Ist Kärnten auf dem Weg zum Innovations-Leuchtturm Europas? Ein Roundtable über KI, nachhaltige Infrastruktur und strategische Zusammenarbeit. Und darüber, wie grenzenloses Denken die Region voranbringt.
Künstliche Intelligenz, erneuerbare Energien und Digitalisierung transformieren die Wirtschaft fundamental. Beim Business Talk Innovation und Technik diskutierten Landeshauptmann Daniel Fellner, Franz Grünwald (CEO und Eigentümer PMS Group), Adolf Melcher (Sprecher der Geschäftsführung Kelag Energie & Wärme) und Roland Waldner (Vorstand des Kärntner Wirtschaftsförderungs Fonds) über Kärnten als Innovationsstandort und die Chancen für die Region. Durch die Moderation im Gartensaal von Schloss Maria Loretto am Wörthersee führte NEWS-Chefredakteurin Kathrin Gulnerits.
NEWS Business Talk - Innovation & Technik
©Rene Strasser
© Rene StrasserDie Spielregeln der Wirtschaft 4.0 sind grundlegend neu. Wie positioniert sich Kärnten in diesem Spannungsfeld als attraktiver Standort?
Fellner: Kärnten hat geografische und infrastrukturelle Vorteile: Wir liegen an den Hauptverkehrsrouten Europas, in einem 250-Kilometer-Radius haben wir Zugang zu modernen Flughäfen und Häfen in Triest und Koper. Die Koralmbahn ist ein zentrales Teilstück der Strecke Ostsee-Adria – das eröffnet neue Chancen. Was Kärnten zudem auszeichnet, ist seine breite Kompetenzlandschaft: Wir haben hervorragende HTLs, Universitäten, Fachhochschulen und Unternehmen mit hohem Ausbildungsniveau. Zusammen mit der Steiermark gehören wir zu den Top-3-Forschungsregionen Europas. Wir haben im Augenblick etwa 450 Ansiedlungsprojekte laufen. Oder nehmen Sie Wasser, das bald zu einer strategischen Ressource werden wird. Kärnten hat diesen Rohstoff. Als ich vor einiger Zeit bei einem Wirtschaftsempfang im Silicon Valley über das Kärntner Wasser gesprochen habe, sind alle hellhörig geworden. Diese Kombination von Stärken macht Kärnten einzigartig.
Wie kann es gelingen, das Thema Innovation nachhaltig in der Unternehmenskultur zu etablieren?
Grünwald: Für mich beginnt Innovation immer mit einer ganz einfachen Frage: Welches Problem können wir für unsere Kunden oder in unserem eigenen Unternehmen besser lösen als heute? Eine Idee alleine ist noch keine Innovation. Innovation entsteht erst dann, wenn wir aus einer Idee eine konkrete Lösung entwickeln, sie ausprobieren, umsetzen und damit einen echten Mehrwert für unsere Kunden schaffen. Damit Innovation in einem Unternehmen wirklich gelebt wird, muss diese in der gesamten Organisation verankert sein. Aus diesem Grunde haben wir vor einigen Jahren mit Herrn DI Dr. Hans Lercher den Innovations- und Strategieprozess nach dem von ihm entwickelten Big Picture Model im Unternehmen eingeführt und Innovationsmanager installiert, die dafür verantwortlich sind, diesen Prozess zu unterstützen und zu treiben.
Welche Rolle spielen Infrastruktur und Energieversorgung für die wirtschaftliche Zukunft?
Melcher: Infrastruktur ist der Schlüssel – und dabei dürfen wir aus der Geschichte lernen. Vor 160 Jahren hat die Bahn Kärnten an die Welt angebunden – sie war der Katalysator für Tourismus und wirtschaftliche Entwicklung. Diese Effekte wirken bis heute nach. Infrastrukturprojekte brauchen Zeit, aber ihre Auswirkungen prägen Jahrzehnte. Wir müssen antizipieren, was wir in 20 oder 30 Jahren brauchen: Grüne Energie, sichere Stromnetze, schnelle Datenverbindungen. Die Kelag investiert Milliarden in erneuerbare Energien, Netze und Infrastruktur. Das sehen wir als unsere Verantwortung für den Standort.
Mit dem PMS Energie Hub entsteht einer der modernsten Energieparks der Region. Was macht dieses Projekt besonders?
Grünwald: Mit der Errichtung des PMS Energie Hubs setzen wir erste Schritte in Richtung hochintelligenter, autarker Energieversorgungen. Entscheidend ist das intelligente Zusammenspiel aus Energieerzeugung, Speicherung, Verteilung, Energiemanagement und laufender Optimierung. Mit dem Energie-Hub decken wir genau diese Anforderungen als intelligentes Gesamtsystem ab. Dabei bringen wir Kompetenzen aus unterschiedlichen Bereichen der PMS Gruppe zusammen: von Engineering und Schaltanlagenbau über Elektro- und Automationstechnik bis hin zu Energiemanagement und digitalen Lösungen. Für uns ist dieses Projekt auch ein starkes Zeichen: Wir reden nicht nur über die Energiewende, wir setzen sie in unserer eigenen Zentrale in St. Stefan im Lavanttal mit innovativen neuen Lösungen und Produkten praxisnah um.
Innovation braucht das Zusammenspiel von Wirtschaft, Forschung und Förderung. Wo schlummert hier noch ungenutztes Potenzial?
Waldner: Es gibt ein großes Innovationspotenzial bei KMU – und paradoxerweise erkennen viele gar nicht, dass sie innovativ sind. Hier darf sich das Bewusstsein noch entwickeln. Denn Innovationen passieren nicht nur in den Labors und Reinräumen der großen Konzerne. Sie passieren genauso in Handwerksbetrieben, Manufakturen, kleinen Büros am Land. Wer kundenorientiert denkt, Prozesse kontinuierlich verbessert und neue Lösungen entwickelt, ist per Definition innovativ.
Junge Talente in der Region halten – eine große Herausforderung angesichts demografischer Veränderungen. Wie kann das dennoch gelingen?
Fellner: Das ist tatsächlich eine riesige Herausforderung. Kärnten ist das einzige Bundesland, das faktisch schrumpft. Dem müssen wir aktiv entgegenwirken. Es geht darum, unsere Stärken noch sichtbarer zu machen: die hohe Lebensqualität, den günstigsten Wohnraum in ganz Österreich, Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten, die weit über dem österreichischen Durchschnitt liegen. Im Bereich Elementarpädagogik bieten wir jungen Familien etwas Einzigartiges: Die Kinderbetreuung von 0 bis 6 Jahren ist kostenfrei. Hinzu kommt unsere Naturkulisse: In Kärnten sind Sie in 10 Minuten am See, in 20 Minuten in den Bergen und in eineinhalb Stunden am Meer. Das sind echte Trümpfe.
Sie investieren in Ihrem Unternehmen systematisch in die Entwicklung von Menschen – von der Lehrlingsausbildung bis zur eigenen Akademie. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Grünwald: Weil langfristiger Unternehmenserfolg immer bei den Menschen beginnt. Technologie, Wachstum und neue Geschäftsfelder können nur dann nachhaltig wirken, wenn wir das Wissen, die Erfahrung und die Lernbereitschaft unserer Mitarbeitenden gezielt fördern und weiterentwickeln. Für uns bedeutet enkelfit zu sein, nicht nur wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Es bedeutet, Verantwortung über Generationen hinweg zu übernehmen: für Arbeitsplätze in der Region, für junge Menschen, für Fachkräfte und für die Zukunftsfähigkeit unseres Unternehmens. Genau deshalb investieren wir mit dem PMS Technikum Lavanttal in Ausbildung, Akademie, Coaching und berufsbegleitende Bildungswege. Wir schaffen Entwicklungsmöglichkeiten, beginnend mit der Lehre bis hin zum Studienabschluss, und über Karrierepläne entwickeln wir gezielt unsere Nachwuchsführungskräfte.
Künstliche Intelligenz verlangt von uns allen ein Umdenken. Wie kann es gelingen, dass Kärntens Unternehmen diesen Prozess erfolgreich mitgestalten?
Waldner: Der KI-Event bei der Wirtschaftskammer im Mai war ein Riesenerfolg – das Interesse ist groß, aber ebenso groß sind die Verunsicherungen. Genau hier setzen wir mit unserem KWF-Produkt Umsetzung.KI an: Wir bieten einen gezielten Impuls, damit Unternehmen die Potentiale von KI nutzen, ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken und sich frühzeitig für die kommenden Anforderungen positionieren Viele Unternehmen glauben, KI sei ein Allheilmittel. Das ist es nicht. Ein schlechter Prozess wird durch KI schneller – aber nicht besser. Wer seinen Arbeitsprozess nicht optimiert hat, wird auch mit künstlicher Intelligenz keine besseren Ergebnisse erzielen. Erst muss die Grundarbeit stimmen. Danach kann KI unterstützen. Der entscheidende erste Schritt liegt darin, den Use-Case klar zu definieren – präzise zu identifizieren, wo KI tatsächlich Mehrwert schafft.
Was ist bei all dem die wichtigste Aufgabe der Politik?
Fellner: Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen. Konkret bedeutet das: Förderprogramme entwickeln, die Unternehmungen motivieren, sich in diesem Bereich weiterzuentwickeln und Infrastruktur bereitstellen. Gleichzeitig tragen wir eine Verantwortung für die nächste Generation. Wir müssen unsere Kinder auf diese Zeit vorbereiten, indem wir sie mit den besten pädagogischen Mitteln ausstatten. Denn in der Zukunft brauchen Unternehmen kreative Köpfe. Ein großer Vorteil Kärntens liegt darin, dass Unternehmer hier nicht primär konkurrieren, sondern sich zusammenschließen. Die Wirtschaft vernetzt sich aktiv mit Bildungseinrichtungen – Fachhochschulen, Universitäten, Schulen. Unterstützen statt behindern – das ist die Aufgabe der Politik.
Wenn wir einander in fünf Jahren hier wiedersehen: Woran würden Sie erkennen, dass Kärnten heute die richtigen Weichen gestellt hat?
Grünwald: Ich würde es erkennen, wenn mehr junge Menschen sich für technische Berufe entscheiden, Unternehmen qualifizierte Mitarbeiter finden und Talente in Kärnten bleiben, wenn also Fachkräfte gesichert sind. Ich würde es auch daran erkennen, wenn Politik, Wirtschaft, Bildung und Forschung noch enger zusammenarbeiten und neue Technologien, Produkte und Arbeitsplätze hervorbringen, wenn Innovation also gestärkt wird. Und nicht zuletzt, wenn Kärnten ein attraktiver Standort zum Leben und Arbeiten bleibt, mit nachhaltigem Wachstum, guten Zukunftsperspektiven und hoher Lebensqualität. Denn letztlich geht es nicht nur darum, erfolgreich zu wirtschaften, sondern darum, gemeinsam eine Region zu gestalten, die auch für die nächste Generation Chancen bietet – unser Wirtschaftsstandort Kärnten muss enkelfit werden.
Waldner: Ich setze seit jeher auf „Kooperation statt Konfrontation“ – gemeinsam schaffen wir, was im Alleingang kaum realisierbar wäre. Je mehr wir zusammenarbeiten, je weniger wir unsere Befindlichkeiten in den Vordergrund stellen, desto lebenswerter wird dieses Land. Das Potenzial haben wir bereits. Ich möchte sehen, dass es sich noch stärker entfaltet.
Melcher: Wir werden an harten Fakten gemessen: Wirtschaftsinvestitionen, neue Unternehmen, Menschen, die bewusst zu uns kommen. Wie autonom werden wir in der Energieversorgung, wie sicher ist unsere Versorgung – das sind die eigentlichen Maßstäbe. Die demografische Entwicklung spüren wir alle – wie wir in fünf Jahren dastehen, das wird sich zeigen.
Fellner: Ich hoffe auf hohe Investitionsbereitschaft, neue Betriebe und Menschen, die Kärnten als ihren Arbeits- und Lebensmittelpunkt wählen. Das ist unsere gemeinsame Aufgabe. Und ich wünsche mir einen gelebten Stolz auf Kärnten, damit meine ich, dass Kärntnerinnen und Kärntner sagen: Wir sind nicht nur ein Tourismusland – wir sind ein Innovations- und Forschungsland. Nur ist das vielen nicht bewusst. Hier setzen wir mit unserem Innovations- und Forschungspreis und unserem Innovationsevent am 17. Juni 2027 an. Wir bringen diese Community zusammen und würdigen den Mut, Risiken einzugehen.
