Luxemburg: Mehr als Banken

Im Herzen Europas liegt Luxemburg. Spitzenkoch René Mathieu kreiert hier einzigartige Gerichte aus Wildkräutern. Seine Philosophie und welche Orte in dem kleinen Land für ihn außergewöhnlich und besuchenswert sind.

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Reisen - Luxemburg: Mehr als Banken © Bild: iStockphoto.com

Jeden Tag dreht René Mathieu seine Runde durch die Wälder von Bourglinster. Gut zwei Stunden ist er unterwegs, um die Zutaten für seine Speisen zu sammeln: Wildkräuter, Blüten und im Winter Wurzeln und Zapfen. Der Sternekoch weiß genau, wo die gewünschten Pflanzen wachsen und so hält er innerhalb kürzester Zeit zwei Sträuße violetter Veilchen in seinen Händen, die später zur Nachspeise verarbeitet werden. "Ich fühle mich mit dem Wald verbunden", sagt Mathieu, der bereits zwei Mal zum weltbesten Gemüsekoch gekürt wurde. "Hier kann ich auftanken und merke immer wieder, dass ich als Mensch nur ein kleiner Teil der Natur und des Universums bin."

© Christine Lugmayr Sternekoch René Mathieu bereitet seine einzigartigen Speisen aus Wildpflanzen und -kräutern zu, die er jeden Tag frisch in der Natur sammelt. Das gesamte Menü wird viermal pro Jahr mit den Jahreszeiten geändert

Er geht weiter, tiefer in den Wald hinein zu jener Stelle, an der gerade der Waldmeister wächst. "Viele Menschen haben den Bezug zur Natur verloren. Sie wissen heute gar nicht mehr, wovon sie sich eigentlich ernähren. Sie kaufen im Supermarkt fertig abgepackte Waren und hinterfragen nicht, wo sie herkommen und wie sie produziert werden", kritisiert der Spitzenkoch, während er auf dem Boden kniet und Waldmeister pflückt. Sein Wissen über Wildpflanzen hat er von seinem Großvater, der als Jäger und Förster arbeitete.

Burgen und Schlösser

Mathieu kam vor mehr als 20 Jahren von Belgien nach Luxemburg. Zuerst als Privatkoch der großherzoglichen Familie, dann nach Bourglinster. Sein Restaurant "La Distillerie" befindet sich im Schloss des kleinen, beschaulichen Dorfs. Überhaupt gibt es viele Schlösser und Burgen in Luxemburg. So zählt für Mathieu unter anderem die Burg Vianden zu einem jener überraschenden Orte, die absolut sehenswert sind.

Die eindrucksvolle Burg in Vianden wurde auf den Fundamenten eines römischen Kastells errichtet, allerdings 1692 durch ein starkes Erdbeben weitgehend zerstört. Bis 1978 war sie eine Ruine, die erst in den Jahren danach aufwendig wiederaufgebaut wurde. Heute zählt die Burg zu den meistbesuchten Attraktionen des Landes.

© Jengel Klasen Die Burg Vianden im Osten des Landes war bis 1978 eine Ruine und wurde dann wieder aufgebaut. Heute ist sie eine bedeutende Sehenswürdigkeit in Luxemburg

Unterhalb der Festung am Fluss Our liegt der Ort Vianden, in dem der berühmte französische Schriftsteller Victor Hugo einige Zeit verbrachte. Ein Museum und ein nach ihm benanntes Hotel erinnern daran.

Gleich in der Nähe befindet sich Luxemburgs einziger Sessellift. Er führt auf eine Panoramaterrasse inklusive Gasthaus in 440 Metern Höhe mit Ausblick auf die Burg und das Ourtal.

Jede Saison ein neues Menü

René Mathieu variiert seine Speisen je nachdem, was in der Natur gerade sprießt. Viermal jährlich wird das gesamte Menü erneuert und an die Saison angepasst. Natürlich merke er, dass Vegetarisch gerade im Trend liege, sagt er, während er in einem kleinen Feld aus gelb blühenden Blumen verschwindet. Allerdings gehe es ihm nicht um Trends, diese hätten ihn noch nie interessiert. Vielmehr vertrete er seine Philosophie. "Viele Menschen sind zur Karriere getrieben", ist Mathieu überzeugt. "Alles muss schnell gehen. Niemand nimmt sich mehr Zeit. Dabei ist Zeit das Schönste, was man jemandem geben kann." Auch in Luxemburg, wo sich so viel um Banken und Geld drehe, es aber noch Anderes zu entdecken gebe.

Luxemburgs Hauptstadt

Die hohen, modernen Hochhäuser der Banken liegen am Kirchberg-Plateau. In den vergangenen Jahrzehnten ist dieses neue Viertel, das nach wie vor rasch wächst, im Nordosten von Luxemburg Stadt entstanden. Nicht nur Banken und Finanzdienstleister haben hier ihre Zentralen, ebenso zahlreiche EU-Institutionen, wie Gerichtshof, Rechnungshof und Teile des europäischen Parlaments sind am Kirchberg-Plateau zu finden. Dazu kommen Nationalbibliothek und die Philharmonie mit dem Grundriss eines Auges.

© Shutterstock.com Am Kirchberg-Plateau liegen Banken, EU-Institutionen sowie die Philharmonie (rechts im Bild) mit einer Fassade aus 823 weißen Säulen

Seit sieben Jahren verbindet die Straßenbahnlinie 1, die wie alle öffentlichen Verkehrsmittel Luxemburgs kostenlos benutzt werden kann, das Kirchberg-Plateau mit der Altstadt. Bereits nach wenigen Stationen bietet sich ein völlig anderes Bild. Die zum UNESCO-Welterbe zählende Altstadt ist geprägt von den Festungsmauern und historischen Gebäuden. In den kleinen, mit Kopfstein gepflasterten Straßen und Gassen befinden sich zahlreiche Restaurant und Bars, die am Donnerstagabend, wenn sich gefühlt sämtliche Mitarbeiter des Kirchberg-Plateaus auf einen After-Work-Drink treffen, zum Bersten voll sind.

Ein für Wahlluxemburger René Mathieu besonderer Ort befindet sich unter der Altstadt: Die Kasematten, ein unterirdisches Verteidigungssystem, das ab dem 17. Jahrhundert angelegt wurde. 17 der insgesamt 23 Kilometer langen Gänge sind heute noch erhalten und Teile davon können besucht werden.

Überraschende Aromen

Aus den gesammelten Pflanzen kreiert Mathieu mit seinem Team einzigartige Gerichte. Eine Kräuterbrühe etwa, die nach Champignon schmeckt, aber ganz ohne Pilze auskommt. Vielmehr ist es Spitzwegerich, der dieser Speise das Aroma verleiht.

Bei jedem Gang kommt der Spitzenkoch zu den Tischen, um die frisch gesammelten Kräuter und Blumen, aus denen das Gericht besteht, zu präsentieren. Mathieu möchte seine Gäste zum Staunen und Nachdenken anregen. "Es ist mir wichtig, dass man bewusst isst und wahrnimmt, was die Natur uns gibt", sagt er und appelliert an alle, immer wieder die eigene Komfortzone zu verlassen, um Neues zu entdecken.

© Christine Lugmayr Der Schiessentümpel zählt zu den meistfotografierten Sehenswürdigkeiten Luxemburgs. Er liegt – wie auch Bourglinster – entlang des 112 Kilometer langen Müllerthal-Trails, der als einer der besten Weitwanderwege Europas ausgezeichnet wurde

Tipps

Anreise. Luxair fliegt mehrmals täglich direkt von Wien nach Luxemburg. Die öffentlichen Verkehrsmittel können in ganz Luxemburg kostenlos benutzt werden.

Essen. Wer im Restaurant La Distillerie von René Mathieu essen möchte, sollte länger im Voraus reservieren. Spontaner erhält man einen Platz in der Brasserie "Côté Cour", in der dieselben Speisen wie im Restaurant serviert werden. Einzig das Menü besteht aus weniger Gängen. Traditionelle luxemburgische Küche wie Kniddelen (Mehlknödel) oder Wäinzoossiss (Bratwürste) gibt es im Restaurant "Um Dierfgen" in der Luxemburger Altstadt.

Allgemeine Infos zu Hotels, Sehenswürdigkeiten und Touren: www.visitluxembourg.com

© News

Die Reise nach Luxemburg erfolgte auf Einladung von Visit Luxembourg.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 19/2024 erschienen.