Thomas Plantenga
©Tadas KazakevičiusAls der Niederländer Plantenga bei Vinted einstieg, stand die Plattform vor dem Aus. Nun führt er ein Milliardenunternehmen.
von
Angelika Melcher
Von: Angelika Melcher, zuerst erschienen in „WirtschaftsWoche“, am 2.1.2026
Fünf Minuten zu spät und etwas außer Atem betritt Thomas Plantenga den Konferenzraum. Er trägt weite, lässige Kleidung, auf dem T-Shirt prangt ein Fleck. Bewusste Schlampigkeit, eine CEO-Attitüde der anderen Art?
Fehlanzeige. „Hätte ich gewusst, dass ich heute fotografiert werde, hätte ich mir ein sauberes Shirt angezogen“, sagt der Mann, der Vinted vor dem Kollaps bewahrte und es zu einem der bedeutendsten Digitalunternehmen Europas machte.
Flapsig, stilsicher, souverän
Ob Zufall oder nicht, Plantengas Auftreten passt zum Secondhand-Modehändler Vinted. Ein kleines bisschen flapsig, und trotzdem unübersehbar stilsicher und souverän. Dabei erfüllt die Konzernzentrale zunächst bloß den globalen Techstandard von Berlin bis London und San Francisco: Auf jeder Etage des Gebäudes stehen stählerne Siebträgermaschinen, in der Kantine gibt es Avocadotoast und pochierte Eier. Meditationsräume, Musikzimmer, eigene Ruheräume für den Mittagsschlaf und eine Sauna auf dem Bürodach. Doch das hier ist eben nicht London-Shoreditch, sondern Vilnius, Litauen. Der unwahrscheinliche Ort für eine der unwahrscheinlichsten Erfolgsgeschichten der Techszene der vergangenen Jahre.
Vinted ist heute nicht nur das wertvollste Start-up Litauens, sondern auch der größte digitale Marktplatz für Secondhand-Mode in Europa. Das Unternehmen ist in 20 Ländern aktiv und zählt mehr als 2.000 Beschäftigte weltweit, mit Standorten in Amsterdam, Berlin und Paris. Im Oktober 2024 wurde Vinted mit fünf Milliarden Euro bewertet, die Firma spielt jetzt in derselben Liga wie der Berliner Neobroker Trade Republic.
Zurück mit großen Zielen
Plantenga selbst ist gerade aus einer einmonatigen Elternzeit zurückgekehrt. Und hat sich währenddessen mal wieder neue, größere Ziele gesetzt: Vinted soll in die nächste Dimension wachsen. Die Secondhandplattform denkt, einem Bericht der Financial Times zufolge, über einen weiteren Aktienverkauf nach, einen sogenannten Secondary Sale, bei dem kein frisches Geld eingesammelt wird, sondern bereits existierende Aktien weitergegeben werden.
Der Preis der verkauften Aktien multipliziert mit der Zahl der Aktien ergibt die Bewertung des Start-ups. Die soll bei Vinted bis zu acht Milliarden Euro betragen. Ein stolzer Betrag für eine Firma, die 2016, als Plantenga das Ruder übernahm, ein Sanierungsfall war. „Ich hatte bis dahin noch nie von Vinted gehört“, sagt er. Damals lebte Plantenga in New York, das Start-up, an dem er zuvor beteiligt gewesen war, war gerade verkauft worden.
In dieser Phase meldete sich ein Bekannter vom Wagniskapitalgeber Insight Venture Partners bei Plantenga: Ein Start-up in Vilnius brauche dringend Unterstützung. Plantenga sollte als E-Commerce-Experte aushelfen. Tatsächlich stand Vinted kurz vor dem Zusammenbruch. Eine Verkaufsgebühr von 20 Prozent vergraulte die Nutzer, Konkurrenten wie Kleinanzeigen dominierten den Markt. „So eine Gebühr zerstört jede Plattform“, sagt Plantenga.
Mehr Probleme als erwartet
Nur fünf Wochen wollte er in Vilnius bleiben, anschließend ein eigenes Unternehmen gründen. Doch vor Ort wurde klar, wie ernst die Lage war. „Ich merkte, dass sie in noch größeren Schwierigkeiten steckten als gedacht – organisatorisch, operativ und strategisch.“ Aus dem Zwischenstopp wurde eine Lebensaufgabe. Plantenga übernahm die Leitung von den Gründern, unter einer Bedingung: freie Hand für radikale Maßnahmen. Die Investoren stimmten zu.
Ich war am Anfang nur ein Typ mit einer PowerPoint, aber der Vorstand vertraute mir
Und Plantenga machte sich gleich ans Werk. Er schaffte die Verkaufsgebühr ab, führte stattdessen eine fünfprozentige Käuferschutzgebühr ein, die freiwillig dazugebucht werden kann. Er vergünstigte den Versand, reformierte den Kundenservice – und entließ mehr als ein Drittel der Belegschaft. Parallel startete er eine Marketingoffensive. „Ich war am Anfang nur ein Typ mit einer PowerPoint, aber der Vorstand vertraute mir“, sagt er.
Der Turnaround gelang. 2024 setzte Vinted 813 Millionen Euro um, 2025 bereits 1,1 Milliarden. Im vergangenen Jahr wechselten Waren im Wert von 10,8 Milliarden Euro den Besitzer. Der Gewinn lag bei 62 Millionen Euro. Doch nicht überall lief der Neustart reibungslos. Ausgerechnet in Deutschland, dem wichtigsten Markt Europas, war das Vertrauen so nachhaltig beschädigt, dass es nicht mit einigen schnellen Maßnahmen zu reparieren war.
2014 hatte Vinted mit kostenloser Nutzung geworben, nur um kurz darauf eine 20-Prozent-Gebühr einzuführen. „Die Leute fühlten sich zu Recht betrogen“, sagt Plantenga. In der Folge wichen Nutzer auf private Bezahlung der bestellten Waren aus – ein Verlustgeschäft für die Plattform. „Die Deutschen sind stur, wenn sie beleidigt sind.“ Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis das Vertrauen zurückkehrte. Heute läuft es: Über 90 Prozent nutzen das offizielle Bezahlsystem, Deutschland war 2025 der am schnellsten wachsende Markt.
Am Anfang war eine Party
Vinted wurde 2008 von Milda Mitkuté und Justas Janauskas gegründet. Die Idee entstand auf einer Party: Die beiden Freunde wollten ihre alte Kleidung verkaufen und damit Geld verdienen. Bereits ein Jahr später expandierte das Unternehmen nach Deutschland – den ersten Markt außerhalb Litauens. Dort trat die Plattform zunächst unter den Namen Kleiderkreisel und Mamikreisel auf.
Heute ist die Käuferschutzgebühr für Vinted der größte Einnahmeposten. Werbung macht nur einen kleinen Anteil der Einnahmen aus – ist laut Plantenga aber „hoch profitabel: Sie kostet uns fast nichts.“ Mit Vinted Go, dem eigenen Logistikdienst, und dem Zahlungsdienst Vinted Pay baut das Unternehmen weitere strategische Säulen auf. Für Vinted Go errichtet das Unternehmen ein eigenes Netzwerk aus Paketstationen, die Nutzer als Zustelloption wählen können. Der Dienst ist derzeit unter anderem in Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien verfügbar. Vinted Pay zielt darauf ab, Transaktionen auf der Plattform zu vereinfachen.
Auch intern setzt Vinted auf Expansion. Der Großteil der Investitionen fließt dabei in Technologie: Entwickler, Data Scientists, Machine-Learning-Expertinnen dominieren die Belegschaft. Gleichzeitig stellt Vinted auch operative Services selbst bereit: Kundenservice, Moderation von Inhalten, Versand. Das Sortiment geht längst über Kleidung hinaus, es gibt Bücher, Kameras, Deko, Haustierbedarf.
Nachhaltige Mode auf dem Laufsteg: Bei der London Fashion Week präsentierte die Hilfsorganisation Oxfam im Rahmen ihrer Initiative „Second Hand September“ gemeinsam mit der Plattform Vinted eine Modenschau unter dem Motto „Style for Change“.
© APA-Images, Jeff Moore, PADer Markt wächst rasant
Secondhand-Mode aber bleibt das Herzstück des Unternehmens, aus gutem Grund. Laut einer Studie von BCG und Vestiaire Collective wächst der weltweite Markt für gebrauchte Mode und Luxusartikel dreimal so schnell wie der für Neuware. Das erwartete Volumen bis 2030: 360 Milliarden US-Dollar. „Der Großteil des Wachstums kommt von den Onlineplattformen“, sagt Felix Krüger von BCG. Der nächste große Schritt für Vinted dürfte der Börsengang sein.
Schon jetzt führt Plantenga das Unternehmen so, als sei es börsenotiert. „Technisch gesehen sind wir IPO-ready“, erklärt er. Finanzprozesse, Berichtsstrukturen, regulatorische Anforderungen – alles sei implementiert. „Wir haben vor drei, vier Jahren damit begonnen, uns darauf vorzubereiten. Jetzt müssen wir nur noch den Schalter umlegen“, sagt Plantenga. Noch warte er auf den richtigen Moment. „Wir brauchen eine ruhige Phase – an den Märkten und intern.“ Zum Timing sagt er nur: „Es wird sicher keine weiteren fünf Jahre dauern.“
Viele hier haben Eltern oder Großeltern, die noch im sowjetischen System lebten. Erfolgreich zu sein und das Land aufzubauen, bedeutet ihnen sehr viel
Für die Firma, für Litauen
Plantenga stammt ursprünglich aus den Niederlanden. Bevor er zu Vinted kam, arbeitete er als Venture-Partner für den US-Risikokapitalfonds FJ Labs sowie für OLX, einen weltweit führenden digitalen Marktplatzbetreiber für Kleinanzeigen. Er lebte und arbeitete in Brasilien, Argentinien, Kenia, Spanien und den USA.
Seit 2016 lebt er dauerhaft in Vilnius, hat eine litauische Familie, wirkt verwurzelt. Die Motivation seiner Leute erklärt er mit der Transformationsgeschichte des Landes: „Viele hier haben Eltern oder Großeltern, die noch im sowjetischen System lebten. Erfolgreich zu sein und das Land aufzubauen, bedeutet ihnen sehr viel.“
Der Hauptsitz von Vinted liegt in Naujamiestis, einem aufstrebenden Viertel von Vilnius. Litauen zählt knapp 2,9 Millionen Einwohner, hat sich in den vergangenen Jahren dynamisch entwickelt, insbesondere im Tech- und Dienstleistungssektor. Das Bruttoinlandsprodukt wächst, die Arbeitslosenquote ist moderat. Zugleich kämpft das Land mit Abwanderung junger Fachkräfte nach Westeuropa und einem spürbaren Fachkräftemangel.
2020 eröffnete das neue Büro der Secondhand-Plattform in Vilnius auf 8.500 Quadratmetern. Herzstück ist ein 1.500 Quadratmeter großer Gemeinschaftsbereich mit Café, Bibliothek, Küche, Fitnessstudio und Rückzugsorten. Entworfen wurde das Büro von DO Architects.
Umso wichtiger sind Unternehmen wie Vinted, das 2019 als erstes Technologieunternehmen des Landes mehr als eine Milliarde Dollar wert war. Heute ist Vinted einer der größten Arbeitgeber im Techsektor. Vinted teilt den wirtschaftlichen Erfolg großzügig: Rund 100 Millionen Euro aus dem jüngsten Secondary gingen direkt an die Belegschaft. Gleichzeitig zählt Vinted zu den größten Steuerzahlern des Landes. „Ich hoffe, dass wir der größte Steuerzahler Litauens werden“, sagt Plantenga.
Aus dem Vinted-Ökosystem sind zahlreiche Start-ups hervorgegangen. Know-how, Kapital und Alumninetzwerke schaffen ein wachsendes Innovationscluster. Plantenga und Co-Founder Mantas Mikuckas investieren selbst als Business Angels in neue Projekte. „Das befeuert das ganze Ökosystem.“ Europa brauche mehr große Techunternehmen. Spotify sei das einzige Start-up mit einer Bewertung jenseits der 100 Milliarden Dollar. In den USA gebe es gleich mehrere Billionen-Konzerne.
Zahlen & Fakten
10,8 Milliarden Euro Handelsvolumen meldete Vinted 2025, das ist ein Plus von 47 Prozent zum Vorjahr
76 % der Vinted-Käufe ersetzen laut Studie einen Neukauf. Die Plattform profitiert vom Öko-Bewusstsein und vom Kaufkraftverlust gleichermaßen
Marktplatz wird Ökosystem
Plantengas Ziel ist klar: Vinted soll möglichst bald dazugehören. „Wenn man sich anschaut, was wir erreichen wollen, wirkt die Bewertung von fünf Milliarden aus 2024 heute überholt.“ Für die kommenden Jahre peilt er 40 bis 50 Milliarden an, „idealerweise langfristig sogar hundert Milliarden“.
Die Strategie steht: Vinted hat sich bereits im Verlauf der vergangenen Jahre von einem reinen Marktplatz zu einem Ökosystem von Unternehmen, einschließlich Versand und Zahlungen, entwickelt. Als Nächstes will Vinted sein Payment-Geschäft stärken, in den kommenden fünf Jahren sollen weitere Bereiche dazukommen. In jedem dieser Segmente versucht das Unternehmen, die Umsatzströme zu diversifizieren: auf dem Marktplatz etwa über unterschiedliche Kategorien, Authentifizierungsservices und andere Zusatzangebote; im Versand über ein offenes Netzwerk, das auch andere Logistiker nutzen können.“
Wenn es uns gelingt, entlang dieser Achsen weiter zu innovieren, können wir etwas von erheblicher Größe aufbauen“, sagt Plantenga. „Ein Unternehmen, das weltweit Umsätze erzielt – und in Europa Steuern zahlt.“
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 42/2026 erschienen.
