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Patek Philippe: Besuch im Allerheiligsten

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Patek-Philippe-Eigentümer Thierry Stern©IMAGO/Newscom / Singapore Press Holdings

Uhren von Patek Philippe zählen zu den begehrtesten der Welt. Aus dem Manufakturgebäude PP6 in Genf dringt wenig nach außen. Ein Blick hinter die Kulissen.

Der Tag im Herzen der weltberühmten Marke beginnt mit einer Chefsache. Es ist neun Uhr morgens in Plan-les-Ouates, einer Gemeinde im Südwesten von Genf. Thierry Stern, der Präsident und Eigentümer von Patek Philippe, eilt im taubenblauen Anzug durch die vierte Etage seiner Manufaktur.

Er muss gleich ins Ausland fliegen, zu einem Event, wo ihn am Abend Hunderte geladene Sammler feiern werden. Wieder einmal. Vorher aber möchte Stern noch den Klang der neuesten Minutenrepetitionen persönlich abnehmen. Das sind mechanische Uhren, welche die Zeit mithilfe eines Schlagwerks akustisch erklingen lassen.

Patek gilt auf diesem anspruchsvollsten Gebiet der Uhrmacherei seit Jahrzehnten als führend. So soll es auch bleiben, weshalb das letzte Wort darüber, ob der Sound für Stunden, Viertelstunden und Minuten richtig eingestellt wurde, der Chef persönlich hat. So war es bereits unter der Führung seines Vaters Philippe, so hält es auch der Sohn. Schließlich zahlen Kunden für diese extrem seltenen Armbanduhren hohe sechs- bis siebenstellige Beträge.

Man steht für sich

Patek Philippe steht heute für sich. Dass man ein Solitär in der Luxusuhrenindustrie ist, hat viele Gründe. Einer ist der Umstand, dass man seit über 180 Jahren durchgängig produziert und in der Lage ist, sämtliche jemals hergestellten Zeitmesser auch selbst reparieren oder restaurieren zu können. Die wenigsten Mitbewerber beherrschen das. In einer Branche riesiger Multimarkenkonzerne bleibt Patek zudem ein Familienunternehmen, in dem Thierry Stern allein entscheidet – unterstützt von CEO Laurent Bernasconi sowie einer Gruppe leitender Direktoren.

Ein anderer Grund kann hier in Genf besichtigt werden: Die Fertigungstiefe beträgt weit über 90 Prozent. Nur Lederbänder und Gläser werden woanders hergestellt, die Zifferblätter von der Tochter Flückiger, bei Schmuck und Steinfassungen hilft eine Beteiligung am Genfer Unternehmen Salanitro. Damit folgt Familie Stern in aller Konsequenz einer Vertikalisierung der Produktion, die bis in die 1990er-Jahre noch relativ unüblich in der Schweiz war. Das alte Genfer System bestand jahrhundertelang darin, sich Komponenten wie Gehäuse, Uhrwerke und Zifferblätter von Zulieferern anfertigen zu lassen.

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Seltener Luxus: Eine rare Patek Philipp „Reference 1518“, die 1943 gefertigt und 2025 versteigert wurde. Um einen Rekordpreis von rund 15 Millionen Euro.

 © Getty Images

Der Klang der Familie

Rund 72.000 Uhren stellt der Familienbetrieb inzwischen so jährlich her; Minutenrepetitionen sind die allerwenigsten, gegenüber Sotheby’s sprach Stern im letzten Jahr von 40 bis 50 Exemplaren pro Jahr. Gut 160 Modelle umfasst der aktuelle Katalog, vom Damenmodell Twenty-4 in Stahl mit Quarzwerk für gut 16.000 Euro bis zur smaragd- und diamantbesetzten Grandmaster Chime mit 20 unterschiedlichen Funktionen (darunter auch ein Schlagwerk) für über fünf Millionen Euro. Dazwischen finden sich mit der 1932 eingeführten Calatrava, der 1976 lancierten Nautilus und der 1997 erschienenen Aquanaut einige der berühmtesten Uhrenfamilien der Welt.

Die US-Bank Morgan Stanley schätzt den Umsatz von Patek auf zweieinhalb Milliarden Franken, damit wäre man die Nummer fünf der Welt. Mehr schaffen nur Marken wie Rolex, Cartier und Audemars Piguet, die ersten beiden mit deutlich größeren Stückzahlen.

Das 1839 gegründete Unternehmen steht finanziell stark da. Die 600 Millionen Schweizer Franken für das Manufakturgebäude soll Familie Stern allein aus Rücklagen gezahlt haben. Es ist riesig für einen Hersteller mit so kleinen Stückzahlen: 189 Meter lang und 67 Meter breit, hat es die Ausmaße eines Kreuzfahrtschiffs. Von den zehn Etagen sind vier unterirdisch. Dank der weißen, umlaufenden Balkonfassaden erinnert es auch optisch an ein Schiff. 1.000 der weltweit 2.500 Mitarbeiter steuern von hier aus die Zukunft der Marke.

Eine Denkschule

Zahlen beschreiben Pateks Bedeutung für Sammler unzureichend: Zwei aus London, ein Vater-und-Sohn-Duo, das auf Instagram eine eindrucksvolle Sammlung unter dem Namen Horology Ancienne teilt, beschreiben die Begeisterung so: „Patek ist mehr als ein Uhrmacher, es ist eine eigene Denkschule. Der Erhalt von Traditionen ist von größter Bedeutung.“ Hier in Genf lernt man: Mindestens genauso wichtig ist, dass Patek nie stillsteht. Das auf den schlichten Namen PP6 getaufte Manufakturgebäude – es gibt fünf weitere am Standort – ist für die nächsten 20 Jahre ausgelegt.

Von unten nach oben entstehen die Preziosen. Ein studierter Kunsthistoriker führt durch die Abteilungen. Eine Einladung hierher ist für Sammler das, was Wimbledon-Finaltickets für Tennisfans sind: kaum zu bekommen. Im Erdgeschoß werden Platinen, Räderwerke und Brücken gefertigt, im ersten Stock Zahnräder, im zweiten Stock hinter einer Sicherheitsschleuse die meist edelmetallenen Gehäuse und Armbänder, die zum Teil mit Edelsteinen besetzt werden.

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Von Hand gefertigt: Jeder Arbeitsschritt erfordert Erfahrung und höchste Präzision. Alleine für die Fertigung eines Zahnrads braucht es 40 bis 60 Arbeitsschritte.

 © Getty Images

Im dritten Geschoß werden die Komponenten für die kompliziertesten Werke hergestellt, die im vierten zusammengebaut werden. Dazu kommen Abteilungen für Forschung, Entwicklung und Restauration. Für jedes Detail gibt es Zahlen: ein Armband für eine Nautilus? 55 Arbeitsschritte. Die Herstellung eines winzigen Zahnrads? 40 bis 60 Arbeitsschritte (obwohl es bereits nach 20 funktionsbereit wäre).

Mitarbeiter durchlaufen teils jahrzehntelange Weiterbildungsprogramme, um bestimmte Arbeitsschritte überhaupt durchführen zu dürfen: Wer die Lünette eines Platingehäuses nach den eigenen Standards mit Smaragden besetzen will, hat hier mindestens 15 Jahre Erfahrung gesammelt. Ganz oben im Gebäude befindet sich die Kantine, der Blick geht rüber zu Marken wie Piaget und Rolex.

Die Sterns waren auch hier die Ersten, setzten auf eine Produktion in Plan-les-Ouates. Seniorchef Philippe Stern eröffnete 1996 das erste Gebäude, 2013 beschlossen Vater und Sohn, alle wesent­lichen Abteilungen zusammenzuführen. 2020 wurde es eröffnet.

60 Schritte für ein Zahnrad

Die meisten der vielen Hundert Einzelteile für eine Patek werden heute mithilfe von computergestützten CNC-Maschinen maschinell gefertigt, aber die anschließende Bearbeitung, das Mattieren und Polieren, das Abkanten von Rädern oder die Verzierung mit Perlschliff erfolgt mit extremer Akribie von Hand. Experten behaupten sogar, dass man sich um die Finissierung heute noch um einiges intensiver kümmere, als es noch vor ein paar Jahrzehnten der Fall war.

Das Ergebnis schätzen immer mehr Sammler, die viele der Arbeiten dabei nicht einmal durch den Glasboden entdecken können, weil sie im Inneren des Uhrwerks versteckt sind. Alles dreht sich um das Produkt. Die Marke ist so stark, dass man nicht wie andere Marken mit Testimonials wirbt oder öffentlichkeitswirksam Sport- oder Kulturevents fördert.

Man verzichtet inzwischen sogar auf externe Auszeichnungen wie das weltweit angesehene Genfer Siegel, eine weltweit respektierte Qualitäts- und Ursprungsbescheinigung. Das hauseigene Patek-Philippe-Siegel mit seinen 67 penibel zu erfüllenden Parametern setzt eigene Standards.

Raum für Generationen

Zukunft wird im PP6 auch räumlich in Generationen gedacht: Die verbindenden Flure auf den Etagen sind breit wie Tanzsäle, alles ist luftig weit: von den gläsernen Eckbüros für die Abteilungsleitungen bis zu den offenen, lichtdurchfluteten Arbeitsplätzen für die Uhrmacher und Finisseure. Exakt acht Stunden und 22 Minuten arbeiten die hier jeden Tag, um die Erfolgsgeschichte fortzuschreiben.

Die begann vor 187 Jahren mit dem polnischen Adeligen Antoine Norbert de Patek und dem Uhrmacher Franciszek Czapek. Sie befreiten einst Träger von Taschenuhren vom Aufzugsschlüssel, zu den ersten Kunden von Uhrwerken mit Kronenaufzug zählte 1851 praktischerweise Queen Victoria. So lernte der Hochadel Patek lieben, später kam die Hochfinanz dazu. 1931 präsentierte man den ersten Mechanismus, mit dem man zwischen 24 Weltzeitzonen wechseln konnte.

In den 1940er-Jahren wurden Ewige Kalender in Serie gefertigt, insbesondere die Kombination aus Chronograf mit Stoppfunktion und Ewigem Kalender gilt als besonders begehrenswert und typisch für Patek Philippe: Soeben wurde ein Stahlmodell von 1943, die Referenz 1518, für 15,2 Millionen Euro versteigert – ein weiterer Auktionsweltrekord für eine historische Armbanduhr.

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Geschichtsträchtig: Im Patek-Philippe-Werk in Plan-les-Quates werden die Uhren auch servisiert. In Handarbeit wie auch schon in früheren Zeiten.

 © Getty Images

Patek Philippe zeigt sich krisensicher. Seit 1932 gehört das Unternehmen der Familie Stern, die zuvor Zifferblätter geliefert hatte. Sie kauften es der Familie Philippe während der Weltwirtschaftskrise ab. Thierrys Vater Philippe führte das Unternehmen ab 1977 durch die schweren Jahre der Quarzkrise.

Heute gilt er als größter Innovator in der Geschichte der Marke, der mit der hochbegehrten Nautilus nicht nur das Segment der sportlichen Luxusuhren prägte, sondern auch komplett neue Uhrwerke wie den Jahreskalender erfinden ließ: Der kleine Bruder des Ewigen Kalenders verzichtet auf Schaltjahre und muss im Gegensatz zu einem klassischen Kalender nur einmal im Jahr, Ende Februar, neu gestellt werden. Die 1996 eingeführte Komplikation öffnete Patek für das mittlere Preissegment.

Sohn Thierry Stern verstärkt seit 17 Jahren vor allem die Kompetenz des Hauses bei den dekorativen Handwerkskünsten. Beim Emaillieren und Guillochieren werden Zifferblätter und Gehäuse aufwendig zu individuellen Kunstwerken. Für ein Unternehmen, das sich vom Wettbewerb weitgehend entkoppelt hat, sind neue Produkte die mit Abstand größte Herausforderung. Mit der neuen Kollektion Cubitus – im Herbst 2024 vorgestellt – traf Thierry den richtigen Nerv.

Auch strategisch hält er die Begehrlichkeit hoch: Stückzahlenmaximierung wäre bei dem 600-Millionen-Bau verständlich, doch die Familie steigert die Produktion nicht unverhältnismäßig. Die Jahresproduktion wuchs in den letzten Jahren von 60.000 Uhren auf nur 72.000 Exemplare. Die Qualitätsansprüche des Hauses verhindern laut Experten ein schnelleres Wachstum. Sie sind der wahre Grund dafür, dass sich das Unternehmen trotz zunehmenden Wettbewerbs weiter unangefochten an der Spitze hält.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 21/2026 erschienen.

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