratenkorruption bezichtigt. Kurz darauf nahm der Politiker zwölf Wochen Burn-out-Pause. Erst ein Jahr später stellte die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft ihre Ermittlungen ein, weil sie keinen Beleg für die Vorwürfe fand. Denn die Zeitung wahrte das Redaktionsgeheimnis und verriet die Identität des Informanten nicht. Übrig blieb, was sie nicht nur in Vorarlberg ein „Gschmäckle“ nennen. Doch Quellenschutz ist essenziell für einen im demokratiepolitischen Sinne kontrollierenden Journalismus. Seine Überhöhung auf einen Rang neben Legislative, Exekutive und Judikative lehnt Riedmann aber nun im „Standard“-Leitartikel ab: „Wir sind nicht die vierte Gewalt.“

„Sagen, was ist“ wirkt als Anspruch kaum geringer. Diese Zuspitzung diente Augstein zur Betonung der Faktendominanz im „Spiegel“, der bis 2014 ohne Leitartikel auskam. Sie unterschlägt abgesehen vom ohnehin Unsäglichen, dass Nachrichtenmedien unter ständigem Klärungsbedarf stehen, was für die Gesellschaft relevant ist und wo die Persönlichkeitsrechte überwiegen und gegen eine Information der Massen sprechen. Solch Schwarmintelligenz unterscheidet die Redaktionen von der individuellen Hemmungslosigkeit auf Social Media. Riedmann und der „Standard“ haben bei Schilling der öffentlichen Aufklärung den Vorrang gegeben. Sie liefern auch viele Begründungen dafür. Das ist zu akzeptieren.

Doch die Digital-Akteure und Blattmacher müssen auch die Kritik an ihrer Entscheidung akzeptieren, die zum wahrscheinlich meistgelesenen Onlineartikel ihrer Zeitungsgeschichte geführt hat. Im Blatt hingegen wurde der Scoop mit auffallender Zurückhaltung vermarktet. Auf dem Cover verwiesen nur schüttere vier Zeilen unter dem nichtssagenden Titel „Grüne Spitzenkandidatin“ zur formatfüllenden Bombe auf Seite sieben. Solch Unterverkauf spekuliert mit der größtmöglichen Komplementärmenge von grün-affiner Qualitätspapierleserschaft mit einer auf Social-Media-Rückhaltlosigkeit gebürsteten Internet-Community. Großteils so anonym, wie es die meisten Schilling-Informanten bleben werden.

Diese beiden Säulen des „Standard“ wirken seit jeher so wenig vereinbar wie 65 Euro monatlich für das Print-Abo, während seine Artikel im Internet gratis sind. So hat er als einzige Zeitung Österreichs die Zirka-Parität von Papier- und Digital-Nutzerschaft erreicht, aber abgesehen von den Vorarlberger Blättern die geringste Verkaufsauflage. Riedmann benötigte dazu bei den „VN“ bloß eine 40-köpfige Redaktion, beim neuen Arbeitgeber ist sie ungefähr viermal so stark. Allfällige Ängste in Wien vor dem Antritt des neuen Chefredakteurs, dem „Medienmanager des Jahres“ 2019, sind nachvollziehbar.

Auch unter dem Eindruck des dadurch geprägten Vorurteils eines zu stark kaufmännisch Getriebenen ist die Schilling-Entscheidung von Riedmann zu verstehen. Er setzt eine journalistische Duftmarke, die einigen Kollegen stinkt, was aber wenige öffentlich äußern. Kappacher schreibt zwar postwendend auf X: „Wahlkampf um Charakter-Fragen. Hatten wir in der Härte noch nie, und ich bin von den ,ergebnisoffenen Recherchen‘ nicht völlig überzeugt.“ Doch das wird ihm als Rivalität aufgrund seiner Ländle-Erfahrung mit Riedmann ausgelegt, die der Macher des Ö1-Medienmagazins „Doublecheck“ später selbst erwähnt. Allenfalls Chefredakteur Hubert Patterer (62) wagt sich aus der Deckung und schreibt von einer „Aufdeckergeschichte im Grenzbereich des Publizierbaren“ in der „Kleinen Zeitung“. Ihre frühere Chefreporterin Claudia Gigler (61), Geschäftsführerin des Kuratoriums für Presseausweise und Österreich-Vertreterin im diffamierung.net, hat dort erklärt, „warum es sich falsch anfühlt, was geschieht“. „Standard“-Pionier Thomas Mayer (62) hingegen teilt gar „Krone“-Enthüllungen dazu.

Sagen, was ist? Die lachsrosa Medienmarke hat die Latte dafür zugleich hoch und tief gelegt. In Richtung aller Parteien unter dem gewohnten inhaltlichen Niveau. Ja, dürfen s’ denn des? Der Presserat wird sich infolge einer Beschwerde damit befassen. Boulevard oder Qualität? Die Grenzen verschwimmen wie in der Politik. Das „anonyme Gefurze“ von Vizekanzler Werner Kogler (62) verbreitet sprachlich einen Hautgout wie sachlich allzu intime Einsichten. Hätten Stuiber, Siebert und Schüller anders entschieden als Riedmann? Was wirkt wie eine Geschmacksfrage, sollte aufgrund klarer Kriterien zu beantworten sein. Ist es aber nicht. Vom Presseclub Concordia bis zu den Reportern ohne Grenzen schweigen die üblichen Hüter der reinen Lehre. Das ist falsch. Journalismus muss sich breitflächig selbst infrage stellen. Sonst markiert „Standard“-Scoop nur einen Dammbruch – aber nicht das Öffnen der Büchse der Pandora. Denn das Schlechte ist längst in der Welt. Doch wir wollen und müssen nicht alles wissen.