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Tatyana Kim: Die Milliardärin hinter Russlands Handelsimperium

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Wildberries-Gründerin und Chefin von Wildberries & Russ (RWB), Tatjana Kim

©IMAGO/ZUMA Press Wire

Ukrainische Drohnen treffen Logistikzentren des Onlinegiganten Wildberries. Im Zentrum stehen Militärgüter und wirtschaftlicher Druck.

Seit dem 18. Juli greift die Ukraine immer wieder Logistikzentren des russischen Onlinehändlers Wildberries an. Mehr als ein Dutzend Standorte wurden nach Angaben des Unternehmens und russischer Behörden bis Anfang August getroffen. Die Attacken markieren eine neue Stufe im ukrainischen Fernangriffskrieg: Nicht nur Raffinerien und Rüstungsbetriebe geraten ins Visier, sondern eine Plattform, die für Millionen Russen zum Alltag gehört.

Die jüngsten Treffer reichen bis tief nach Russland

In der Nacht zum 4. August wurden erneut zwei Wildberries Standorte getroffen, einer nahe Sankt Petersburg und einer in der Region Twer. Nach Angaben der örtlichen Behörden gab es dort keine Verletzten. Bereits am Vortag brannte in der Region Wladimir eine Lagerhalle auf rund 100.000 Quadratmetern. Mehr als 200 Feuerwehrleute waren im Einsatz, drei Menschen wurden leicht verletzt.

Die Serie begann am 18. Juli mit Schlägen gegen Lager nahe Moskau und in der Region Tambow. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach anschließend von russischer Logistik, über die Navigationssysteme, Komponenten für die Drohnenproduktion und weitere Ausrüstung für die Armee verteilt worden seien. Wildberries nannte er in seiner Ansprache allerdings nicht ausdrücklich.

(c) Anadolu Agency via Reuters Connect, Motion-Graphics-Video, das die Zielobjekte von Russlands größter E-Commerce-Plattform Wildberries zeigt.

Warum gerade Wildberries angegriffen wird

Die ukrainische Begründung hat zunächst eine militärische Ebene. Auf Wildberries wurden Erste Hilfe Sets, Funkgeräte, Schutzwesten, Nachtsichttechnik und Bauteile für Drohnen angeboten. Eine eigene Kategorie mit dem Titel „Alles für die militärische Spezialoperation“, der russischen Bezeichnung für den Krieg, verschwand erst nach Beginn der massiven Angriffe im Juli 2026. Einzelne Produkte wurden ausdrücklich mit ihrer Nutzung im Krieg beworben.

Recherchen des unabhängigen russischen Mediums Meduza zeigen zugleich, dass die öffentlich belegbare Versorgung nicht mit einer zentral gesteuerten Lieferkette des russischen Verteidigungsministeriums gleichgesetzt werden kann. Das Medium wertete Beiträge aus 77 prorussischen Kanälen und Gruppen aus, in denen Freiwillige konkrete Waren für Soldaten bestellten. Der geschätzte Wert der offen dokumentierten Wildberries Einkäufe lag bei rund 18,6 Millionen Rubel und damit weit unter dem Gesamtgeschäft des Konzerns.

Gerade dieser Befund macht die Zielauswahl erklärungsbedürftig. Meduza fand nahezu ebenso viele direkte Produktlinks zum Konkurrenten Ozon. Bei Drohnenkomponenten war Ozon in der untersuchten Stichprobe sogar häufiger vertreten. Warum Wildberries systematisch angegriffen wird, Ozon aber bislang nicht, hat Kiew öffentlich nicht erklärt.

Es ist möglich, dass ukrainische Dienste Informationen über konkrete militärische Warenströme durch bestimmte Wildberries Zentren besitzen. Aus offenen Quellen lässt sich das nicht überprüfen. Auch Selenskyjs Äußerung vom 18. Juli beschreibt betroffene Logistikzentren, legt aber keine Belege für Inhalt und Umfang der Lieferungen vor.

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Der Angriff gilt auch Russlands Konsumwirtschaft

Wildberries ist nicht nur ein Händler, sondern ein landesweites Verteilnetz. Reuters zufolge bearbeitet das Unternehmen rund 20 Millionen Bestellungen täglich und betreibt Lagerflächen von insgesamt etwa drei Millionen Quadratmetern. Schon bis zum 29. Juli waren mindestens sieben Lager beschädigt. Damals entsprach der Ausfall nach russischen Berechnungen ungefähr zehn Prozent der Lagerkapazität.

Damit treffen die Drohnen nicht nur Tatyana Kims Konzern. In den Hallen lagern überwiegend Waren unabhängiger Händler, viele von ihnen kleine und mittlere Unternehmen. Beschädigte Lager bedeuten deshalb vernichtete Bestände, stockende Lieferungen und neue Kreditrisiken. Hunderte betroffene Unternehmen baten nach den ersten Angriffen um Zahlungsaufschübe oder veränderte Kreditbedingungen.

Der wirtschaftliche Effekt ist offensichtlich Teil der ukrainischen Strategie sogenannter Fernsanktionen. Sie soll russische Einnahmen, Logistik und gesellschaftliche Normalität unter Druck setzen. Selenskyj beschreibt die Fernangriffe grundsätzlich als Antwort auf russische Attacken gegen ukrainische Infrastruktur und als Versuch, die Folgen des Krieges nach Russland zurückzutragen.

Kim weist die militärische Begründung zurück. Sie bezeichnete die Angriffe als Terror gegen Zivilisten und erklärte, vergleichbare Waren seien auch bei Amazon oder Alibaba erhältlich. Aus ihrer Sicht sollen die Attacken Panik erzeugen und den Alltag in Russland destabilisieren.

Dass Wildberries Produkte mit möglicher militärischer Nutzung verkauft, bestreitet Kim damit nicht. Sie bestreitet vielmehr, dass daraus ein militärischer Charakter der Lager folgt. Das ist die entscheidende Differenz in der Auseinandersetzung.

Sind die Lager legitime militärische Ziele?

Nach dem humanitären Völkerrecht darf ein ziviles Objekt nur dann angegriffen werden, wenn es durch Art, Standort, Zweck oder Nutzung wirksam zu militärischen Handlungen beiträgt und seine Zerstörung, Einnahme oder Neutralisierung einen konkreten militärischen Vorteil bietet. Auch bei einem solchen Objekt müssen erwartbare zivile Schäden verhältnismäßig bleiben.

Für einzelne Wildberries Lager ist diese Schwelle öffentlich nicht zweifelsfrei nachgewiesen. Belegt ist, dass über die Plattform militärisch nutzbare Güter gekauft und an russische Einheiten weitergegeben wurden. Nicht belegt ist, dass jedes angegriffene Zentrum in relevantem Umfang solche Waren lagerte oder dass seine Zerstörung einen hinreichend konkreten militärischen Vorteil für die Ukraine brachte.

Auch wirtschaftlicher Druck allein reicht nach den Regeln des Kriegsvölkerrechts nicht automatisch aus. Entscheidend ist der konkrete Beitrag eines Objekts zu militärischen Handlungen. Die rechtliche Bewertung der Angriffe hängt deshalb von Zielinformationen ab, die bislang nicht veröffentlicht wurden.

Wer ist Tatyana Kim?

Tatyana Kim wurde 1975 in Grosny in eine Familie russischer Koreaner geboren und arbeitete zunächst als Englischlehrerin. 2004 gründete sie mit ihrem damaligen Ehemann Wladislaw Bakaltschuk Wildberries in einer Wohnung bei Moskau. Was als Versandhandel für Kleidung begann, wurde zum größten Onlinehändler Russlands. Kim ist Mutter von sieben Kindern.

Das Forbes Profil wies für Kim am 4. August 2026 ein geschätztes Echtzeitvermögen von 8,1 Milliarden Dollar aus. Solche Angaben schwanken mit Unternehmensbewertungen und sind bei einem nicht börsennotierten Konzern nur Annäherungen. Unstrittig ist jedoch, dass Kim als reichste Frau Russlands und eine der erfolgreichsten Selfmade Unternehmerinnen des Landes gilt.

Ihr Aufstieg verlief zuletzt nicht mehr nur als Wirtschaftsgeschichte. 2024 trieb Kim die Fusion von Wildberries mit dem Außenwerbekonzern Russ voran. Das Projekt sollte nach Angaben der Beteiligten eine große digitale Handelsplattform schaffen und erhielt die Zustimmung von Präsident Wladimir Putin.

Ihr damaliger Ehemann bekämpfte den Zusammenschluss und bezeichnete ihn als Zugriff auf das Familienunternehmen. Im September 2024 eskalierte der Streit bei einer Schießerei am Moskauer Firmensitz, bei der zwei Menschen starben und sieben verletzt wurden. Die Beteiligten beschuldigten sich gegenseitig, die Gewalt ausgelöst zu haben.

Die Zustimmung des Kremls belegt politische Unterstützung für das Fusionsprojekt, aber keine persönliche Nähe Kims zu Putin. Sie zeigt dennoch, dass Wildberries inzwischen mehr ist als ein privater Versandhändler. Der Konzern gehört zu jener Plattformwirtschaft, die der russische Staat als Wachstumsmotor einer vom Krieg geprägten Ökonomie betrachtet.

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 © IMAGO/ZUMA Press Wire

Ist Tatyana Kim die russische Jeff Bezos?

Der Vergleich funktioniert als schnelle Beschreibung. Wie Jeff Bezos baute Kim aus einem kleinen privaten Unternehmen eine dominante Handelsplattform mit eigener Logistik auf. Beide Erfolgsgeschichten beruhen auf großer Produktauswahl, kurzen Lieferwegen, Datennutzung und der engen Bindung unabhängiger Händler an eine zentrale Plattform.

Als wirtschaftliche Gleichsetzung führt das Bild jedoch in die Irre. Amazon ist ein börsennotierter globaler Technologiekonzern, dessen Geschäft weit über Handel und Logistik hinausreicht. Allein Amazon Web Services erzielte 2025 einen Umsatz von rund 129 Milliarden Dollar. Der gesamte Amazon Konzern kam auf 717 Milliarden Dollar.

Wildberries ist dagegen vor allem ein privat kontrollierter Marktplatz mit Schwerpunkt auf Russland und mehreren postsowjetischen Staaten. Kims Macht beruht auf der Beherrschung des russischen Onlinehandels, nicht auf einem weltweit verzweigten Technologieimperium. In seiner Struktur erinnert Wildberries deshalb mindestens ebenso stark an asiatische Marktplatzkonzerne wie Alibaba.

Präziser wäre: Tatyana Kim ist Russlands erfolgreichste Plattformgründerin, aber keine russische Kopie von Jeff Bezos. Ihr Unternehmen operiert in einem stärker staatlich gelenkten Umfeld, ist vom russischen Binnenmarkt abhängig und wegen seiner riesigen Lagerhallen physisch verwundbar.

Genau diese Verbindung aus wirtschaftlicher Bedeutung, möglicher Nutzung durch militärische Unterstützernetzwerke und hoher logistischer Sichtbarkeit macht Wildberries zum Ziel. Der Konzern verkörpert den russischen Konsumalltag und ist zugleich ein Verteiler für Waren, die auch an der Front gebraucht werden.

Die Angriffe zeigen, wie unscharf die Grenze zwischen zivilem Konsum und Kriegslogistik geworden ist. Ein Marktplatz kann Alltagswaren, Schutzwesten und Drohnenbauteile zugleich verteilen. Ob daraus ein rechtmäßiges Angriffsziel wird, entscheidet sich jedoch nicht am Image als „russisches Amazon“, sondern an der konkreten Nutzung jedes einzelnen Standorts.

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