Ungarn hat sich in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten europäischen Standorte der Autofertigung entwickelt. Während Autowerke im Westen wackeln, ist das Nachbarland mit 541.000 erzeugten Fahrzeugen und 17 Milliarden Euro Umsatz für Österreichs Autozulieferer zu einem wichtigen Absatzmarkt geworden.
Die Zahlen passen so gar nicht ins ansonsten eher depressive Bild der europäischen Autoindustrie. Während etwa in Deutschland bei VW über Werksschließungen und Stellenabbau gesprochen wird, wächst der Automotive Sektor in Ungarn seit Jahren. Mercedes und BMW investieren massiv und bauen ihre Standorte in Debrecen und Kecskemét aus. Mit 541.000 gefertigten Fahrzeugen hat Ungarn das Autoland Italien bei der Produktion überholt.
BMW hat zwei Milliarden Euro in den knapp 100 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernten Standort gesteckt. Dort wird mit dem iX3 das wichtigste elektrische Zukunftsmodell der Münchner gebaut. 150.000 Einheiten des Elektro-SUV sollen jährlich die Hallen verlassen. Im 2012 in Betrieb gegangenen Mercedes-Benz-Werk in Kecskemét werden die neuen Generationen der Serie A sowie das elektrische Kompakt-SUV EQB und zwei Plug-in-Hybride der CLA-Serie gefertigt, alles wichtige Modelle für die Verbrennermotoren-freie Zukunft der Stuttgarter Edelmarke. In Györ fertigt VW seit 1993 Motoren, heute ist der Standort mit rund 1,6 Millionen Motoren jährlich das größte Antriebswerk des Konzerns. Gleichzeitig laufen im benachbarten Audi-Werk rund 180.000 Fahrzeuge jährlich vom Band. Die neuen E-Motoren von VW, die auf der konzernweiten Premium Plattform Electric (PPE) zum Einsatz kommen, werden in Ungarn und nicht am Standort Deutschland gefertigt.
Die heimische Fahrzeugindustrie hat im Vorjahr 100.000 in Österreich gefertigte Elektromotoren nach Ungarn geliefert.
Führend bei Elektromobilität
„Die Elektromobilität wird in der ungarischen Autoindustrie eine wichtige Rolle spielen“, ist Philipp Schramel, Wirtschaftsdelegierter der Wirtschaftskammer Österreich in Budapest, überzeugt. „Die meisten ungarischen Autowerke sind bereits für die Produktion von e-Autos gerüstet.“ Das ist auch chinesischen Unternehmen geschuldet, die neben den deutschen Autokonzernen die größten Investoren in Ungarn sind. BYD baut etwa in Szeged sein erstes Europa-Werk für Pkw auf, das ab heuer Fahrzeuge für den europäischen Markt produzieren wird. Damit will der größte chinesische Autoproduzent die Zollschranken, die für in China gefertigte e-Autos in der EU gelten, umgehen. Erfahrungen mit der Fertigung in Ungarn hat BYD bereits gesammelt, fertigt der Konzern doch seit 2016 am Standort Komárom Elektrobusse.
Fast genau so wichtig wie die Fahrzeugfertigung ist für chinesische Konzerne aber die Batterieherstellung. BYD investiert in eine Batteriemontage nördlich von Budapest. Die chinesischen Hersteller CATL, Weltmarktführer im Bereich der Autobatterien, und EVE, Zulieferer für BMW, haben Fabriken in und um Debrecen. Die koreanischen Batteriehersteller SK Group und Samsung produzieren in Komárom und Göd.
Milliardenförderungen, niedrige Lohnkosten
Der Grund für den Boom des Autolandes Ungarn ist rasch gefunden. Der inzwischen abgewählte Langzeitministerpräsident Viktor Orbán hat die internationalen Autokonzerne mit enormen Geldsummen geködert. So hat Ungarn pro Jahr bis zu zehn Milliarden Euro an Förderungen ausgeschüttet.
Dazu kommen äußerst unternehmerfreundliche Rahmenbedingungen: Der Körperschaftsteuersatz ist mit neun Prozent so niedrig wie in keinem anderen Land der EU. Die Lohnkosten sind verlockend niedrig. So kostet eine Arbeitsstunde in Ungarn durchschnittlich knapp elf Euro, während sie in Deutschland bei 37 Euro liegt. Das Ergebnis ist eindrucksvoll, wenn auch für das Land nicht unproblematisch. 30 Prozent der Wertschöpfung in Ungarn stammen inzwischen aus der Automobilindustrie. Schwächelt diese, hat das ganze Land ein Problem.
Wichtiger Markt für Zulieferindustrie
Wenig verwunderlich, dass der Autostandort Ungarn für die heimische Autozulieferindustrie ständig an Bedeutung gewinnt. Die Branche hat 2024 Autokomponenten im Wert von 925 Millionen Euro in die Autowerke nach Ungarn exportiert, darunter etwa 100.000 in Österreich gefertigte Elektromotoren oder Stahlteile für den Karosseriebau. Schramel: „Damit ist der Automobilsektor nach dem Bereich Treibstoffe (Anm. d. Red.: Die OMV ist der führende Tankstellenbetreiber in Ungarn) der zweitwichtigste Zweig der österreichischen Exportwirtschaft in Ungarn.“
Doch Ungarn ist nicht nur als Exportmarkt für die heimischen Autozulieferer wichtig. Auch als Produktionsstandort ist Ungarn interessant. Roland Prettner, Präsident von Magna Steyr und Fachverbandsobmann der Fahrzeugindustrie in der Wirtschaftskammer Österreich: „Ungarn ist als Produktionsstandort für jene Komponenten und Leistungen interessant, die in Österreich aus wirtschaftlicher Sicht nicht hergestellt oder erbracht werden können. Dazu kommen wichtige Kooperationen bei Forschungs- und Entwicklungsprojekten.“ Eines dieser Joint Ventures betreibt die steirische AVL List. Sie unterhält gemeinsam mit staatlichen ungarischen Stellen eine Teststrecke für autonomes Fahren. „Entwicklungen im Bereich des autonomen Fahrens werden seitens der ungarischen Regierung gezielt gefördert“, sagt Prettner. Daher sind in Ungarn tätige Unternehmen auf diesem Sektor inzwischen innerhalb der EU zu Technologieführern aufgestiegen.
Die weitere Entwicklung des Autolandes Ungarn hängt, so Experte Schramel, stark von der innenpolitischen Entwicklung ab. Derzeit ist noch unklar, ob der mit überwältigender Mehrheit gewählte Péter Magyar die Autound Autozulieferindustrie weiterhin so großzügig mit Subventionen fördert wie sein Vorgänger. Schramel: „Magyar lässt derzeit die Subventionen für die chinesischen Konzerne prüfen. Da ist noch offen, ob der Geldsegen weiterhin anhalten wird.“ Was wohl auch direkten Einfluss auf die weitere Entwicklung des Autolandes Ungarn – und damit auch auf Österreichs Zulieferindustrie – haben wird.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 32/2026 erschienen.
