Philipp Schramel
©Foto: WKÖ/ Stephan HugerPhilipp Schramel ist WKO-Wirtschaftsdelegierter in Budapest. NEWS sprach mit ihm über die Bedeutung der ungarischen Autoindustrie für Österreichs Automotive Sector.
Welche Bedeutung hat die Autoindustrie für Ungarns Wirtschaft?
Sie ist mit Abstand der wichtigste Wirtschaftszweig und trägt rund 30 Prozent zur Wertschöpfung im Land bei. Die jetzt abgewählte Regierung Orbán hat wirtschaftlich voll auf diesen Bereich gesetzt und konnte durch großzügige Förderungen und einem sehr unternehmerfreundlichen steuerlichen Umfeld, etwa einer Körperschaftsteuer von nur neun Prozent und niedrigen Lohn- und Lohnnebenkosten, mit Audi, Mercedes und BMW große deutsche Hersteller, aber auch namhafte Autoproduzenten aus Asien wie Suzuki und zuletzt BYD ins Land locken.
Wie wichtig ist die ungarische Autoindustrie für Österreichs Exportwirtschaft?
Die heimische Autozulieferindustrie hat 2025 Waren im Wert von 925 Millionen Euro an die Autowerke in Ungarn geliefert. Damit ist der Automobilsektor der zweitwichtigste Sektor für Österreichs Exportwirtschaft. Gleichzeitig haben Österreichs Zulieferbetriebe besonders arbeitsintensive Fertigungen ausgelagert und nutzen die niedrigen Lohnkosten. Ehrlicherweise muss man aber betonen, dass die meisten Zulieferaufträge für ungarische Werke in Deutschland bzw. Asien unterschrieben werden.
Wie wird sich das Autoland Ungarn nach der politischen Wende entwickeln?
Das hängt weniger stark von der Innenpolitik, sondern mehr von der künftigen Ausrichtung der deutschen Autoindustrie ab. Dabei wird die Elektromobilität eine wichtige Rolle spielen. Hier haben die ungarischen Werke sehr gute Chancen, denn sie sind großteils bereits für die Fertigung von e-Autos gerüstet. So wird Mercedes die Kapazität seines Werks verdoppeln.
BMW baut mit dem ix3 bereits sein wichtigstes e-Auto in Ungarn, doch das Werk hat durchaus noch zusätzliche Kapazitäten für weitere Modelle. VW lässt die e-Autos von Cupra sowie die hybriden Modelle des Audi Q3s fertigen. Dazu kommt, dass der chinesische Hersteller BYD verstärkt bei europäischen Zulieferunternehmen einkaufen muss, um die von der EU vorgeschriebene europäische Wertschöpfung bei seinen Fahrzeugen zu verbessern. Davon profitiert unter anderem die voestalpine, die Stahl für die Karosserien liefert
Es ist keineswegs fix, dass sich der Erfolgsweg weiter fortsetzt
Wo sehen Sie Probleme?
Es ist keineswegs fix, dass sich der Erfolgsweg weiter fortsetzt. So folgen den chinesischen Autokonzernen auch chinesische Zulieferunternehmen, die sich in Ungarn ansiedeln und unseren Betrieben Konkurrenz mitten in Europa machen. Allerdings hatten wir das bereits bei den koreanischen Herstellern und Österreichs Zulieferindustrie konnte sich da durchaus dank Qualität und hoher Produktivität am Markt durchsetzen. Dazu kommt, dass der neue Regierungschef Péter Magyar die Subvention der chinesischen Großinvestitionen prüfen will, denn Orbán hat für die ausländischen Investitionen rund zehn Milliarden Euro pro Jahr an Subventionen investiert. Da ist noch offen, ob der Geldsegen weiterhin anhalten wird.
Gibt es Joint Ventures zwischen ungarischen und österreichischen Unternehmen?
Die AVL List unterhält gemeinsam mit staatlichen Stellen eine Teststrecke für autonomes Fahren. Oder Magna Steyr, die mit örtlichen Partnern eine gemeinsame Batterieproduktion aufgezogen haben.
Auch in Ungarn gibt es einen Fachkräftemangel, auch der Tatsache geschuldet, dass viele gut ausgebildete Ungarn ausgewandert sind. Wird sich dieser Trend durch den politischen Wandel umkehren?
Nein, damit rechne ich nicht. In Österreich, Deutschland oder Frankreich haben Fachkräfte aktuell noch bessere Verdienst- und Entwicklungsmöglichkeiten. Ob Ungarn sein Programm für Arbeitskräfte aus Drittstaaten, etwa aus dem asiatischen Raum, weiterführen wird, bleibt fraglich. Dies hat unter Orbán für einen steten Strom von Arbeitskräften für Investitionen gesorgt, war aber bei der Bevölkerung umstritten. Diese Möglichkeiten können natürlich auch Österreichs Zulieferunternehmen mit Produktionsstätten in Ungarn nutzen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 32/2026 erschienen.
