Vom Ticketverkauf bis zur Bühne prägt Eventim Österreichs Live-Branche wie kaum ein anderes Unternehmen – und sieht sich Kritik an wachsender Marktmacht und hohen Preisen ausgesetzt.
Dem Erlebnis verpflichtet – das ist das Motto von Eventim Austria, einem Tochterunternehmen des weltweit tätigen Ticketing-Anbieters CTS Eventim. Und tatsächlich kann beinahe von einer Pflicht gesprochen werden, wenn es um Live-Events in Österreich geht. Denn an Eventim, hierzulande vor allem durch seine Ticketplattform Ö-Ticket bekannt, führt kein Weg vorbei: Eurovision Song Contest 2026, Klassikkonzerte, Theater in der Josefstadt und Burgtheater, Ski-Opening in Schladming mit den Backstreet Boys, die Konzerte von Iron Maiden und Robbie Williams im Happel-Stadion, Festivals wie Frequency und Nova Rock, Events in der Ottakringer Brauerei, Spiele der Fußballnationalmannschaft – wer Tickets kauft, besorgt sich diese meistens bei Eventim.
300 Millionen ...
... Tickets werden weltweit über Eventim vertrieben
Der deutsche Mutterkonzern ist im Ticketing weltweit die Nummer zwei hinter der amerikanischen Live-Nation-Gruppe (Ticketmaster), ist aber inzwischen weit mehr als Verkäufer von Karten. Vertikale Integration nennt man es, wenn Unternehmen auf mehreren Ebenen einer Wertschöpfungskette tätig sind. Im Fall von Live-Entertainment ist Eventim genau das beispielhaft gelungen: Das Unternehmen wickelt nicht nur den Verkauf der Eintrittskarten ab, sondern hat sich über Zukäufe und Expansion an strategisch wichtigen Stellen platziert:


Auch große Festivals wie Nova Rock werden von Eventim vermarktet
© APA-Images / APA / FLORIAN WIESERSo ist Eventim vielfach zugleich der Veranstalter und oftmals sogar der Betreiber der jeweiligen Spielstätte; auch die nötige Software kommt oft von Eventim, das sich dann noch um die Vermarktung des Events kümmert. CEO der CTS Eventim AG ist Klaus-Peter Schulenberg, der zugleich größter Anteilseigner ist (knapp 39 Prozent der Aktien); die amerikanische BlackRock hält rund sieben Prozent. Die Marktkapitalisierung liegt derzeit bei rund 6,5 Milliarden Euro.


Klaus-Peter Schulenberg, CEO von CTS Eventim (München)
© imago images/Carsten DammannRasantes Wachstum
Events sind ein einträgliches Geschäft: Eventim konnte die Umsatzerlöse von rund 1,44 Milliarden Euro im Jahr 2019 (vor der Pandemie) auf 2,8 Milliarden in 2024 steigern.


Das rasante Wachstum ist vor allem darin begründet, dass Live-Konzerte und deren Nebengeräusche wie Merchandising längst zur wichtigsten Einnahmequelle vieler Künstler geworden sind.
2,809 Milliarden Euro ...
... betrug der Konzernumsatz von CTS Eventim im Jahr 2024, ein Plus von rund 19 Prozent gegenüber 2023
Weil Musik heute vor allem über Streaming-Plattformen wie Spotify konsumiert wird und dort für die Musiker oftmals gerade mal ein besseres Taschengeld übrigbleibt, braucht es mehr Auftritte, um Geld zu verdienen – und entsprechend teuer sind die Tickets, zumindest jene für bekannte und begehrte Künstler. Tatsächlich spielt sich unter 100 Euro pro Ticket bei den sogenannten Headlinern gar nichts mehr ab und nach oben sind der Preisfantasie kaum Grenzen gesetzt.
Expansion mit Gegenwind
Die Expansion des börsennotierten Mutterkonzerns geht weiter, so wurde durch die Übernahme der Ticketing-Sparte des Medienkonzerns Vivendi außerhalb Frankreichs unter anderem die Position in Großbritannien gestärkt. Im Vorjahr gab es wegen teurer Zukäufe zwischenzeitlich zwar etwa Aufregung unter den Aktionären, doch Eventim sieht sich als globaler Player und wächst unter anderem in den USA (Olympische Sommerspiele 2028 in Los Angeles) und Brasilien.
Nicht immer läuft diese Expansion ohne Gegenwind: 2017 untersagte das deutsche Bundeskartellamt die Übernahme der Konzertagentur Four Artists, gegründet von der deutschen Band „Die Fantastischen Vier“. Die Begründung: Das Unternehmen habe ohnehin bereits eine marktbeherrschende Stellung. Die verbotene Übernahme geschah dann aber quasi durch die Hintertür: Parallel zum Ende von Four Artists im Jahr 2020 wurde von einer Tochterfirma von Eventim die Agentur All Artists Agency gegründet, bei der schließlich ein Großteil der Künstler und Mitarbeiter von Four Artists landeten; Eventim hält 51 Prozent an dieser Agentur. Als „Expansion am Kartellamt vorbei“ wurde das von der ARD-Tagesschau bezeichnet.
Hat sich CTS Eventim auch in Österreich ein Quasi-Monopol errichtet, das zu hohen Ticketpreisen führt? Für Christoph Klingler, CEO von Eventim Austria, ist das nicht der Fall: Ö-Ticket habe sich durch „klare Kundenorientierung, technische Innovation und konsequenten Qualitätsfokus“ eine marktstarke Position erarbeitet, die jedoch „weit entfernt von einer Marktdominanz“ sei. Das Wachstum basiere auf „Zuverlässigkeit, Leistungsfähigkeit und Fairness gegenüber allen Marktteilnehmern“.


Christoph Klingler, Österreich-Chef CTS Eventim (Ö-Ticket)
© APA-Images / KURIER / Jeff MangioneAber sind die Preise für Tickets nicht doch durch die besondere Positionierung am Markt so hoch? Auch das verneint Klingler: „Preise werden von den Veranstaltern in Abstimmung mit ihren Künstlern festgelegt.“ Auch die Höhe der Vorverkaufsgebühr bestimme der Veranstalter. „Für alle Veranstalter gilt, dass steigende Ticketpreise in der Regel nicht die Rendite erhöhen, sondern gestiegene Kosten für Personal und Infrastruktur sowie kontinuierlich steigende Gagenerwartungen der Künstler kompensieren.“
Marktmacht zu Lasten von Künstlern?
Aus der Musikbranche wird wiederholt der Vorwurf laut, die vorhin genannte vertikale Integration führe zu einer Marktmacht zulasten von Künstlern, aber auch der Musikfans. Klingler bestreitet das: Etwa 90 Prozent der vertriebenen Tickets würden von Drittveranstaltern stammen. „Auch die zur Eventim-Live-Gruppe gehörenden Veranstalter agieren individuell unternehmergetrieben und maximal unabhängig im Markt.“ Und Künstler sowie Konsumenten würden ja von der Leistungsfähigkeit der Ticketing-Plattform profitieren. Sehen wir uns drei Beispiele für Konzert 2026 in Österreich an:
Im Juni beehren Linkin Park das Wiener Happel-Stadion, die Tickets mit Preisen zwischen 100 und 400 Euro verkauft Ö-Tickets, Veranstalter ist Nova Musik, Tochterfirma von Barracuda, an der Eventim Austria 71 Prozent hält.
Helene Fischer folgt im Juli, Tickets (rund 98 bis knapp 450 Euro) gibt es bei Ö-Ticket, Veranstalter ist Live Nation.
Beim FM4 Frequency Festival in St. Pölten (3-Tagespass ab circa 280 Euro) ist ebenfalls Ö-Ticket der Kartenvertreiber, Veranstalter ist Musicnet Entertainment, Tochter der erwähnten Barracuda, an der Eventim die Mehrheit hält.
Wenn Ticketkäufer übrigens ihre Karten doch nicht brauchen und weiterverkaufen möchten, wird ihnen über die Marke „fansale“ von Eventim eine Plattform zur Verfügung gestellt. Als Argument dafür führt Ö-Ticket dubiose Akteure an, die mit Hilfe von Bots versuchen würden, sich Tickets zu sichern und diese dann am unautorisierten Zweitmarkt zu verkaufen. Andererseits verdient Eventim über den Wiederverkauf dann nochmals, weil sowohl die Verkäufer der Tickets als auch die Zweitkäufer Gebühren bezahlen.
Apropos gutes Geschäft: Für sogenannte Platin-Tickets bei besonders begehrten Konzerten werden bis zu 400 Euro verlangt, was weniger an einem besseren Platz oder sonstigen Upgrades liegt, sondern einfach am Zeitpunkt des Ticketkaufs. Dynamic Pricing nennt man es, wenn Preise bei großer Nachfrage steigen. Das werde bei Ö-Ticket aber nicht eingesetzt, behauptet Klingler: „Wie bei allen Fragen rund um das Pricing entscheiden auch hier am Ende die Veranstalter.“
Im Mai vorigen Jahres hat die Eventim-Plattform Ö-Ticket jedenfalls einen jahrelangen Rechtsstreit für sich entschieden: Servicegebühren sind laut OGH zulässig und müssen selbst nach einer Absage der Veranstaltung nicht zurückbezahlt werden. Der VKI hatte Eventim 2023 im Auftrag des Sozialministeriums geklagt. Das Problem: Bei der Mehrzahl der Live-Konzerte gibt es keine andere Möglichkeit als Ö-Ticket, denn auf den Direktvertrieb verzichten unabhängige Veranstalter inzwischen weitgehend. In Deutschland wurde übrigens die von CTS Eventim eingeführte „Servicegebühr“ für das Ausdrucken der Tickets von den Käufern daheim vom Bundesgerichtshof 2018 für unzulässig erklärt.
Marken und Plattformen von CTS Eventim Austria
Ö-Ticket: Marke und Plattform zum Ticketverkauf an Konsumenten
Fansale: Plattform für den Wiederverkauf von Tickets
Eventim.tixx: Software für Ticketing und Merchandising im Sport- und Kulturbereich
eventim.net: System für den Vertrieb von Tickets
eventiminhouse/ JetTicket: Ticketing-Lösungen für Veranstaltungsorte
oeticketlight: Ticketplatt- form für Veranstalter
klassikticket: Marke für Ticketverkauf im Klassikbereich
eventim Austria Data- & Media-Consulting: Agentur für Werbung in Social Media etc.
Veränderte Erwartungen
„Es gibt noch kein klares Verständnis dafür, was eine solche Monopolisierung für den künstlerischen Output bedeutet“, meint Marie Hummer, Gründerin des Musiklabels Rain (u. a. Pippa, Bex, Rahel). Dabei sind Live-Auftritte auch für Indie-Künstlerinnen und -Künstler eine wichtige Einnahmequelle geworden. Doch der Trend zu immer teureren Konzerten bekannter Namen wirkt sich auch für diese aus: „Es gibt eine Diskrepanz zwischen den Ausgaben etwa für ein Taylor-Swift-Konzert und anderen Konzerten, da haben auch Streaming-Plattformen wie Spotify die Einstellung verändert.“ Auch der Trend, dass Konzerte immer aufwendiger und bombastischer werden, würde die Erwartungshaltung an ein solches Event verändern, meint Hummer.
Generell sei es nicht einfach, sich in der Musikszene einen Namen zu machen. „Jüngere und weniger bekannte Musikerinnen und Musiker können selten ausschließlich von der Musik leben, die meisten haben noch einen anderen Job.“ Dazu komme, dass man in Österreich eben nicht über Geld spreche, dabei würde mehr Transparenz sicher helfen. Es gibt zwar eine hohe Motivation bei jungen Künstlern, aber es ist eine große Überwindung, sich ganz der Kunst zu widmen. „Es braucht andererseits hundert Prozent, um sich am Markt durchsetzen zu können – auch weil es immer schwieriger wird, Aufmerksamkeit zu erzeugen angesichts der Überflutung durch Soziale Medien und so weiter.“
Wie sehen junge Künstlerinnen die Situation? Marie Pfeiffer von der Wiener Heavy-Metal-Band Lurch berichtet, dass viele Veranstalter bzw. Spielstätten gar keine Tickets selbst verkaufen, sondern nur über die großen Anbieter. „Wir als Band können gar nicht bestimmen, wo und wie Tickets für unsere Auftritte verkauft werden.“ Zumindest wolle man auf diese Problematik aufmerksam machen; ihre Band spricht sich zudem gegen den Bau der Eventim-Halle in St. Marx aus – die bisher für niederschwellige Kulturangebote genutzte Fläche sei damit verloren. „Das ist sinnbildlich dafür, dass Eventim inzwischen die Musik- und Eventbranche dominiert“, sagt Pfeiffer. „Eine lebendige Kunstszene wird dadurch nicht gerade gefördert.“ Ihre Band will mit Aktionen wie auf der Mariahilfer Straße auf diese Problematik aufmerksam machen. „Es gibt eine lebendige Szene, aber der Platz und die Ressourcen sind begrenzt.“
Geschichte von Eventim
Der 1989 gegründete Münchner Konzertveranstalter CTS (Computer Ticket Service) wird 1996 von Klaus-Peter Schulenberg übernommen. 1999 wird das Unternehmen zu einer AG und in CTS Eventim umbenannt, ein Jahr später folgt der Börsegang in Frankfurt und der Start einer neuen Ticketing-Software. In den folgenden Jahren erwirbt die Firma Beteiligungen an Konzertveranstaltern und hält damit erstmals im großen Stil Live-Events und zugleich das Ticketing dafür in einer Hand.


Der Verkauf der Tickets für die Fußball-WM 2006 in Deutschland gilt als Beweis für die steigende Marktmacht; 2010 klettert der Umsatz erstmals über 500 Millionen Euro, 2017 erstmals über eine Milliarde. In Österreich wurde 1999 die 1995 gegründete Ticket Express zu 75 Prozent übernommen, es folgten Gründungen von Tochtergesellschaften in Kroatien, Slowenien und der Slowakei, später auch in Serbien, Rumänien und Bulgarien.
CEO von CTS Eventim Austria ist seit 2016 Christoph Klingler, der von Ticket-Express-Gründer Andreas Egger übernommen hat. 2019 werden 71 Prozent des Konzertveranstalters Barracuda Music übernommen. Seit 2012 ist CTS Eventim Ticketingpartner der Österreichischen Bundestheater. In Europa ist CTS Eventim heute der größte Ticketing-Anbieter, weltweit die Nummer zwei. Laut eigenen Angaben ist der Konzern außerdem weltweit zweitgrößter Veranstalter.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 11/2026 erschienen.






